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Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Alice Pintus

Women in Tech: „Als Frau muss man doppelt so gut wie ein Mann sein“

Mascha Schnellbacher

© S&S Media

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Alice Pintus, Senior Interaction Designer bei Arduino.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Women_in_Tech_Aufmacher_900x450_farbe1_superweib-900x450Diversity in Tech

Women in Tech – die Umfrage

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Women in Tech – die Serie

In der Serie Women in Tech stellen sich inspirierende Frauen aus der IT-Branche vor. Bisher erschienen:

Unsere Woman in Tech: Alice Pintus

Heute erzählt uns Alice Pintus, Senior Interaction Designer bei Arduino, ihre Geschichte. Alice’ Fachkompetenz liegt auf den Gebieten der ethnographischen Recherche, der Strategie und bei physisch/digitalen Produkten. Sie hatte immer ein großes Interesse daran, wie Open-Source-Plattformen universellen Zugang zu Wissen und Tools gewährleisten und Menschen so in die Lage versetzen, selbst das zu erschaffen, was sie brauchen. Sie hat außerdem eine Leidenschaft für die Frage, wie Design das Leben und die Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen beeinflusst, indem Komplexität minimiert und Führung und Unterstützung gewährleistet werden.

Da Alice’ Eltern in praktischen Dingen eher unbegabt sind, war sie von klein auf für die Einrichtung und Reparatur der familieneigenen Technik zuständig:

Ich hatte immer sowas wie eine Beziehung zu Maschinen, vom Fax über den Video-Rekorder bis zum Thermostat. Mir ist es darum immer leicht gefallen, Tools zu konfigurieren und so einzurichten, dass sie gemacht haben, was wir wollten.

Logisch angeschlossen hat sich dann ein Studium in Richtung Tech und Design. Alice war dabei immer wichtig, dass ihre Arbeit auch einen Sinn ergibt und Menschen weiterhilft.

Ich haben einen Master of Science in Industrial Design und mich im Studium auf das Beleuchtungsdesign spezialisiert. Direkt nach meinem Abschluss habe ich angefangen, als Designerin für ein Studio in Mailand und als Elektrikerin für Installationen der zeitgenössischen Kunst zu arbeiten. Meine Arbeit war eher abstrakt, ich hatte kaum Kontakt zu den Menschen, die meine Beleuchtungskörper verwendet oder die Installationen erlebt haben. Das fühlte sich etwas zu trocken an; ich wollte praktischere Probleme lösen.

Ich habe dann ein immer größeres Interesse am Interaktionsdesign und der Komplexität entwickelt, die aus dem Tech-Boom um uns herum entsteht. Viele Produkte tendieren dazu, immer mehr Funktionen zu umfassen, die keine direkte Verbindung mit dem Gerät mehr besitzen. Bei analogen Geräten veränderte sich der Zustand des Geräts, wenn man eine Ebene verschoben oder mechanisch auf einen Button gedrückt hat. Diese materielle, sichtbare Veränderung war dem Nutzer darum verständlich – oder konnte zumindest erahnt werden. Digitale Geräte hingegen enthalten häufig eine unverständliche Black Box: Ihre Nutzeroberfläche stellt das einzige Medium dar, das rational begriffen werden kann und somit das Gerät verständlich macht und seine Benutzung ermöglicht. Darum glaube ich, dass das ein unheimlich wichtiges – und spannendes – Feld ist.

Also habe ich ein Jahr in Kopenhagen beim CIID verbracht und mich in Sachen Code, der Entwicklung von Prototypen und ethnographischer Recherche weitergebildet. Dann bin ich nach San Francisco gezogen, um all meine neuen Fähigkeiten in einer Design-Agentur zum Einsatz zu bringen. Ich war allerdings immer noch unzufrieden mit der Bedeutung meiner Arbeit (zu viele smarte Kühlschränke!) und bin darum vor drei Jahren zu Arduino gegangen. Hier arbeite ich vor allem an einem neuen Set von Online-Tools, das eine Verbindung zwischen allen Stationen auf dem Weg des Makers schafft, von der Inspiration bis zur Implementierung.AlicePintus

Ich bin Design Lead für die Arduino Create Platform. Zu meinen Aufgaben gehört es, Feedback von den Nutzern einzuholen, die Probleme zu priorisieren, die sie mit der Web-App haben und ihre Ideen aufzunehmen. Ich entwerfe außerdem neue Features, überdenke das bisherige Verhalten/UI der Anwendung und verfolge die Implementierung.

Mit Arduino Create kann Alice als UX-Designerin an einem Projekt mitwirken, das Entwicklern das Leben erleichtert:

Wir haben Arduino Create von Grund auf entworfen – eine integrierte Online-Plattform, die es Entwicklern erlaubt, Code zu schreiben, auf Content zuzugreifen, Boards zu konfigurieren und ihre Projekte zu teilen. Traditionell betrachtet ist der Weg zu einem vollständig funktionsfähigen Endgerät mühselig, selbst für die besten Ingenieure und Entwickler. Bisher musste dabei immer wieder zwischen diversen Screens und Tools hin und her gewechselt werden, von IDEs zu Cloud Services. Darum hat Arduino sich daran gemacht, eine All-in-One-Lösung für Entwickler an den Start zu bringen, die all diese Dinger unter einem Dach vereint, um eine einheitliche User Experience zu ermöglichen.

Mit Arduino Create steht eine immer aktuelle Online-IDE zur Verfügung, man hat über den Arduino Project Hub Zugang zur Power der Community, indem man dort durch diverse Projekte browsen und sie zu seinen eigenen hinzufügen kann.

Auch Alice hatte in ihrem Job mit Vorurteilen zu kämpfen:

Auf einem Gebiet zu arbeiten, auf dem die meisten Kollegen männlich sind, kann manchmal schwierig und entmutigend sein, allerdings auch eine spannende Herausforderung darstellen.

Ich bin im Laufe meiner Karriere mit verschiedenen Vorurteilen konfrontiert worden: Jemand kam mal auf mich zu und fragte, wann denn der Elektriker kommen würde – und hat mir nicht geglaubt, dass ich das war. Oder, als Code aus einem GitHub-Repository verloren ging, an dem wir gearbeitet haben, wurden mir daraufhin die Schreib-Privilegien entzogen, weil man ganz einfach annahm, dass es ich war, die den Fehler gemacht hatte (als zu der Zeit einzige Frau im Team).

Gerade deshalb ist es wichtig, immer sein Bestes zu geben und sich doppelt anzustrengen, so Alice:

Als Frau ist man dem doppelten Druck und der Erwartung ausgesetzt, dass man mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Fehler machen wird.Darum muss man doppelt so gut wie die männlichen Kollegen sein, um den gleichen Respekt zu bekommen. Frauen (und nicht-binäre Personen) werden oft für emotionaler und irrationaler gehalten. Deshalb versuche ich immer, meine Entscheidungen mit absolut objektiven Argumenten zu begründen, am besten auf Basis von Daten. Ich kann mich in unsere Nutzer einfühlen, aber wenn ich ein komplexes neues Feature beauftrage, stütze ich diese Anfrage nicht auf Zitate aus Interviews, sondern bringe viel Analytik mit ins Gespräch. Ich habe den Eindruck, dass diese Art von Informationen mehr Anklang bei manchen Entwicklern und Managern findet; wir bewegen uns da in einem Bereich, den sie leichter verstehen können.

Am wichtigsten ist es, einen Raum für einen ergiebigen Austausch zu schaffen, wo jeder auf die Kompetenz des anderen vertraut. Dieses Vertrauen aufzubauen ist der ermüdende Teil an der Sache, aber auch eine sehr dankbare Aufgabe. Wir müssen uns weiterhin dafür einsetzen!

Diversity ist für Alice nicht nur ein Wort, sondern gelebte Philosophie:

Wir sollten Diversity so sehr fördern, wie wir können, inklusive einer Vielfalt an Gender-Identitäten, Kulturen und sozialen Hintergründen in unseren Teams.

Durch diese Vielfältigkeit haben wir Zugang zu breiteren und überraschenden Sichtweisen, was es uns erlaubt, bessere Produkte zu entwerfen und umzusetzen. Während Design-Agenturen das schon lange erkannt haben, scheint sich die technische Umgebung schwerer daran zu tun, ihren engen Kreis loszulassen. STEAM-Fächer (Science, Technology, Engineering, Arts and Mathematics – die Kunst ist auch nötig!) wurden ursprünglich auf Jungs ausgerichtet; ein neutraleres Konzept ist notwendig, um ein breiteres Publikum zu involvieren. Auch Mädchen sollten ermutigt werden, sich mit Elektronik und Programmierung zu beschäftigen, indem man die Lehrmethoden entsprechend anpasst.

Auch wenn noch viel Arbeit vor uns liegt, ist sich Alice sicher, dass die Diversity-Debatte früher oder später Geschichte sein wird. Dann werden nicht nur mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten, sondern die ganze Branche wird durchmischt sein:

Ich glaube, dass es noch einiges zu tun gibt und das Ende der Diversity-Debatte noch weit weg ist. Wir werden aber immer stärker und unterstützen einander immer mehr, sodass ich mir sicher bin, dass wir das früher oder später hinbekommen werden.

Der Diversity Check

Wir freuen uns, wenn Sie sich an der folgenden Umfrage beteiligen, die sich an Frauen und Männer richtet. Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen zum Thema Diversität in IT-Unternehmen mit!

Geschrieben von
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher studierte Buchwissenschaft und Deutsche Philologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Juni 2015 arbeitet sie als Redakteurin in der Redaktion des Entwickler Magazins bei Software & Support Media. Zuvor war sie als Lektorin in einem Verlag sowie als freie Editorin tätig.
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