Interview mit Sherry List, leitende Frontend-Entwicklerin bei der Nordea-Bank

Women in Tech: „Unterschätzt nicht die Macht von Networking“

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Sherry List, leitende Frontend-Entwicklerin bei der Nordea Bank.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Sherry List, leitende Frontend-Entwicklerin bei der Nordea Bank

Sherry List

In den letzten 15 Jahren hat Sherry mit vielen unterschiedlichen Web-Technologien gearbeitet. Im Moment liegt ihr Fokus auf Angular. Sie lebt im wunderschönen Kopenhagen, wo sie als leitende Frontend-Entwicklerin für die Nordea Bank arbeitet. Neben ihrem Hauptberuf engagiert sie sich im Angular-Bereich als Mitorganisatorin der ngVikings-Konferenz und einiger Meetup-Gruppen wie ngCopenhagen und GDG Copenhagen. Sie liebt Tiere und unterstützt einige Non-Profit Tierschutzorganisationen.

Folgt ihr auf Twitter: @sherrrylst

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Meine Eltern behaupten, dass ich immer versucht habe, Elektrogeräte auseinander zu schrauben und dann wieder zusammen zu bauen – obwohl das oft nicht funktioniert hat! Sie haben auch bemerkt, dass ich großes Interesse daran hatte, was mein Onkel am Computer tat. Daher beschlossen sie, mich zu einem Computerkurs für Kinder zu schicken. Ich denke, damit fing alles an 🙂

Mit etwa 13 Jahren war ich mir zu 100 % sicher, dass ich Software-Ingenieurin werden wollte. Daher entschied ich mich für eine technische High School. Nach dem Abschluss der High School hatte ich das Glück, dass ein älterer Cousin als Unternehmer tätig war und mir eine Stelle als Webdesignerin in seiner Firma anbot. Das war das Beste, was mir passieren konnte. In seiner Firma hatte ich die Gelegenheit, mit unglaublichen Entwicklern und Software-Ingenieuren zusammenzuarbeiten. Das hat wirklich meine Einstellung geprägt, mir Dinge selbst zu erarbeiten.

Das hat wirklich meine Einstellung geprägt, mir Dinge selbst zu erarbeiten.

Anstatt mir alles von A bis Z beizubringen, gaben sie mir Aufgaben und nannten mir Quellen, wo ich online nachlesen konnte, um die Antworten selbst herauszufinden. Nachdem ich ein paar Jahre dort gearbeitet hatte, begann ich ein Studium zur Software-Ingenieurin. Mit einer Freundin arbeitete ich nebenbei an einem Projekt, das die erste E-Learning-Lösung für Enterprise-Firmen im Iran werden sollte. Ich bin immer noch stolz darauf! Ich würde sagen, dass ich im Vergleich zu vielen in meinem Umfeld wusste, was ich werden wollte, und einfach meinem Traum gefolgt bin.

Ich schätze mich sehr glücklich, all diese unglaublichen Menschen um mich herum zu haben, die mich unterstützen. Meine Eltern und mein Bruder haben immer hinter dem gestanden, was ich machen wollte, und sie respektieren meine Entscheidungen vollkommen. Mein Mann spricht mir Mut zu, wann immer ich kalte Füße bekomme: wenn es darum geht, etwas außerhalb meiner Komfortzone zu tun oder wenn ich denke, ich sei nicht gut genug dafür. Er hält mit mir Schritt, obwohl ich einen unglaublich vollen Terminkalender habe – Treffen, Konferenzen und Workshops organisieren, viel reisen und bei verschiedenen Events als Sprecherin auftreten… Ich weiß seine Geduld wirklich sehr zu würdigen.

Meine Freunde sind unglaublich! Ich erhalte durchgehende Unterstützung und Ermutigung von Chris Norring, Kenneth Christiansen, Ana Cidre und Lars Knudsen. Diese Menschen sind immer da, um mir zu helfen.

Was positive Vorbilder angeht, habe ich doch hoffentlich ziemlich viele. Meine liebsten Vorbilder sind Tracy Lee, Ayşegül Yönet, Carmen Popoviciou, Shmuela Jacobs und Simona Cotin. Diese Frauen sind nicht nur großartige Entwicklerinnen, fantastische Sprecherinnen und wundervolle Menschen, sondern sie teilen ihre Stärke auch mit anderen.

Alle von uns Women in Tech sind im Leben mindestens einer Person begegnet, die uns vom Erfolg abhalten wollte. Ich habe ein paar davon getroffen… Meistens ignoriere ich sie einfach, aber einmal wurde ich so enorm wütend, dass ich von jetzt auf gleich einfach meinen Job kündigte!

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Ein Tag in Sherrys Leben

Ich arbeite als leitende Frontend-Entwicklerin für die Nordea Bank im wunderschönen Kopenhagen. Neben meinem Hauptberuf organisiere ich die ngCopenhagen- und GDG-Copenhagen-Meetups. Außerdem bin ich eine der Organisatorinnen der ngVikings-Konferenz, der einzigen wandernden Angular-Konferenz auf der Welt. Vor kurzem habe ich zusätzlich angefangen, auf Konferenzen zu sprechen, meistens mit einer sehr guten Freundin, Ana Cidre. Ah, fast hätte ich es vergessen zu erwähnen: Ich bin auch Women Techmaker Lead von Kopenhagen!

Ich bin super stolz darauf, dass ich es geschafft habe, mich aus meiner Komfortzone herauszubewegen.

Mein Tag beginnt damit, dass ich beim morgendlichen Kaffee die Nachrichten und meine E-Mails checke. Dann gehe ich mit meinem Hund Lance zum Strand. Je nach Wetterlage verbringen wir dort etwa eine halbe Stunde. Dann fahre ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu meinem Büro und beginne mit der Arbeit. Normalerweise habe ich um 9.30 Uhr ein Stand-up-Meeting, und dann um 11.30 Uhr ein Kaffee-Treffen mit meinen Kollegen. Tagsüber schreibe ich oft neben meinen regulären Aufgaben etwas mit Ana, wir schicken uns meist Artikel oder planen unsere Talks und Events. Gegen 17.00 Uhr verlasse ich das Büro und fahre wieder mit den Öffentlichen nach Hause.

Normalerweise habe ich mindestens ein Meeting pro Tag, entweder wegen meiner Community-Tätigkeit (Meetups und Konferenzen organisieren) oder einen Hangouts-Anruf mit Ana über unsere Talks. Ich bin super stolz darauf, dass ich es geschafft habe, mich aus meiner Komfortzone herauszubewegen, um mich in Communities zu engagieren und Konferenzen zu organisieren und auch bei internationalen Konferenzen als Sprecherin tätig zu sein. Das ist ein großer Schritt in meiner Karriere.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Wie ihr wisst, ist die Frage nicht leicht zu beantworten. Meiner Meinung nach resultiert das aus verschiedenen Problemen. Vor allem ist die Tech-Branche derzeit männlich dominiert, daher gibt es nicht viele Vorbilder für Frauen. Obwohl also ein großer Fokus darauf gelegt wird, mehr Frauen für die Tech-Branche zu interessieren, wechseln viele von ihnen wieder den Job, weil sie einfach keine Erfolgsaussichten sehen.

Andererseits bestärken Eltern ihre Töchter häufig darin, andere Berufswege zu wählen, zum Beispiel Wirtschaftswissenschaften, Medizin etc. In der Schule werden Jungen eher von Lehrern dazu ermuntert, Informatikkurse zu belegen. Daraus ergibt sich, dass Mädchen denken, dass sie nicht in die Tech-Branche gehören – also versuchen sie es gar nicht erst.

Aber ich möchte optimistisch sein und sagen, dass sich das hoffentlich bald alles ändert.

Wir haben auf jeden Fall noch einen langen Weg vor uns und nicht alle Statistiken sehen erfolgversprechend aus… Und doch gibt es auch gute Nachrichten. Größere Firmen haben erkannt, dass sie Diversität und Inklusion umsetzen sollten, weil das nicht nur Features sind, die auf dem Papier gut aussehen. Es gibt viele Bemühungen, die vorhandenen Lücken zu schließen. Frauen auf der ganzen Welt kämpfen für diesen Wandel. Viele Statistiken besagen, dass 60 % der globalen Absolventen weiblich sind. Das halte ich für ein gutes Zeichen.

Frauen in MINT-Fächern

Die meisten Kaufentscheidungen von Konsumenten werden durch Frauen getroffen! Es wäre großartig, wenn sie selbst daran teilhaben könnten, diese Produkte zu entwickeln. Diversität hat eine direkte Auswirkung auf die Produkte, die Firmen herstellen; wenn sie mehr Inklusion für alle Personen bieten, werden sie dementsprechend mehr Kunden gewinnen.

Andererseits werden sich Arbeitskulturen in Teams verändern: Wir werden bei der Arbeit weniger sexistische Witze hören, und daher werden weniger Frauen in andere Branchen mit einem höheren Frauenanteil wechseln.

Hindernisse

Dazu muss ich zunächst erwähnen, dass ich in verschiedenen Ländern gelebt und gearbeitet habe. Ich denke, dass Frauen in jedem Teil der Welt unterschiedlichen Herausforderungen und Hürden begegnen. Aber es gibt auch einige gemeinsame Hindernisse. Dazu zählt das Stereotyp, Entwickler zu sein. Ich erinnere mich sogar daran, dass eine der anderen Sprecherinnen bei einem Speaker Dinner gefragt wurde: „Was machst du hier, mit welchem dieser Typen bist du zusammen?“ Denn natürlich wird es einem nicht zugetraut, weiblich zu sein und einen technischen Talk auf einer Konferenz zu halten!

Als Woman in Tech muss man ein starkes Selbstbewusstsein entwickeln.

Eine weitere gemeinsame Hürde ist es, als einzige Frau im Team an einem Meeting teilzunehmen. Die anderen Teammitglieder erwarten nicht, dass man eine – oder gar eine technische – Meinung hat, oder sie nehmen sie nicht ernst! Natürlich mag sich das zwischen den Firmen und Ländern unterscheiden. Aber mir persönlich ist das oft passiert! Als Woman in Tech muss man ein starkes Selbstbewusstsein entwickeln 🙂

Tipps & Tricks

  1. Glaubt immer an euch selbst und eure Fähigkeiten und lasst euch von niemandem entmutigen. Diesen Satz habe ich irgendwo gelesen, und ich liebe ihn: „Sei wie ein Compiler und ignoriere Kommentare.“ Natürlich müsst ihr konstruktive Kritik gelten lassen. Aber glaubt mir, ignoriert einfach den Rest.
  2. Unterschätzt nicht die Macht von Networking. Nehmt an lokalen Treffen und Konferenzen teil, und scheut euch nicht davor, dort mit Menschen zu reden. Es gibt viele nette Leute da draußen, und sie können euch auf viele verschiedene Arten helfen – oder ihr könntet euch eines Tages auf einen Job bewerben, und dann sitzt da die Person vor euch, mit der ihr ein paar Tage zuvor geplaudert habt! Das ist mir einmal tatsächlich passiert.
  3. Lest und lernt und versucht euer Wissen mit anderen zu teilen. Denn wenn ihr das tut, werden diese Personen euch Fragen stellen, und wenn ihr die Antwort selbst nicht kennt, werdet ihr sie herausfinden. Auf diese Weise könnt ihr euer eigenes Wissen vergrößern.
Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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