Interview mit Sandra Persing, Global Strategist for Developer Outreach, Sponsorship und Events bei Mozilla

Women in Tech: „Die IT ist eine der dynamischsten Branchen, die für die Gleichberechtigung viel bewirken kann“

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Sandra Persing, Global Strategist for Developer Outreach, Sponsorship und Events bei Mozilla.

Unsere Women in Tech: Sandra Persing, Mozilla

Sandra Persing ist die Global Strategist für Developer Outreach, Sponsoring und Events bei Mozilla. Sandra ist Mitglied des Advisory Board für Women Who Code, einer Organisation, die sich für die allgemeine Förderung von Frauen in der Technologie-Branche einsetzt. Zudem ist sie Gründerin des DevRel Summit, einer jährlichen Leadership-Veranstaltung, die den Austausch von Best Practices in der Entwicklergemeinde fördert.

 Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ich denke, wir Menschen haben uns schon immer irgendwie für Technik interessiert! Ich selbst erinnere mich daran, wie wir mit unserem TI 81 Graphik-Taschenrechner mit Programmen gespielt haben. Oder wie ich Computerspiele auf dem ersten Apple II machen durfte, als Belohnung dafür, in der ersten Klasse als erste meine Aufgaben erledigt zu haben. Und wir haben einmal einen Fernseher auseinander genommen, nur um zu sehen, was sich da im Inneren so alles versteckt.

Ich war immer eine starke Schülerin in Mathematik und Naturwissenschaften und hatte Zugang zu Gadgets aller Art. Doch ein bisschen mehr noch neigte zu den freien Künsten, sodass ich beschloss, meinen Berufseinstieg im Verlagswesen zu machen. Technik sehe ich als Möglichkeit, unsere Neugier zu befriedigen, uns mit anderen zu verbinden, Dinge zu verbessern und über das hinauszugehen, wozu wir uns derzeit befähigt sehen.

Ich glaube, dass die Technologie definitiv dazu beiträgt, unser Leben zu verbessern. Manchmal verzerrt unsere menschliche Natur dieses Bild, und natürlich können wir Technologien auch missbrauchen. Egal, ob es sich um Software oder Hardware handelt, entscheidend ist der Drang, mehr darüber erfahren zu wollen, wie die Dinge funktionieren, und der Antrieb, den Status quo zu verändern, um das Leben zu etwas Persönlichem und Einzigartigem zu machen.

Nachdem ich über 10 Jahre im internationalen Verlagswesen gearbeitet hatte (es waren Jahre des Verstehens, wie man mit Menschen arbeitet und Probleme auf globaler Ebene löst), entschied ich mich für einen Karrierewechsel in die Technologiebranche. Wie viele andere auch, fühlte ich mich zuerst vom Startup-Leben angezogen, weil es Programmierung und Betriebswirtschaft miteinander verbindet. Ich bildete ein Team, lernte zu programmieren und entwickelte eine Web-App-basierte Wellness-Plattform, mit der Menschen ihren Gesundheitszustand überwachen konnten, um ein gesünderes Leben zu führen.

Als diese erste Idee das J-Kurve-Erfolgsmodell nicht erfüllte, verabschiedete ich mich vom Programmieren und ging dazu über, mit anderen Entwicklern zusammenzuarbeiten, um Veranstaltungen zu organisieren und ein aktives Sponsoringprogramm mit meiner jetzigen Firma aufzubauen.

Ich bin auch im Beirat für Women Who Code tätig, wo wir alles daran setzen, Frauen in der Technologiebranche zu fördern. Und schließlich veranstalte ich einen jährlichen Gipfel für Technologie-Leadership, den DevRel Summit, der in diesem Jahr in Singapur stattfindet.

Es gibt so viele Stereotypen und Erwartungen, die Leute an mich herantragen – aufgrund meines Aussehens, meiner Art zu sprechen, sogar wegen der Dinge, die ich mag.

Jeder hat auf seinem Weg Hindernisse zu überwinden, um etwas zu erreichen – das ist schon richtig. Doch da wir heutzutage immer offener über dieses Thema reden, erkennen wir so viele blockierende Schichten, die Frauen, und vor allem farbige Frauen, klein halten. Solche Vorurteile sind überall! Einmal habe ich während eines Gesprächs oder eines Vortrags eine Bemerkung gehört, viele erfolgreiche Frauen in hohen Positionen hätten einen flachen Kopf vom vielen Tätscheln dafür, dass sie seit Jahren so gute Arbeit leisten würden.

Es gibt so viele Stereotypen und Erwartungen, die Leute an mich herantragen – aufgrund meines Aussehens, meiner Art zu sprechen, sogar wegen der Dinge, die ich mag. Ich bin immer wieder überrascht, wie direkt man mir diese Stereotypen an den Kopf wirft, so, als wären das alles Tatsachen.

Ich erinnere mich zum Beispiel an die erste Entwicklerkonferenz, an der ich teilgenommen habe. Es sollte eine warme und einladende Open-Source-Veranstaltung werden. Der Entwickler, der für einen der bekanntesten Browserhersteller arbeitete, scannte mich von oben bis unten mit seinem Blick und sagte mit aller Ernsthaftigkeit: „Gehörst du überhaupt hierher?“ Ich möchte diese Erfahrung hier mitteilen, weil ich weiß, dass viele, viele Menschen dasselbe erlebt haben.

Ein starkes Unterstützernetzwerk

Ich würde sagen, mein Vater hat mich dazu ermutigt, mir stets anzuschauen, wie die Dinge funktionieren. Denn im Grunde ist alles irgendwie technisch. Und meine Mutter ermutigte mich dazu, all das zu tun, was ich will (natürlich angelehnt an unsere kulturellen Erwartungen, etwa: „Mach, was du willst, aber es wäre wunderbar, wenn du heiraten würdest und Kinder hättest, bevor du 30 wirst“). Das half mir, früh zu verstehen, dass ich alles erreichen könnte, gleichzeitig aber auch einige Widerstände zu erwarten hätte, wie die Gesellschaft auf meine Handlungen reagieren würde. Und natürlich können das, was die Menschen sagen und das, was sie in Wirklichkeit erwarten, zwei verschiedene Dinge sein.

Menschen, die etwas Größeres geleistet haben, betrachte ich als Vorbilder, von denen ich jeden Tag lernen kann. Ich denke, dass die jüngere Generation die Hartnäckigkeit und Stärke aufbringen muss, mehr zu tun und mehr zu sein, als das, was das typische Rollenmodell ihnen zuschreibt.

Gab es Unebenheiten auf deinem Weg?

Ich glaube nicht, dass irgendjemand versucht hat, mich davon abzuhalten, in meinem beruflichen und persönlichen Leben zu lernen und voranzukommen. Ich betrachte dies als ein großes Privileg in meinem Leben. Ich habe immer hart gearbeitet und mir Möglichkeiten erschlossen. Aber nichtsdestotrotz hatte ich diese Möglichkeiten, und dies ist sicherlich ein Privileg, das nicht jedem zukommt.

Meiner Mutter, die Koreanerin ist und als junges Mädchen während des Koreakrieges aufgewachsen ist, wurde von ihrer Stieffamilie (ihre leibliche Mutter starb während des Krieges) verboten, ihre Schulbildung fortzusetzen. Und als sie zur High School zurückkehren konnte, verbot ihr die japanische Besatzung, ihre Sprache zu sprechen und ihren Namen zu benutzen. Daher habe ich ein gewisse Ahnung davon, was Unterdrückung heißen kann. Allerdings kann ich persönlich nicht sagen, dass ich wirklich weiß, was es bedeutet, unterdrückt zu werden.

Es gibt Momente in meinem Berufsleben, in denen mir bewusst wird, dass ich nicht so schnell vorankomme wie einige meiner Kollegen.

Es gibt Momente in meinem Berufsleben, in denen mir bewusst wird, dass ich nicht so schnell vorankomme wie einige meiner Kollegen. Und es gibt Forschungen, die zeigen, wie mein asiatisches Gesicht, mein Geschlecht als Frau, vielleicht sogar meine kleine Statur, mich davon abhält, das zu sein, was ein Unternehmen als Leader ansieht. Ich versuche mit Teams, mit Menschen zusammen zu sein, die mir helfen, Anerkennung und Unterstützung für meine Arbeit zu bekommen. Und natürlich habe ich Momente, in denen ich weiß, dass meine Arbeit und meine Leistungen ignoriert werden, wegen Dingen, die ich nicht kontrollieren kann. Ich lerne immer noch, meinen Mund aufzumachen und meine Leistungen offensiv zu vertreten, und das ist schwer!

Ein Tag in Sandras Leben

Zurzeit bin ich bei Mozilla als Global Strategist für Events und Sponsoring tätig und arbeite mit unserem Developer-Outreach-Team in der Emerging-Technologies-Gruppe zusammen. Ich beschreibe meine täglichen Aktivitäten gerne als eine Art Forschungsarbeit, bei der ich abwäge und entscheide, wo unser Mozilla-Team (sowohl Mitarbeiter als auch Mitwirkende) unsere Ressourcen investieren sollte (Geld, Leute, Swag usw.). Und ich finde, dass Mozilla eines der großartigsten Unternehmen da draußen ist, die als gemeinnützige Organisation dafür kämpft, das Internet offen und für alle zugänglich zu erhalten. Die Arbeit in einem Unternehmen, das eine Mission verfolgt, macht den Montagmorgen um einiges aufregender!

Ich habe bei Mozilla angefangen, einen Arbeitsprozess zu erstellen, um eingehende Anfragen nach Support-Events aus der ganzen Welt aufnehmen zu können. Dies führte dazu, dass ein Verhaltenskodex für unser Team herausgearbeitet wurde, um zu entscheiden, ob wir eine bestimmte Möglichkeit wahrnehmen wollten. Vor Kurzem haben mein Team und ich daran gearbeitet, ein Roadshow-Programm für regionale Communities zu entwickeln, um Mozilla besser bekannt zu machen und mehr Mozillianern die Möglichkeit zu geben, über ihre Arbeit zu sprechen. Und wir haben unser Programm auf Kreativ-Festivals wie das Sundance Film Festival und das Tribeca Film Festival ausgeweitet. Damit haben wir erreicht,  dass mehr Menschen, die mit Code arbeiten, sich aber nicht unbedingt als Entwickler sehen, Mozilla kennenlernen können.

Wir waren so in der Lage, eine größere Vielfalt in unsere Veranstaltungen einzubringen und mehr Menschen zu interessieren. Dadurch haben wir die Stereotypen verändert, die uns vorschreiben wollen, wer Technologien entwickeln kann, um das Internet zu einem besseren Ort zu machen.

Was ich am besten kann, ist, mein Team vom Schreibtisch auf die Bühne zu bringen: ihre Arbeit ins Rampenlicht zu rücken, sei es durch unsere eigenen Konferenzen oder durch die Zusammenarbeit mit anderen Community-Organisationen. Ich bin stolz darauf, diese kollaborativen Momente schaffen zu können. Einige meinen ja, die Browser-Anbieter ständen im „Krieg“ miteinander, aber eigentlich ist das Gegenteil der Fall: Wir versuchen, die Dinge für alle im Web besser zu machen. Es geht darum, Technologien zu entwickeln, die unseren Entwicklern dabei helfen, bessere Software und bessere Webseiten zu bauen.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der IT?

Ich glaube, dass die Führungskräfte der aktuellen C-Level-Schichten alles tun müssen, um Frauen zu unterstützen und Frauen in der Technologiebranche zu halten. Dies ist eine der flexibelsten und dynamischsten Branchen, die für eine bessere Gleichberechtigung viel bewirken kann. Ich bin bei Mozilla, wo über 40% der Mitarbeiter unseres Unternehmens verteilt arbeiten. Wir haben die Flexibilität, Arbeit und Privatleben miteinander in Einklang zu bringen.

Die Diskussion über Diversität hat Fahrt aufgenommen. Wie lange wird es dauern, bis die Ergebnisse der aktuellen Debatte sichtbar werden?

Das hängt davon ab, wie die Ergebnisse definiert und gemessen werden. Ich denke, wir werden nie sagen können, dass wir unser Ziel ein für alle Mal erreicht haben. Ich denke, dass Frauen weiter daran arbeiten und danach streben müssen, ein aktiver Teil der Diversity-Bewegung zu sein, um anderen dabei zu helfen, wichtige Positionen einzunehmen.

Welche Hindernisse gibt es?

Eine Frau zu sein.

Ich denke, es gibt definitiv spezifische Hindernisse und Herausforderungen in der IT-Branche. Allerdings glaube ich, dass Frauen in jeder Branche mit den gleichen Stereotypen konfrontiert sind, die sie davon abhalten, voranzukommen und erfolgreich zu sein. Es gibt offenen Sexismus in der Technologie-Branche. Es gibt offenen Sexismus in der Gesellschaft. Die Leute sagen gerne, dass wir alle gemeinsam an einer besseren Inklusion arbeiten, aber die Realität zeigt, dass jeden Tag Ausgrenzungen passieren und Vorurteile aktiv zum Ausdruck gebracht werden.

Ich erinnere einfach noch einmal an die Momente – in der Schule, während meiner Karriere im Verlagswesen und jetzt in der Technologie-Branche -, wo jemand zu mir kommt und mich dreist fragt (als ob es darauf eine Antwort geben würde): Gehörst du überhaupt hierher?

Ich glaube, dass die derzeitige Führung, die in diesen C-Suite-Schichten sitzt, alles tun muss, um Frauen zu unterstützen und Frauen in der Technologiebranche zu halten.

Tipps und Tricks

Liebe Frauen, die sich für eine Karriere im Bereich Technik interessieren: Stoßt zu uns! Wir brauchen euch! Wir brauchen mehr Energie und Unterstützung! Diejenigen, die in dieser Branche arbeiten (und kämpfen): Seid mutig und inspirierend für die Frauen, die gerade erst ihre Karriere beginnen! Wir brauchen neue Ideen und Perspektiven, um diese Branche weiterzuentwickeln, damit sie besser wird, als sie es heute ist.

Es gibt Herausforderungen, es gibt schlechte Leute in der Branche. Doch es gibt auch gute Menschen hier! Und es gibt jede Menge Möglichkeiten, Technologien zu formen und in etwas zu verwandeln, das unser aller Leben besser macht.

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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