Heute im Interview: Stefanie Pichler, Product Manager für Machine Learning & Advanced Data Analytics bei A1 Digital

Women in Tech: „Insbesondere junge Frauen müssen sich oft zuerst beweisen, bevor sie ernst genommen werden.“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Stefanie Pichler, Product Manager für Machine Learning & Advanced Data Analytics bei A1 Digital.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Stefanie Pichler


Stefanie Pichler ist Product Manager für Machine Learning und Advanced Data Analytics bei A1 Digital.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Meine Mutter hat Technische Physik studiert, mein Vater Mathematik und Physik auf Lehramt und hat später ein eigenes Softwareunternehmen gegründet. 
Das Interesse für Technik & Naturwissenschaften wurde daher schon von klein auf gefördert und war schon so lang ich mich erinnern kann vorhanden.

Neben diversen Nebenjobs während des Studiums habe ich bereits während der Schule begonnen, in der Firma meines Vaters als Softwaretesterin und Schulungsleiterin zu arbeiten.
 Für meinen späteren Karriereweg war neben meinem Studium der technischen Mathematik vor allem mein ehrenamtliches Engagement im Vorstand von IAESTE Austria sehr wichtig. IAESTE ist ein globaler Verein, der internationale Praktika im technischen Bereich für Studierende aus STEM Fächern vermittelt.

Nach der Uni habe ich begonnen, im strategischen Einkauf für Netzwerktechnik bei A1 zu arbeiten in einem Team aus vorwiegend Elektrotechnikern. Über ein Projekt bin ich dann zu meiner jetzigen Position als Solution Manager für Machine Learning und Advanced Data Analytics bei A1 Digital gekommen.

Programmieren war überdies integraler Bestandteil des Studiums. Bei einem Projekt während meines Auslandaufenthaltes in Indien ging es beispielsweise um neueste Entwicklungen in der Kryptografie (Verschlüsselung von Informationen zum sicheren Austausch). Im Konkreten ging es darum, das Schlüsselverteilungsproblem in großen Netzwerken zu lösen. Ich habe damals einen Simulator gebaut, der Angriffe auf Informationsflüsse nachstellt und entsprechende Algorithmen implementiert und evaluiert, die verhindern sollen, dass unbefugte Personen an diese Informationen gelangen können.

Ein Tag in Stefanies Leben

Ich bin momentan bei A1 Digital im Solution Management und verantworte dort den Bereich Machine Learning und Advanced Data Analytics.
 Es ist schwer, einen typischen Tag in meinem Job zu beschreiben, da dieser sehr vielfältig ist.


Insbesondere junge Frauen müssen sich oft zuerst beweisen, bevor sie ernst genommen werden.

Zum einen geht es darum das Portfolio und die Strategie in dieser Kategorie zu gestalten. Das heißt, die Ziele festzulegen, in deren Richtung sich das Unternehmen bei diesen Themen entwickeln soll und wie die genaue Umsetzung dieser Ziele geschafft werden kann. 
Ich beschäftige mich daher viel mit aktuellen Lösungen am Markt, der Selektion von richtigen Partnern und damit, wie unsere Lösungen am Markt positioniert werden können. Ein großer Teil ist auch die Steuerung der technischen Implementierung verschiedener Lösungen als Schnittstelle zu den technischen Abteilungen. 
Zum anderen arbeite ich eng mit unserem Team von Data Scientists daran, für unsere Kunden die optimalen Lösungen zu entwickeln und eine entsprechenden Supportkette aufzubauen.  


Nicht zu vergessen sind auch viele Schulungstätigkeiten unserer Vertriebsmannschaften und eine laufende Abstimmung mit Marketing.
 Von der Erstellung eines Business Cases über die Gestaltung der Website, bis hin zur Diskussion über den Einsatz von diversen Machine Learning Tools und Algorithmen bei Kundenprojekten kann also an einem normalen Tag alles dabei sein.

Vorbilder und Förderer

Eine entscheidende Rolle bei meiner beruflichen Orientierung hat sicher meine Mutter gespielt. Sie musste allen in der Familie und an der Uni beweisen, dass Frauen auch etwas Technisches studieren und in diesem Umfeld arbeiten können – dies war in den 70er und 80er Jahren absolut nicht selbstverständlich.


Für mich hat sich diese Frage aber nicht mehr gestellt. Durch meine Mutter war es klar, dass Frauen das können und ich wurde in meinen Entscheidungen auch immer unterstützt. Nach wie vor gibt es aber einige Frauen in meinem Freundeskreis, die sich alles selbst erkämpfen müssen – angefangen dabei, die Matura machen zu dürfen, bis hin zum Abschluss eines Studiums ohne jegliche moralische und finanzielle Unterstützung der Eltern. Diesen Ehrgeiz und diese Willensstärke finde ich sehr beeindruckend.

Hindernisse auf dem Weg

Während meiner Ausbildung wurden mir keine Steine in den Weg gelegt, eher das Gegenteil war der Fall. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, das heißt alle haben gewusst, dass ich aus einem „TechnikerInnen“ Haushalt komme. Das hat interessanterweise dazu geführt, dass auch alle von vornherein angenommen haben, dass ich gut in den STEM-Fächern bin. Auch die Entscheidung, Technische Mathematik zu studieren, wurde von meinem Umfeld sehr gut bzw. als selbstverständlich aufgenommen. 


Ich würde auch nicht sagen, dass ich in meiner Karriere in der Privatwirtschaft Hindernisse habe überwinden müssen, aber das Geschlecht war und ist natürlich trotzdem Thema. 
Ich war bspw. oft die einzige Frau bei Verhandlungsrunden und hatte eine führende Rolle. Es gab viele Situationen in denen offensichtlich war, dass mein Gegenüber nicht genau wusste, wie er mit mir umgehen soll, vor allem am Anfang. Zum Beispiel welche Scherze (vor allem welches Niveau) oder Small-Talk-Themen angebracht sind – denn Fußball, Autos oder technische Errungenschaften sind nicht gerade Themen, von denen man glaubt, dass sich junge Frauen dafür interessieren könnten.

Ein typisches Klischee ist, dass Frauen für gewisse Aufgaben nicht so gut geeignet sind.

Vor allem wenn technische Themen verhandelt wurden, gab es oft den Versuch das „unter Männern“ zu regeln. Insbesondere junge Frauen müssen sich oft zuerst beweisen, bevor sie ernst genommen werden. Es war daher öfter notwendig, die Regeln klar zu machen und auf Kompetenzen und Zuständigkeiten hinzuweisen – das hat eigentlich immer sehr gut geholfen.
 Und ganz sicher hätte ich des Öfteren mehr in gewissen Situationen für mich herausholen können, wenn ich mich aktiver und mutiger dafür eingesetzt hätte.

Ich bin allerdings dennoch einigen Problemen begegnet. Etwa wie viel weniger Frauen sich zutrauen als Männer, fällt mir sehr oft bei Bewerbungsgesprächen für Tech-Positionen auf. Während Frauen mit sehr guter Ausbildung und Vorwissen, teilweise sogar mit Doktortitel, sich für Praktikumsstellen bewerben, um sicherzugehen, dass sie wirklich alles beherrschen, was später für eine Vollzeitstelle nötig ist, bewerben sich Männer mit ähnlicher Qualifikation sofort für Vollzeitstellen bzw. Senior-Positionen. Beide Gruppen brauchen aber eine ähnliche Betreuung für das On-Boarding im Job und oft sind die Aufgaben gar nicht so verschieden.

Auch Klischees und Stereotypen gibt es leider viele und sind mir schon öfter begegnet. Hauptsächlicher Inhalt ist, dass Frauen grundsätzlich für gewisse Aufgaben nicht so gut geeignet sind bzw. sich erst beweisen müssen, bevor sie ernst genommen werden. Sehr oft werden diese Grundannahmen auch anhand des Aussehens getroffen bzw. in Verbindung gebracht, was natürlich eine sachliche Beurteilung und Diskussion sehr schwierig bis unmöglich macht.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Ich denke das größte Problem ist der Mangel an Sichtbarkeit von Frauen in technischen Bereichen und somit der Mangel an weiblichen Vorbildern. Fast ausschließlich Männer in diesem Bereich zu sehen, führt dazu, dass Frauen sich selbst weniger zutrauen und bestärkt Frauen und Männer in dem Glauben, dass Männer einfach besser dafür geeignet sind. 
Ich habe während der Schule und Studium sehr viel Nachhilfe in allen Altersgruppen gegeben. STEM-Fächer, insbesondere Mathematik, sind oft sehr gefürchtet. Besonders auffallend war aber, dass Mädchen bereits im Grundschulalter viel mehr bemitleidet wurden, dass sie Mathematik lernen müssen als Buben. Zusätzlich wird Mädchen viel stärker zugesichert, dass es ja nicht schlimm sei, in Mathematik schlecht zu sein – das geht jedem so. Buben wird eher vermittelt „Na komm, sei nicht so faul, wenn du dich ein bisschen anstrengst, dann kannst du das.“ Vielen Kindern wird also von klein auf suggeriert, dass ein Talent für STEM-Fächer, je nach Geschlecht, mehr oder weniger angeboren ist. 


Das zieht sich natürlich weiter über den gesamten Bildungsweg. Diese anerzogenen Vorurteile gepaart mit dem großen Mangel an weiblichen Rollenbildern ist meiner Meinung nach die größte Hürde, das Interesse von Mädchen an technischen Themen zu wecken bzw. zu erhalten und zu fördern.

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Die Zukunft im Blick

Es ist schwierigzu beurteilen, was eine höhere Frauenquote in technischen Berufen für Folgen und vor allem Vorteile hätte. Innovationen brauchen kreative Köpfe. Je mehr unterschiedliche Menschen daran beteiligt sind, umso besser und vielfältiger werden die Resultate sein. Profitieren könnten daher alle Bereiche in denen Innovationen gemacht werden.


Mehr Frauen in technischen Berufen heißt ja auch, dass Frauen als Konsumentinnen für Technikprodukte eine andere Rolle spielen würden, was zusätzlich wiederum den Fokus auf andere Themen, wie zum Beispiel Nachhaltigkeit, verstärken könnte.
 Vielen Technikern fällt es, meiner Erfahrung nach, schwer, über psychische Probleme und Krankheiten zu reden – am Arbeitsplatz, wie auch in technischen Schulen und Universitäten. Mehr Frauen in diesen Bereichen würden vermutlich dazu beitragen, einen offeneren Umgang mit solchen Problemen zu ermöglichen.

Netzwerke zu haben, kann nie schaden.

Ich glaube nicht, dass das Thema Diversität in Kürze bereits vom Tisch ist. Da gibt es noch sehr viel zu tun und so ein Wandel braucht Generationen. 
Viel stärker ansetzen müsste man z.B. schon im Kindergartenalter und in der Bewusstseinsbildung der Eltern, ihre Kinder, in Bezug auf Interesse für Technik, unabhängig vom Geschlecht zu erziehen.
 Bis genügend Frauen lange genug in technischen Bereichen arbeiten, dass dies für alle ganz normal ist, wird noch einige Zeit vergehen.  

Tipps & Tricks

Netzwerke zu haben, kann nie schaden. Es gibt momentan sehr viel Unterstützung und Informationsveranstaltungen für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten. Auch einige Unis haben Frauen Förderungsprogramme, in denen man wichtige Kontakte knüpfen und sich austauschen kann. Außerdem gibt es zu verschiedenen Themen regelmäßige Meet-ups, in denen oft konkrete Projekte und Methoden vorgestellt werden. 


Für Bewerbungen gilt: Wenn eine Position interessant klingt, dann einfach probieren, auch wenn nur 30% der Pflicht-Anforderungen erfüllt sind. Oft stellt sich dann beim Bewerbungsgespräch heraus, dass nur ein kleiner Teil von diesen Anforderungen tatsächlich vorab beherrscht werden muss. Allerdings wird man dies ohne Bewerbung nie erfahren. Traut euch, viele Männer würden es auch tun…

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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