Interview mit Isabel Muñoz Vilacides, Director of Productivity und Quality Engineering bei CloudBees

Women in Tech: „Es ist extrem wichtig, dass man klare, messbare Ziele hat“

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Isabel Muñoz Vilacides, Director of Productivity und Quality Engineering von CloudBees.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Isabel Muñoz Vilacides, Director of Productivity und Quality Engineering bei CloudBees

Isabel begann ihre Karriere als Entwicklerin, bevor sie letztendlich im Management von Qualitäts-Engineering-Teams landete und in den vergangenen zehn Jahren dabei blieb. Seitdem hat sie verschiedenen Unternehmen dabei geholfen, Continuous-Delivery-Prozesse zu implementieren, indem sie ihre Entwicklungs-, Test- und Release-Prozesse durch Automatisierung und Risikoanalyse verbessert hat. Zu diesen Unternehmen gehören das größte spanische Social Network Tuenti, Rakuten, ein Video-on-Demand-Service und die JIRA-Cloud- bzw. Infrastructure-Services-Abteilung bei Atlassian. Derzeit ist Isabel Engineering Director bei CloudBees, wo sie für die Entwicklungsabteilung der Jenkins Foundation verantwortlich ist. Sie möchte der Gemeinschaft etwas zurückzugeben und ist daher regelmäßig Speakerin bei Meetups zum Thema Testing wie „After Test“ und „Agile Barcelona“. Außerdem hat sie auch bei internationalen Konferenzen wie den Devops Days, dem itSMF und der expoQA gesprochen, wo sie auch Teil des Advisory Boards war.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Als ich drei Jahre alt war, brachte mir mein Vater das Lesen bei – und zwar nur, um gemeinsam mit ihm auf seinem MSX-Computer zu programmieren. Mit der Zeit habe ich Gefallen daran gefunden, ein paar einfache Befehle zu schreiben, und dann kam eins zum anderen.

Der wahre Grund für meine Leidenschaft im Hinblick auf das Computer Engineering sind jedoch die Zahlen. Ich liebte Mathe schon immer und wollte ursprünglich Mathematikerin werden. Die Verdienstmöglichkeiten schienen jedoch in dem Bereich nicht so großartig zu sein. Meine Eltern, beide aus der Arbeiterklasse, ermutigten mich deshalb, einen anderen Karrierepfad einzuschlagen. Ich suchte schließlich nach anderen mathematischen Studiengängen und entschied mich letztendlich für Computer Engineering als die beste Option.

Hindernisse

Für mich war es oftmals eine Herausforderung, die Ungleichheit auszugleichen.

Ich habe schon während des Studiums gearbeitet, um selbiges zu finanzieren. Als Entwicklerin konnte ich für ein paar Jahre mit der Erstellung von Websites meine Rechnungen zahlen. Dann bin ich in ein anderes Unternehmen eingestiegen, ebenfalls als Entwicklerin. Mein neuer Arbeitgeber meinte, dass ich ein gutes Auge für Qualität und Prozesse habe, weshalb er mir die Möglichkeit gab, eine eigene Abteilung für Qualitätssicherung (QS) aufzubauen. Zu der Zeit wusste ich noch nicht einmal genau, was QS bedeutete. Aber für mich war es der nächste Karriere- und Gehaltsschritt, also warum nicht?

Somit musste ich mir alles über Testing selbst beibringen: von manuellem Testing, zur Nutzung von Recoders, dem Erstellen von Frameworks und Praktiken für Continuous Integration. Das hat lange gedauert, knapp vier Jahre, aber es unfassbar viel Spaß gemacht.

Familie und Freunde – die wichtigsten Unterstützer

Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Es gab jedoch einige Freunde oder Verwandte, die mich immer wieder gefragt haben, warum ich etwas so Kompliziertes studiere. Sie erwarteten, dass ich in die Wirtschaft gehe, wie mein Bruder. Von meinem Vater habe ich gelernt, wie bereichernd das Programmieren sein kann. Meine Mutter gab mir mit auf den Weg, dass ich alles machen könne, was ich wolle – nichts sei unmöglich. Der Rückhalt meiner Eltern zusammen mit meinen eigenen Erfahrungen und Fehlern, von denen ich gelernt habe, haben mich dorthin gebracht, wo ich jetzt bin.

Erstaunlich ist, dass ich von einer reinen Mädchenschule an einer von Männern dominierten Universität gelandet bin und schließlich auch in einem solchen Umfeld arbeite. Meiner Meinung nach hat mir das dabei geholfen, dass ich nie das Gefühl hatte, mich anpassen zu müssen. Während der Schulzeit habe ich im Umgang mit anderen Frauen bereits eine ziemlich starke Persönlichkeit entwickelt. Als ich dann an der Hochschule war, wusste ich bereits, wer ich war und was ich wollte.

Gab es Menschen, die versucht haben dich vom Lernen und deinen professionellen Zielen im Leben abzuhalten?

Wenn ich auf meine Karriere und all die Positionen, die ich innehatte, zurückblicke, kann ich mich über all die Möglichkeiten glücklich schätzen, die mir gegeben wurden. Ich durfte lernen aber auch lehren, mich ausprobieren und wachsen – mit jeder Herausforderung und jedem Fehler. Und ich bin mir sicher, dass davon noch einige kommen werden.

Man ist anders, man fühlt sich anders und man fühlt sich nicht als Teil der Gruppe.

Es war jedoch alles andere als ein einfacher Weg bis hierhin. Immer, wenn ich neue Stelle anfing, eine Beförderung oder mehr Verantwortung bekam, musste ich mich noch mehr beweisen als meine männlichen Kollegen. Andere haben diese Hürde nicht, für mich war es also oftmals eine Herausforderung, diese Ungleichheit auszugleichen.

Leider gab auch mal Situationen, in denen Kollegen für meine Ideen oder Erfolge die Lorbeeren geerntet haben. Mit der Zeit erkennen die meisten, wer wirklich gute Arbeit leistet. Doch bis dahin ist es nicht immer leicht: Die unangenehme Stille in Meeting, wenn man etwas sagt und keiner zustimmt – doch wenn fünf Minuten später jemand das Gleiche vorschlägt, sind alle mit an Bord. Da hilft nur, man selbst zu bleiben und sich ein dickeres Fell wachsen zu lassen, damit so etwas an einem abprallt. Ich bin mir sicher, dass jede Kollegin schon einmal eine ähnliche Erfahrung gemacht hat.

Ein Tag in Isabels Leben

Ich bin Director of Productivity und Quality Engineering bei CloudBees mit Schwerpunkt auf den „Grundlagen von Jenkins“, einem der führenden Continuous Integration und Delivery Tools auf dem Markt. CloudBees wiederum ist ein global tätiges Unternehmen, das heißt ich arbeite mit vielen internationalen Kollegen. Mein Terminkalender wird dadurch nicht weniger voll, aber das ist es absolut wert, gemessen an den Erfahrungen, von denen man in einem solchen Umfeld lernen kann.

Neben meinen üblichen Tätigkeiten im Entwicklungsteam sieht mein Tag in etwa so aus:

  • Kaffee
  • Ziele für den Tag setzen, realistische als auch unrealistische
  • Versuchen, während den Meetings Sachen abzuarbeiten, am besten mit Musik. An guten Tagen vielleicht sogar mit Gesang…
  • Den Tag abschließen und sehen, was ich erreicht habe. Das ist mein Lieblingspart am Tag, aber auch der wichtigste Teil
  • Als Director of Engineering ist es manchmal schwierig, Fortschritte zu messen. Es hilft, die kleinen täglichen Erfolge zu betrachten – nicht nur das Endziel

Lesen Sie auch: Women in Tech: „Manchmal wurden Bewerberinnen wegen ihres Geschlechts nicht eingestellt“

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Meiner Meinung gibt es zwei unterschiedliche Aspekte: Einer ist, mehr Frauen in die Branche zu bekommen, der andere ist, sie dort zu halten.

Und es geht hier um einen kulturellen Konflikt, den die Tech-Industrie alleine nicht lösen kann. Kleinen Kindern werden von früh Geschlechterrollen als Werte vermittelt. Hierbei geht das größte Potenzial von Frauen in der Technologie verloren. Aus diesem Grund war ich während meiner Zeit in Australien als Mentorin auf einer Jungenschule tätig. Warum ausgerechnet dort? Weil ich wollte, dass sie mich kennenlernen und sehen, dass wir tatsächlich sehr ähnliche Interessen haben. Softwareentwickler zu sein bedeutet nicht zwingend, schwarze T-Shirts zu tragen. Vor allem aber wollte ich ihnen etwas beibringen und dabei helfen, ihrem Ziel, einmal Entwickler zu werden, näher zu kommen.

Generell machen Frauen leider nach wie vor einen kleinen Teil in den Bewerberlisten aus. „Es wird schwierig, jemanden einzustellen“ heißt es immer wieder. Aber was unternehmen Organisationen, um talentierte Frauen zu halten, wenn sie sie einmal gefunden haben? Fühlt man sich am Arbeitsplatz nicht wohl oder zugehörig, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese Frauen in einen anderen Karriereweg einschlagen werden.

Hindernisse für Frauen in der Tech-Branche

Frauen und andere Minderheiten in der Tech-Welt fallen Vorurteilen zum Opfer. Die Einstiegshürde ist besonders hoch. Auf Konferenzen werde ich von anderen Entwicklern regelmäßig für eine Designerin oder Kollegin aus dem Marketing gehalten – oder sogar für eine Servicekraft des Events. Das ist ein klares Beispiel dafür, wie unüblich es für viele noch ist, eine talentierte, weibliche Entwicklerin zu treffen.

Diversität verbessert Produkte grundsätzlich und zu Diversität gehören auch Frauen.

Die zweitgrößte Hürde ist meiner Meinung nach das Gefühl von Zugehörigkeit – und hier kommen die Minderheiten wieder ins Spiel. In den zwölf Jahren, in denen ich in der Tech-Branche tätig bin, war ich fast immer die einzige Frau im Raum. Man ist anders, man fühlt sich anders und man fühlt sich nicht als Teil der Gruppe. Das kommt auch in „gesunden“ Teams vor, von den klassischen „Boys’ Clubs“ mal abgesehen.

Zum Glück gibt es aber auch Unternehmen, die weibliche Talente proaktiv fördern. Bei CloudBees arbeite ich mit sehr talentierten Frauen im Produktmanagement, Engineering Management und in der Entwicklung.

Frauen in MINT-Berufen

Auf jeden Fall wäre die Situation anders. Diversität verbessert Produkte grundsätzlich und zu Diversität gehören auch Frauen. Wenn wir uns mit Menschen umgeben, die anders sind als wir selbst, macht uns das kreativer und fleißiger. Dies wiederum ist ein Katalysator für stärkere Inklusion.

Auch unsere Kunden sind vielfältig und unsere Produkte richten sich an jeden von ihnen. Diversität bezieht sich nicht nur auf die Entwicklungsteams, sondern auch auf die Zielgruppe, für die wir unsere Produkte herstellen: Linkshänder, ältere Menschen, Frauen, Männer…

Tipps und Tricks

Messbarkeit, Messbarkeit, Messbarkeit. Es ist extrem wichtig, dass man klare, messbare Ziele hat. Die eigenen Erfolge können so mit Zahlen untermauert werden. So müssen wir uns nicht mehr verteidigen um zu beweisen, dass wir gut genug sind.

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc war Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor ihrem Engagement bei S&S Media studierte sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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