Hefte raus, Klassenarbeit!

Zertifizierungen in der IT-Welt – Schwerpunkt Java und UML

Tim Weilkiens und Stefan Zörner

IT-Zertifizierungen sind ein beliebtes Stammtischthema. Kaum hat man es erwähnt, starten heftigste kontroverse Diskussionen. In der Regel schwingen viele Emotionen mit, was meist zu eher unsachlichen Pauschalaussagen führt. Wie stehen Sie zu Zertifizierungen? Im Folgenden beleuchten wir das Thema von verschiedenen Seiten und betrachten exemplarisch das Java-Curriculum von Sun und die UML-Angebote der OMG.

Wir wollen Zertifizierungen in diesem Beitrag sachlich betrachten. Wir werden sie weder bejubeln noch verteufeln. Letztendlich muss jeder für sich entscheiden, was er davon hält. Fakt ist aber: Ob man will oder nicht, ob man sie befürwortet oder sie für unsinnig hält: Als Mitarbeiter in IT-Projekten muss man sich heutzutage mit Zertifizierungen auseinander setzen. Und die Trendkurve zeigt deutlich nach oben.

Natürlich stimmen die Aussagen, dass ein Java-Zertifikat noch keine Kennzeichnung guter Programmierer ist und man am UML-Zertifikat nicht gute Modellierer ausmachen kann. Nichtsdestoweniger besteht der manische Zwang, Qualifikationen messbar zu machen. Die Globalisierungtendenzen ergänzen die Anforderung, dass die Messlatte international auf derselben Höhe liegen sollte. Und damit steht man in der Welt der Zertifikate. Hochschulzeugnisse etc. haben in der Regel eher nur einen nationalen Stellenwert, sind meist viele Jahre alt und bescheinigen kein Wissen über konkrete Technologien wie Java oder UML. Auch wenn sie unbestritten wertvoller als ein Zertifikat sind. Ähnlich wie bei Arbeitszeugnissen ist für Zertifikate ein gewisses Kontextwissen notwendig, um zu einer sinnvollen Bewertung zu gelangen.

Willkommen im Dschungel der Zertifizierungen!

Die Motive, warum man sich für Zertifizierungen interessieren könnte, sind unterschiedlich und hängen maßgeblich von der jeweiligen Rolle in der IT-Welt ab. Ein Manager mit Personalverantwortung erhofft sich durch Zertifizierungen vielleicht, dass seine Mitarbeiter einen höheren Marktwert haben und sich so besser bei Kunden oder in Projekten platzieren lassen. Vielleicht befürchtet er aber auch umgekehrt, dass gerade dieser erhöhte Marktwert einzelne Mitarbeiter zu einem Jobwechsel veranlasst oder sie zumindest in eine bessere Lage bei Gehaltsverhandlungen versetzt.

Zertifizierungskandidaten erhoffen sich nicht selten ebenfalls derartige Effekte und versuchen, ihr Profil durch eine Zertifizierung aufzuwerten. Dabei ist die Frage, ob eine Zertifizierung allein den Marktwert erhöht, umstritten. Die Kenntnisse der Personen, die z.B. über die Vergabe einer Stelle entscheiden, variieren stark. Es soll Leute geben, die sich von einem „x certified y for z“-Titel im Lebenslauf beeindrucken lassen.

Eine völlig andere Motivation zur Zertifizierung ist nicht das Zertifikat selbst, sondern der Weg dorthin. Beispielsweise ist das für die UML-Zertifizierung erforderliche Wissen für den Modellierer wertvoll. Das Erlernen der Materie ist aber ein beschwerlicher Weg. Das Zertifikat ist ein Ziel am Horizont, das zum Lernen motiviert und hilft, das Thema gradlinig zu durchstreifen.

Von der Idee zum Zertifikat

Einen Überblick über die Fülle an angebotenen Zertifizierungen, die es in der IT für praktisch jede Rolle, vom Entwickler über den Tester bis zum Projektmanager, gibt, liefern einschlägige Seiten im Internet, z.B. GoCertify oder CertMag.
Nehmen wir an, Sie hätten sich ein Zertifikat ausgeguckt. Und jetzt? Im Folgenden stellen wir einen generischen Leitfaden vor, an dem Sie sich entlanghangeln können. Abbildung 1 zeigt die wesentlichen Schritte anhand eines UML-Diagramms. Später illustrieren wir einzelne Schritte anhand konkreter Beispiele.

Abb. 1: Wesentliche Schritte von der Idee zum Zertifikat

Aus unserer Sicht sollten Zertifikate kein Selbstzweck sein, sondern einem höheren Ziel dienen. Über dieses Ziel sollten Sie sich zunächst klar werden. Mögliche Visionen könnten sein:

  • Ich möchte in Zukunft in der Rolle x/im Bereich y arbeiten.
  • Ich möchte meine vorhandenen Kenntnisse gegenüber Kunden/Vorgesetzten/… belegen.
  • Ich möchte meinen eigenen Marktwert erhöhen, um beispielsweise ein höheres Gehalt zu bekommen.
  • Ich suche eine Herausforderung und möchte mich mir beweisen, dass ich mich in kurzer Zeit in neue Themen einarbeiten kann.
  • Aufgezwungenes Ziel: Meine aktuelle Arbeit erfordert ein Zertifikat.

Im Anschluss überprüfen Sie, ob das Erlangen des Zertifikats diesem Ziel tatsächlich dienlich ist. Im Rahmen dieser Findung setzen Sie sich mit den Zertifizierungsangeboten auseinander, d.h., Sie studieren Voraussetzungen, Kosten, Lernziele („Objectives“), erwarteten Nutzen, Marktakzeptanz und Ähnliches. Ziehen Sie unterschiedliche Angebote in eine engere Auswahl und vergleichen Sie diese. Als Ergebnis finden Sie potenzielle Zertifizierungen oder kommen zu dem Entschluss, dass eine Schulung zu dem jeweiligen Thema, ein Coaching oder aktive Mitarbeit in Foren, Gremien oder Open-Source-Projekten der bessere Weg ist, um nachweisbares Wissen zu erlangen.

Ein Beispiel: Sie haben lange Zeit als Java-Entwickler gearbeitet und möchten in Zukunft im Projektmanagement arbeiten. Es wäre für Sie vielleicht nicht schwer, ein Java-Programmer-Zertifikat zu erlangen. Die Vorbereitungszeit könnte aber vermutlich sinnvoller genutzt werden – etwa indem Sie sich im Bereich Projektmanagement verbessern. In Ihrem Profil hat das Programmierzertifikat später vielleicht sogar eine unerwünschte Wirkung. (Ihr Unternehmen verkauft Sie weiter als Programmierer an Kunden, und blockiert so Ihre Weiterentwicklung.)

Soll/Ist-Analyse

Sollten Sie sich dafür entschieden haben, ein Zertifikat zu erwerben, empfiehlt es sich anhand einer Selbsteinschätzung (Assessment) einen Abgleich der Lernziele des Zertifikats mit Ihrem Wissensstand zu machen. In welchen Bereichen bringen Sie bereits die nötigen Kenntnisse mit? Wo müssen Sie an sich arbeiten und sich verbessern?

Einige Zertifizierungen haben hohe Einstiegshürden, da gewisse Voraussetzungen erfüllt sein müssen. Beispielsweise verlangt die Projektmanagement-Zertifizierung PMI einen Hochschulabschluss und nachweisbare Berufserfahrung im Projektmanagement. Ebenso die Systems-Engineering-Zertifizierung von INCOSE, die fünf Jahre Berufserfahrung, eine bestimmte Ausbildung sowie unterschiedliche Referenzen von Kollegen voraussetzt. Diese formalen Voraussetzungen filtern den Teilnehmerkreis der Zertifizierung. Sie müssen prüfen, ob Sie diese Voraussetzungen erfüllen bzw. ob Sie dahin arbeiten können, dass Sie sie in Zukunft erfüllen werden.
Ein nützliches Hilfsmittel zur Selbsteinschätzung bei Zertifizierungen, die Multiple-Choice-Tests enthalten, sind so genannte „Mock Exams“. Das sind Tests, die den echten Prüfungen in Inhalt und Umfang nachempfunden sind, ohne Originalfragen zu enthalten (Tests mit Originalfragen heißen „Brain Dumps“ und sind in der Regel illegal). Teilweise bieten die Anbieter Beispielfragen selbst an.

Wenn Sie wissen, wo Sie besser werden müssen, bewerten Sie die Möglichkeiten, die Sie zur Vorbereitung haben. Klassisch sind in diesem Bereich spezielle Bücher zum Selbststudium oder der Besuch von Schulungen. Falls Sie sich nur in bestimmten Bereichen verbessern müssen, sind Bücher oder Artikel speziell zu diesen Themen gegebenenfalls effizienter. Neben diesen konventionellen Möglichkeiten kann auch die Beteiligung in Foren im Internet oder auch persönliches Coaching sehr effektiv sein, Letzteres z.B. durch einen erfahrenen Kollegen. Am Ende Ihrer Analyse sollten Sie eine Art Lernplan aufstellen, der Ihnen hilft abzuschätzen, wie aufwendig die Vorbereitung ist (Zeit, Kosten). Vielleicht finden Sie einen Sponsor (Ihren Manager).

Der Ablauf der Schritte in Abbildung 1 hängt stark vom konkreten Zertifikat ab. Im Folgenden schauen wir uns daher exemplarisch zwei Zertifizierungsangebote, die für IT-Kräfte in der Java-Welt besonders interessant sind, genauer an, nämlich die von Sun Microsystems und die der OMG (Stichwort UML).

Das Java-Curriculum von Sun

Sun Microsystems bietet seit langem Zertifizierungen für verschiedene Themen und Produkte an, z.B. für Solaris. Im Bereich der Java-Technologie haben Suns Zertifizierungen die höchste Wichtigkeit am Markt. Denn zum einen ist der Schöpfer der Technologie als Aussteller geradezu prädestiniert. Zum anderen sind die Zertifizierungen nicht herstellerspezifisch. Sun prüft die Technologien anhand der Spezifikationen ab, nicht anhand seiner Produkte. Konsequenterweise haben andere Java-Mitspieler wie zum Beispiel IBM und BEA es nicht für nötig befunden, eigene allgemeine Java-Zertifizierungen aufzulegen, sondern reihten die Sun-Angebote teilweise sogar in ihre eigenen Programme mit ein (z.B. als Voraussetzung).

Die älteste Java-Zertifizierung, der Sun Certified Java Programmer (SCJP), wurde bereits für die Java-Version 1.0 zum ersten Mal aufgelegt. Sie hat einige Aktualisierungen erfahren; die letzte Fassung prüft auch die Sprachfeatures von Java 5 ab. Mit der Zeit hat Sun sein Zertifizierungsangebot im Java-Bereich deutlich erweitert, doch SCJP bleibt der Kern, allein schon, weil es Voraussetzung für fünf der derzeit sieben anderen Prüfungen ist. Schwerpunkt des SCJP ist Java als Programmiersprache. Wir haben das Wesentliche zu diesem Zertifikat in einem Steckbrief kurz zusammengestellt.

Steckbrief: SCJP
Sun Certified Programmer for the Java 2 Platform, Standard Edition 5.0 (CX-310-055)

  • Voraussetzungen: (formal) keine
  • Durchführung: computergestützt, in Prometric Testing Centers
  • Multiple Choice, 72 Fragen, bestanden bei mindestens 43 richtigen Antworten (59 Prozent)
  • keine Hilfsmittel erlaubt
  • Dauer (Zeitlimit): 175 Minuten
  • Sprachen: englisch, deutsch (und andere)
  • Kosten: 210 Euro (+ Mwst.), Voucher ist über Sun zu beziehen
  • Ergebnis: Zertifikat, Logo-Rechte, Pin

Abb. 2: Lernziele SCJP

Wenn Sie sich am allgemeinen Leitfaden von oben orientieren, beantworten Sie für sich zunächst die Frage, ob Sie dieses Zertifikat anstreben sollten. Die Lernziele (also die Inhalte, die geprüft werden) finden Sie auf den Seiten von Sun [5], Abbildung 2 stellt die wesentlichen Punkte in Form einer Mindmap dar. Als weitere gute Quelle, um sich zu informieren und auch um Material zur Vorbereitung für Java-Zertifizierungen zu finden, bietet sich die Java-Ranch an. Wenn Sie etwa Bereiche identifizieren möchten, in denen Sie sich noch verbessern müssen, finden Sie dort auch Links zu „Mock Exams“.

Abb. 3: Startseite der Java-Ranch

Für den SCJP gibt es keine formalen Voraussetzungen, d.h., Sie können den Test absolvieren, ohne z.B. zuvor eine bestimmte Schulung besucht oder eine andere Zertifizierung erworben zu haben. Was Sie benötigen, ist ein Gutschein (Voucher), den Sie bei der Firma Sun erwerben und anschließend in einem der zahlreichen Testcenter von Prometric einlösen können. Die Voucher sind ein Jahr gültig, d.h., es bleibt Ihnen auch nach dem Erwerb noch genügend Zeit zur Vorbereitung. Natürlich können Sie auch mit der Vorbereitung beginnen und sich den Voucher besorgen, wenn Sie absehen können, wann Sie fit genug sind für den Test.

Zur eigentlichen Durchführung des Tests vereinbaren Sie dann einen Termin mit einem Testcenter (Liste), entweder telefonisch oder über das Internet. Am vereinbarten Termin werden Sie dann im Testcenter Ihrer Wahl willkommen geheißen, müssen sich identifizieren (Personalausweis) und es wird Ihnen ein Rechner zur Verfügung gestellt, an dem Sie dann den Test ablegen. Die zur Verfügung stehende Zeit ist bei SCJP mehr als ausreichend. Hilfsmittel dürfen keine mit in den in der Regel kameraüberwachten Raum mitgebracht werden, d.h. ein Blick in die Spezifikation oder das Ausprobieren in einer IDE ist Ihnen verwehrt.

Die 72 Fragen können der Reihe nach beantwortet werden; Sie können aber auch Fragen auslassen und später bearbeiten oder auch Fragen markieren (z.B. wenn Sie sich nicht sicher sind), um sie nachher gezielt noch einmal zu besuchen. Zu Beginn des Tests besteht die Möglichkeit, einen Probetest durchzuspielen, der inhaltlich nichts mit Java zu tun hat, sondern ausschließlich dazu dient, Sie mit der Testsoftware vertraut zu machen. Die Zeit, die Sie dazu verwenden, wird nicht berechnet – die 175 Minuten zählen erst ab dem Moment, in dem Sie den echten Test starten. Nutzen Sie diese Möglichkeit! Für den echten Test werden Ihnen dann individuell per Zufall Fragen aus einem großen Pool zugewiesen.

Wenn Sie glauben, alle Fragen dieses Tests, so gut Sie können, beantwortet zu haben, beenden Sie diesen. Sie erhalten unverzüglich am Bildschirm das Ergebnis. Zum Bestehen müssen mindestens 59 Prozent der Fragen korrekt beantwortet sein. Falsch beantwortete Fragen geben keinen Minuspunkt, d.h., es lohnt sich zu raten, anstatt bei Unsicherheit Fragen unbeantwortet zu lassen.

Falls Sie bestanden haben, erhalten Sie direkt im Testcenter eine gestempelte Bestätigung; das eigentliche Zertifikat folgt einige Wochen später mit der Post. Falls Sie nicht bestanden haben, besteht die Möglichkeit, die Prüfung zu wiederholen. Es fallen nochmals die gleichen Gebühren an (Sie benötigen einen neuen Voucher), und Sie müssen zwischen Ihrem Fehlversuch und dem nächsten Versuch mindestens zwei Wochen verstreichen lassen. In jedem Fall erhalten Sie im Testcenter einen Ausdruck, an dem Sie ablesen können, wie Sie in den unterschiedlichen Bereichen des Tests abgeschnitten haben. Dies ist im seltenen Fall des Scheiterns ein wichtiges Hilfsmittel zur erneuten Vorbereitung.

Abb. 4: Die Java-Angebote von Sun im Überblick

Neben dem SCJP hat Sun nach und nach weitere Java-Zertifizierungen für unterschiedliche Zielgruppen aufgelegt (Abb. 4). Hier sind zuallererst Spezialisierungen zu nennen – weitere Multiple-Choice-Tests, die den SCJP als Voraussetzung haben und sich z.B. an Web- oder EJB-Entwickler richten. Beim Sun Certified Java Developer (SCJD) und dem Sun Certified Enterprise Architect (SCEA) sind Aufgaben in Eigenverantwortung zu lösen und die Ergebnisse einzusenden – beim SCJD in Form von Quelltext, beim SCEA in UML. Da diese nicht automatisch verifiziert werden können (Menschen müssen sich damit auseinander setzen), liegen diese Tests preislich höher als die reinen Multiple-Choice-Tests.

Sun legt in unregelmäßigen Abständen neue Fassungen der Zertifikate auf und passt dabei die verwendete Version an, wie im Beispiel SCJP auf Java 5. Es ist daher zu beachten, welche Version tatsächlich geprüft wird. Beim SCBCD ist mittlerweile eine Fassung für Java EE 5 verfügbar (d.h. EJB 3.0). Ganz anders ist die Situation bei SCEA. Der enthaltene Multiple Choice, der unter anderem Entwurfsmuster und verschiedene Technologien neben Java prüft, basiert in Teilen noch immer auf Java EE 1.2 (also EJB 1.1). Bis zu einer Aktualisierung ist es daher fraglich, ob man diese Zertifizierung anstreben sollte – warum völlig veraltete Inhalte studieren? Eigentlich schade, denn der SCEA mit seiner Prüfung im Bereich Modellierung, wo echte Entwurfskenntnisse gefragt sind, hebt sich sehr positiv von den reinen Multiple-Choice-Angeboten ab.

Der jüngste Spross unter den Java-Zertifizierungen ist der Sun Certified Java Associate (SCJA). Er richtet sich explizit an Neulinge, ist einfacher als der SCJP, aber breiter in den behandelten Themen. So prüft er neben Java-Sprachgrundlagen auch minimale Kenntnisse in UML und enthält Fragen, wann eine bestimmte Java-Technologie angemessen ist. Kenntnisse von in der Java-Welt etablierten Open-Source-Lösungen werden leider nicht gefordert.

Generell haben Java-Zertifikate bei Sun kein Verfallsdatum. Ein einmal abgelegter SCJP z.B. erfüllt für nachfolgende Prüfungen – falls gefordert (Abb. 4) – die Voraussetzung, egal wann und in welcher Fassung der Test erfolgt ist. Die Versionsnummer ist allerdings im Zertifikat angegeben.

Die Sun-Zertifizierungen für Java sind aus unserer Sicht insbesondere für Entwickler und Architekten in wechselnden Projektsituationen interessant, denn solide Technologiekenntnisse sind hier wichtiger als Produkt-Know-how. Bei Administratoren von Application-Servern hingegen spielen detaillierte Produktkenntnisse eine große Rolle. Hier kann es interessant sein, auf die Angebote der entsprechenden Hersteller zu schauen (IBM, BEA, JBoss …). Für Java-Neulinge können insbesondere SCJA und SCJP attraktive Meilensteine im Rahmen einer Zielvereinbarung sein; ihr Erreichen ist gemeinsam mit der Führungskraft objektiv überprüfbar.

Abb. 5: JavaBlackBelt – Zertifizierungen in Web 2.0-Gewand

Eine interessante Alternative, um Wissen im Java-Umfeld zu erlangen und zu einem gewissen Grad auch zu belegen, stellt die Seite JavaBlackBelt dar. Dort werden in Web 2.0-Manier durch die Community Testfragen zu zahlreichen Java-Technologien (und auch angrenzenden Themen wie z.B. relationalen Datenbanken) erstellt. Jeder kann kostenlos über das Internet Tests absolvieren und so farbige Gürtel erlangen (Abb. 5). „Bezahlt“ werden muss ab einer bestimmten Stufe mit Punkten, die nur durch das Ausdenken neuer und das Verbessern bestehender Fragen erworben werden können. Das Ganze macht viel Spaß und kann durchaus auch als Ergänzung bei der Vorbereitung auf konventionelle Sun-Zertifikate eingesetzt werden. Allerdings sind die Bedingungen, unten denen Tests bei JavaBlackBelt laufen, nicht mit denen in einem Testcenter vergleichbar. So sind alle Hilfsmittel erlaubt (über das Internet könnte das ohnehin nicht kontrolliert werden), dafür ist die Zeit stets knapp (man kann deshalb nicht jede Frage nachschauen bzw. jedes Codebeispiel in der IDE ausprobieren). Besonders interessant an dieser Community-Seite ist die Tatsache, dass auch Tests für gängige Open-Source-Lösungen wie JUnit, Hibernate und vielen anderen mehr angeboten werden. Durchaus eine Option, um sich in solche Themen einzuarbeiten.

Die Zertifizierungen der OMG

Ende 2003 hat die für den Sprachstandard UML 2.0 verantwortliche Object Management Group (OMG) gemeinsam mit dem UML Technology Institute (UTI) ein Qualifikationsstandard ins Leben gerufen: das OMG-Certified UML Professional (OCUP). Ziel ist es, ein qualitativ hochwertiges Wissen über die UML zu etablieren. Das betrifft vor allem das Metamodell und weniger die Notation. Die UML ist keine „Bildersammlung“, sondern eine hochwertige formale Sprache. Die Diagramme sind nur Sichten auf ein einheitliches Modell. Während die Diagramme weitläufig bekannt sind, sind etliche der formalen Modellbeziehungen und somit auch grundlegende Konzepte der UML vielen verborgen. Die OCUP-Zertifizierungen konzentrieren sich auf das Modell. Die Diagramme spielen nur eine Nebenrolle. Auf natürliche Sprachen übertragen würde man eher von einer Grammatikprüfung als einem Vokabeltest sprechen.

Die drei Zertifizierungsstufen Fundamental, Intermediate und Advanced decken in Summe vollständig die UML ab. Fundamental bedeutet nicht einfach und Advanced nicht Fortgeschritten. Vielmehr beziehen sich die Stufen auf den Aufbau der UML: Fundamental enthält die Basiselemente, Intermediate und Advanced die darauf aufbauenden UML-Elemente.

Steckbrief: OCUP
OMG-Certified UML Professional
Fundamental, Intermediate und Advanced

  • Voraussetzungen: (formal) keine
  • Durchführung: computergestützt, in Prometric Testing Centers
  • Multiple Choice:
    • Fundamental: 80 Fragen, bestanden bei mindestens 46 richtigen Antworten
    • Intermediate: 70 Fragen, bestanden bei mindestens 31 richtigen Antworten
    • Advanced: 58 Fragen, bestanden bei mindestens 29 richtigen Antworten
  • keine Hilfsmittel erlaubt (auch kein englisches Wörterbuch)
  • Dauer (Zeitlimit): 90 Minuten
  • Sprachen: Englisch
  • Kosten: 174 Euro (+ Mwst.)
  • Ergebnis: Zertifikat, Logo-Rechte (zeitlich unbegrenzt)

Die OCUP-Zertifizierungen sind in der Durchführung vergleichbar mit SCJP. Sie benötigen allerdings keine Voucher von der OMG, sondern können sich direkt in einem Prometric Test Center zur Prüfung anmelden und den Test zum gewünschten Termin durchführen.

Abb. 6: Lernziele OCUP-F

Zur Vorbereitung auf die Zertifizierung haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie bereiten sich im Selbststudium vor oder besuchen spezielle Vorbereitungskurse (siehe z.B. hier). Letzteres ist der deutlich einfachere und sichere Weg, allerdings ist er auch deutlich teurer. Im Selbststudium erhalten Sie Unterstützung durch ein Vorbereitungsbuch [Tim Weilkiens, Bernd Oestereich: UML 2.0 Zertifizierung: Fundamental, Intermediate und Advanced, dpunkt, 2006.], welches auch auf Englisch in der OMG-Press-Reihe erschienen ist [Tim Weilkiens, Bernd Oestereich: UML Certification Guide: Fundamental and Intermediate, Morgan Kaufmann, 2007.]. Schwierig wird es, Antworten zu finden, wenn Verständnisfragen auftreten. Der Blick in die UML-Spezifikation wirft meist noch weitere Fragen auf. Ohne Vorbereitungskurs fehlt der Experte, der gezielt diese Fragen beantworten kann. Hilfe finden Sie – wie so oft – natürlich im Internet. Das Forum UML2 diskutiert beispielsweise nicht nur allgemeine UML-Anwenderfragen, sondern auch sehr formale Themen, die das Metamodell und die Konzepte der UML, also die OCUP-Themen, betreffen.

Bei offiziellen Prüfungen ist natürlich auch das Schummeln ein Thema. Hinsichtlich der Multiple-Choice-Zertifizierungen kursieren so manche Brain Dumps im Internet – echte Fragen, die jemand unmittelbar nach der Prüfung niedergeschrieben hat. Durch Auswendiglernen kann man sich so das Zertifikat erschleichen. Die Anbieter von Zertifizierungen versuchen sich mit Fragen-Pools und regelmäßigem Aktualisieren der Fragen dagegen zu wehren. Bezüglich der OCUP-Zertifizierungen ist das glücklicherweise noch kein ernsthaftes Thema, da bisher noch keine Brain Dumps aufgetaucht sind. Andere Wege des Schummelns, wie beispielsweise der berühmte Spickzettel, werden durch die strengen Regeln in den Testcentern verhindert. Ein OCUP-Zertifikat ist höchstwahrscheinlich immer ehrlich erworben und zeichnet den Besitzer aus, die Grammatik der UML auf dem entsprechenden Level verstanden zu haben.

Die UML-Qualifikation darf nicht mit Modellierungsqualifikation verwechselt werden. Ein OCUP-Zertifikat kann der Besitzer sich gewöhnlich nicht erschummeln oder durch Glück bestehen. Er muss sich intensiv mit dem Formalismus der UML auseinander gesetzt haben. Wenn die Zertifizierung noch nicht allzu lange zurück liegt, kann man davon ausgehen, dass die UML gut beherrscht wird. Ein gutes Vokabel- und Grammatikwissen (UML) führt nicht zwangsläufig zu hochwertigen Büchern (Modellen). Ein guter Modellierer zeichnet sich weniger durch viel Wissen aus, als vielmehr durch Erfahrung. Und die kann man nicht mit einem Multiple-Choice-Test erfragen.

Eine ernst zu nehmende Modellierungszertifizierung kann nur im Rahmen einer mündlichen Prüfung oder einem ähnlichen Rahmen erfolgen. Es gibt kein binäres Richtig oder Falsch, sondern eine kontinuierliche Skala von schlecht bis gut.

OCRES & Co.

Ende 2006 hat die OMG ein weiteres Zertifizierungsprogramm ins Leben gerufen: OMG-Certified Real-time and Embedded Specialist, kurz OCRES. Es enthält zwei Stufen, wobei OCUP Fundamental die Eingangsvoraussetzung ist. Geprüft werden grundlegende Konzepte der Real-time- und Embedded-Welt, z.B. Scheduling-Verfahren (Round-Robin usw.) sowie OMG-Standards aus diesem Bereich. Hierzu gehören beispielsweise OMG Profile for Schedulability, Performance and Time oder Real-time CORBA.

Abbildung 7 zeigt das aktuelle Zertifizierungsprogramm der OMG. Der Erfolg der OCUP-Zertifizierungen bringt der OMG ausreichend Rückenwind für weitere Pläne. “In 2007, we are planning a new series of test developments to support the rapidly growing Business Process Management and Modeling technology areas,” sagt Richard M. Soley, der CEO der OMG. Der Trend ist hier eindeutig, und eine Sättigung des Zertifizierungsmarkts derzeit noch nicht abzusehen.

Abb. 7: Die UML-Angebote der OMG im Überblick
Fazit

Natürlich kann kein einfaches Zertifikat einen so komplexen Bereich wie die Modellierung oder Programmierung pauschal quantifizieren. Hierzu gehören noch viele weitere Faktoren, von Abstraktionsvermögen über Technologiewissen bis hin zu Kommunikations- und Teamfähigkeiten.

Das Zertifikat ist nur ein Puzzlestein des Gesamtbilds. Die Qualität und Quantität dieses Puzzlesteins unterscheidet sich meist stark zwischen der eigentlichen Intention des Zertifikat-Herausgebers – das Zertifikat ist ein Puzzlestein – und der allgemeinen Wahrnehmung – das Zertifikat ist das Gesamtbild.

Tim Weilkiens und Stefan Zörner arbeiten als Berater und Trainer bei der oose Innovative Informatik GmbH in Hamburg. Mit ihrer langjährigen Erfahrung unterstützen sie Menschen dabei, ihre Ziele zu erreichen, z.B. im Rahmen von Schulungen und Coachings. Zertifizierungen sind ein Hilfsmittel dabei.
Geschrieben von
Tim Weilkiens und Stefan Zörner
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