Profil: Laura Drabik, Group Vice President of Business Innovation bei Guidewire

Women in Tech: „Lass niemanden deine Ideen stehlen, repräsentiere sie selbst!“

Dominik Mohilo
Women in Tech Laura Drabik

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Laura Drabik, Group Vice President of Business Innovation bei Guidewire.

Auch heute wird die Tech-Szene hauptsächlich von Männern dominiert – Frauen sind immer noch in der Minderheit. Noch. Denn in der Branche hat sich herumgesprochen, was eine Studie des National Center for Women & Information Technology belegt: Geschlechterdiversität bringt Vorteile für Unternehmen mit sich. In Folge dessen gibt es Bemühungen, die Zahl weiblicher Bewerber zu erhöhen und Frauen bessere Entwicklungschancen zu bieten. Aber ist das genug?

Die heutige Woman in Tech: Laura Drabik

Laura Drabik

Laura Drabik

Mein Weg in die Tech-Branche

Interessanterweise habe ich ursprünglich keinen technischen Hintergrund, sondern einen betriebswirtschaftlichen. Ich besitze einen Honours Bachelor und einen Master of Business Administration der Rotman School of Management

Als ich Sachbearbeiterin in der Schadensregulierung bei State Farm war, eine der größten Versicherungsgruppen der USA, wurde mir klar, dass wir unsere Kunden mit der richtigen Technologie viel besser beraten können. Mit dieser Idee ging ich zu Guidewire.

Ich interessiere mich für Technologie, weil ich erkannt habe, dass darin der Schlüssel zur Verwirklichung meiner Geschäfts- und Innovationsideen liegt.

Meine erste Erfahrung in der Versicherungsbranche war die Arbeit mit den Folgen von Katastrophen bei State Farm. Ich habe auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise graduiert, es war der einzige Job, den ich bekommen konnte. Rückblickend sehe ich jetzt, dass es das Beste war, was mir passieren konnte. Diese Erfahrungen ermöglichten es mir, den Versicherungen mit der richtigen Technologie dabei zu helfen, ihren Kunden einen besseren Service zu bieten. Und das tat ich rund um die Uhr. Ich arbeitete 12-Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Meine Aufgaben umfassten das Kalkulieren der Verluste sowie das Auszahlen von Entschädigungen, damit unsere Kunden ihre Schäden beheben konnten. Ich vergoß Tränen für diejenigen, die alles verloren hatten und feierte mit denen, die das Glück hatten, keinen Totalschaden erlitten zu haben. All das würde ich jederzeit wieder tun. Bedauerlicherweise wird es aufgrund des Klimawandels noch zu vielen dieser Schäden kommen.

Ich habe meine Erfahrungen in der Versicherungsbranche genutzt, um bei Guidewire die eingesetzte Technologie zu verbessern und Produktfunktionen zu entwickeln. Dazu gehört auch die erste Software-Suite von Guidewire. Sie ermöglicht es Versicherern, Katastrophenfälle zu bewältigen und Kunden zu helfen, wenn es auf Sekunden ankommt. Seitdem treibe ich in er Rolle eines Technologieanbieters einen Wandel in der Praxis voran, wie Tech-Experten mit Versicherern zusammenarbeiten.

Hürden und Hindernisse

Mein größtes Hindernis war der Umstand, dass ich drei Nebenjobs annehmen musste, um mir mein Studium zu finanzieren. Und das gleiche noch einmal für meinen Master of Business Administration. Es war eine Herausforderung, aber es brachte mich dazu, meine Ausbildung noch mehr zu wollen und zu schätzen.

Ein anderes Problem in meiner Karriere war die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen. Es gab viele, weniger qualifizierte Männer, die gegenüber mir bevorzugt wurden. Ich musste härter arbeiten als sie, um meinen Wert zu beweisen. Ich fing an, meine eigenen Ideen durchzusetzen. Frauen, die „ich“ sagen, werden nicht als Teamplayer angesehen. Ich musste meine Ideen also auf eine andere Weise kommunizieren als meine männlichen Kollegen.

Als Frau musste ich mich mit vielen Vorurteilen herumschlagen. Ich arbeite im Vertrieb, ein männlich dominiertes Feld. Die Versicherungsbranche ist ebenfalls eine männlich geprägte Branche. Ich bin eine Vordenkerin in unserer Industrie. Ich hatte eine neue Produktidee mit passender Präsentation erstellt – alles meine eigenen Inhalte. Es hat Monate gedauert. Und „jemand“ dachte, es wäre besser, meine Idee von einem männlichen Kollegen präsentieren zu lassen. Es endete damit, dass zwei Männer vorstellten, was ich geschaffen hatte. Das ist nie wieder passiert, nachdem ich unseren Vorgesetzten Steve S. und Brian D. davon berichtete.

Unterstützung und Vorbilder

Ich bin die erste in meiner Familie, die einen Universitätsabschluss erworben hat. Obwohl sie mich emotional unterstützten, entschied sich meine Familie dazu, mein Studium nicht finanziell zu unterstützen. Sie glaubten, dass ich meine Ausbildung verdienen und schätzen lernen müsste, indem ich sie selbst bezahlte. Es war eine Herausforderung, aber ich habe mich durchgebissen, um mein Ziel zu erreichen.

Mein Vorbild ist Anne Marie Slaughter. Sie versteht, was es bedeutet, eine berufstätige Mutter zu sein. Ihr Artikel auf Atlantic ist nur zu empfehlen. Wir sind „Big Picture“-Denker. Wir sind beide multitaskingfähig und Experten in Verhandlungen. Und das alles, während wir gleichzeitig ein Kind großziehen.

Ein Tag in Lauras Leben

In meiner Position als Group Vice President of Business Innovation bei Guidewire muss ich im Bereich der Schadens- und Unfallversicherung immer am Puls der Zeit bleiben. Das ist wichtig, um die Versicherer zu beraten, wie sie ihr Geschäft verbessern und einen Wettbewerbsvorteil erzielen können.

Es gibt keinen typischen Arbeitstag. Ich bin einen Großteil meiner Zeit unterwegs, um Kunden zu treffen und auf Konferenzen zu sprechen. Aber einen „typischen“ Tag beginne ich mit einer Joggingrunde, gefolgt von einer halben Stunde, in der ich mich in die aktuelle Branchennews einlese. Danach habe ich meist Meetings mit Kunden, aber auch interne Treffen mit meinen Kollegen von Guidewire. Ich arbeite eng mit unseren Produkt-, Marketing- und Vertriebsteams zusammen, um eine innovative Perspektive zu erlangen. Ich kann neue Ideen im Feld testen und das Feedback dann in unsere Entwicklungsabteilung einbringen. Nachdem mein Tag mit Guidewire endet, führe ich Beratungsgespräche, bei denen 100% meiner Gebühr an wohltätige Zwecke gehen. Mein Tag endet damit, dass ich meine Tochter ins Bett bringe. Das ist sehr wichtig für mich.

Meine Wochenenden beinhalten Community-Events, zu denen ich meine Tochter mitnehme, zum Beispiel die Unterstützung oder das Bewerten auf Hackathons. Aber auch Vorträge bei verschiedenen Events sind nicht ungewöhnlich.

Worauf bist du in deiner Karriere am meisten stolz?

Die Adoption meiner Tochter. Ich habe die Gründung einer Familie so lange aufgeschoben, bis es für mich zu spät war. Aber als eines Tages dieses kleines Mädchen im örtlichen Krankenhaus geboren wurde und eine Familie brauchte, bekamen wir unsere Chance. Ohne Vorankündigung, ohne Kindersitz im Auto, ohne Windeln oder Kinderbett adoptierten wir sie. So begann mein Leben als arbeitende Mutter. Es ist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist.

Herausforderungen für Frauen in der Tech-Branche

Leider sind in einigen Unternehmen noch immer Geschlechterrollen vorhanden und Frauen in hohen Führungspositionen haben oft mit einem Mangel an Vertrauen und Zuversicht zu kämpfen.

Um akzeptiert zu werden, müssen Frauen härter arbeiten und sich selbst beweisen. Die Führungskräfte, die wir typischerweise sehen, sind männlich. Aber wenn Frauen sich wie ein männlicher Chef verhalten, wird das auch nicht sehr geschätzt. Wir müssen Vorbilder finden.

Auch die Technologie selbst kann voreingenommen sein. Künstliche Intelligenz zum Beispiel wird von männlichen Weißen und nicht von vielfältigen Teams erforscht. Oftmals schauen Männer auf ihre weiblichen Kollegen herab und fühlen sich ihnen überlegen. Für dieses Verhalten wurde sogar ein Wort erfunden – Mansplaining.

Leider sind die geschlechterspezifischen Rollen in unserer Gesellschaft immer noch tief verwurzelt. Bereits in der Schule werden Mädchen nicht ausreichend ermutigt, sich in „typisch männlichen“ Fächern wie Naturwissenschaften oder Mathematik zu engagieren.

Diese geschlechtsspezifische Indoktrination in der Schule führt zu weniger Studentinnen in MINT-Fächern. Es ist ein Teufelskreis, der sich Generation für Generation wiederholt. Dieses Dilemma kann nicht auf einmal gelöst werden und befindet sich in verschiedenen Ländern in unterschiedlichen Phasen.

Nicht zu vergessen: die arbeitenden Mütter. Sie haben es viel schwerer als andere. Es wird erwartet, dass sie bei der Arbeit sind, aber werden gleichzeitig verpönt, weil sie sich für ein Meeting, statt sich für Zeit mit ihren Kindern zu entscheiden.

Ich hoffe, dass, wenn meine Tochter ins Berufsleben tritt, ich zusammen mit anderen weiblichen Führungskräften, dazu beigetragen habe, eine vielfältigere, tolerantere und akzeptierte Belegschaft zu schaffen. Genau wie meine Mutter. Sie gründete ihr eigenes Unternehmen – die Renovierung und den Verkauf von Immobilien. Sie öffnete Türen und durchbrach Barrieren in einer von Männern dominierten Branche.

Tipps und Tricks

Vielfalt ist der Schlüssel zur Innovationskraft! Eine vielfältige Belegschaft, die unterschiedliche Nationalitäten, Interessen, soziale Hintergründe und Einstellungen vertritt, ist die Grundlage für eine gute Entwicklung. Dazu gehört natürlich auch ein guter Mix aus männlichen und weiblichen Kollegen.

Ich habe vier Ratschläge für junge Frauen, die in technischen Berufen erfolgreich sein wollen:

  1. Setzt euch auf die Agenda! Fühlt euch den männlichen Kollegen nicht unterlegen.
  2. Findet eure Stimme und benutzt sie.
  3. Lass nicht zu, dass jemand eure Ideen stiehlt, sondern vertretet sie selbst.
  4. Arbeitet hart und gebt immer das zurück, was ihr nehmt.
Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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