Suche
Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Diana Hauser

Women in Tech: „Man muss bereit sein, mehr Energie zu investieren, um sich zu beweisen und gegen Vorurteile anzukämpfen“

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Diana Hauser, Innovation Lab Manager bei NTT DATA Deutschland.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Diana Hauser


Meine Eltern haben mir meinen ersten Rechner gekauft, als ich circa zehn Jahre alt war. Zu der Zeit hatte ich meine Knie durch Überanstrengung bei Ballett, Fußball und Tennis verletzt. Ich musste daher für mindestens ein Jahr komplett aufhören, Sport zu treiben – und hatte (leider) jede Menge freier Zeit. Da ich von Natur aus neugierig bin, bin ich mit meiner Mutter sofort in die Bibliothek, um Bücher über Computer und Web-Entwicklung auszuleihen.

Auch wenn ich nach einigen Jahren wieder vorsichtig mit dem Sport beginnen konnte, blieb mein Interesse an Technologie bestehen und ich hatte in der Informatik-AG bereits vieles über Klassen, Zeiger und Turbo Pascal gelernt. Als es um die Wahl meines Studiengangs ging, habe ich mich in Job-Centern beraten lassen. Die Berater empfahlen mir weniger technische Berufe, weil diese besser zu mir passen würden. Jedoch wurde mir dadurch erst klar, welchen Karriereweg ich verfolgen möchte. Ich schrieb mich für „Medien- und Kommunikationsinformatik“ an der Hochschule Reutlingen ein und später für „Advanced Computer Systems Development“ an der University of the West of Scotland. Nachdem ich mit Auszeichnung bestanden hatte, war es einfacher als erwartet, einen Job zu finden: Mir wurden alle drei Stellen angeboten, für die ich zu Gesprächen eingeladen war. In meinem zweiten Job sagte mein damaliger Chef nach einigen Monaten zu mir, dass ich mich unter Wert verkauft hatte. Da bemerkte ich zum ersten Mal, dass auch meine Selbsteinschätzung eine Hürde ist, die ich überwinden muss.

LEGO & Barbie-Puppen: Wichtige Bausteine für die Karriere im Innovationsmanagement

Meine Familie hat mich immer sehr unterstützt. Ich bin ihnen vor allem dankbar, dass ich auf alles neugierig sein durfte und dass sie mir immer geholfen haben, all das auszuprobieren, was ich wollte. Als Kind hatte ich beispielsweise viele Barbie-Puppen ebenso wie LEGO. Wenn ich zurückdenke, kann ich mich an keinen weiblichen oder männlichen Freund erinnern, der nicht gerne mit beidem gespielt hätte. Dies mag ein Baustein für meine Karriere im Innovationsmanagement gewesen sein: Ich leite heute regelmäßig LEGO SERIOUS Play Workshops mit Kunden und Kollegen.

Ich kann mich an keinen weiblichen oder männlichen Freund erinnern, der nicht gerne mit LEGO & Barbie-Puppen gespielt hat.

Meine Freunde haben mich ebenfalls immer unterstützt. Etwas mehr als üblich, wenn sie Probleme mit ihren Rechnern hatten 😉

Hinsichtlich Gleichheit und Diversität: Ich lese gerne Bücher von Sheryl Sandberg und sehe gerne Interviews mit ihr. Es gibt aber auch eine Reihe anderer renommierter Männer und Frauen, die ihre Ansichten und Ideen zu diesen Themen teilen, beispielsweise in TED Talks. Ihre Empfehlungen haben mir in der Vergangenheit sehr geholfen – auch, um zu lernen, mich selbst nicht unter Wert zu verkaufen.

Nach Vorbildern im Technologie-Bereich musste ich glücklicherweise nicht lange suchen. In allen meinen Jobs und Positionen habe ich von tollen Kollegen gelernt. Ohne Vorteile haben sie mir zugehört und mich herausgefordert.

„Wenn ich etwas wirklich will, kann ich sehr hartnäckig sein“

Niemand hat jemals versucht, mich aufzuhalten und es hätte wohl auch niemand geschafft. Wenn ich etwas wirklich will, kann ich sehr hartnäckig sein. Ich hatte mir beispielweise vorgenommen, die Kommunikation und den Wissenstransfer unter den NTT DATA Mitarbeitern zu verbessern. Zusammen mit einigen Kollegen erstellte ich ein Konzept, das jetzt – nach einem Jahr Planung – umgesetzt wird.

Lesen Sie auch: Kristel Kruustük: „Anstatt mich an Hindernissen festzubeißen, habe ich immer nach vorne geschaut und mich durchgeboxt“

Es schien mir aber auch in der Vergangenheit so, dass man als Frau deutlich härter arbeiten muss, um sich zu beweisen und die Vorurteile einiger Leute zu zerstreuen. Das machte es jedes Mal schwierig, wenn ein neuer Kollege dazu kam oder ein neues Projekts startete. Die Vorurteile kamen keineswegs nur von Männern, sondern auch von Frauen. Einige fragten ganz offen, warum ich mir eine technische Karriere mit „all diesen Computerfreaks“ ausgesucht habe, die den gesamten Tag am Rechner sitzen und programmieren. Ich beschreibe dann meinen Job und die großartigen Kollegen, mit denen ich zusammenarbeite – in der Hoffnung, dass ich ihre Sichtweise auf IT-Jobs zumindest ein wenig verändern kann.

Ein Tag in Dianas Leben

Ich arbeite seit 2012 bei NTT DATA Deutschland. Begonnen als Software-Entwicklerin verantworte ich jetzt Ensō – The Space for Creators, das NTT DATA Innovation Lab – das erste seiner Art von NTT in Europa. Als Innovation Lab Manager bin ich dafür verantwortlich, Workshops und Veranstaltungen für Kunden, Partner und Mitarbeiter zu organisieren. Darüber hinaus gehört es zu meinem Aufgabenbereich, Technologien zu evaluieren, in Workshops zu integrieren oder als Auftakt für weitere Entwicklungen zu nutzen.

Es gibt keinen typischen Arbeitstag, da wir Software und Lösungen entwicklen, die Unternehmen dabei helfen, in der digitalen Transformation wettbewerbsfähig zu bleiben.

Wir erarbeiten gemeinsam mit unseren Kunden Visionen, fokussieren uns aber auf die gemeinsame, praktische Entwicklung und (schnelle) Prototypenentwicklung von Lösungen. Dies ist aus meiner Sicht extrem spannend: Im Gegensatz zu anderen Innovation Labs bauen wir Software und Lösungen, die Unternehmen dabei helfen, in der digitalen Transformation wettbewerbsfähig zu bleiben. Daher gibt es keinen „typischen“ Arbeitstag. An einem Tag leite ich die Entwicklung einer neuen Software für ein Automobilunternehmen, am anderen arbeite mit dem IT-Team einer Bank zusammen oder organisiere und veranstalte Events wie Hackathons oder Meet-ups.

Zunächst einmal bin ich stolz darauf, dass ich einen Beruf gefunden habe, den ich liebe. Ich arbeite mit Leidenschaft und versuche, immer mein Bestes zu geben. Dies wurde fast in jedem Jahr mit einer Beförderung belohnt. Außerdem wurde ich für das NTT DATA „Leaders for Tomorrow” Programm ausgewählt, mit dessen Hilfe künftige Führungskräfte im Unternehmen identifiziert und gefördert werden. „Ensō – The Space for Creators” mit zu entwickeln und zu leiten, ist ein weiteres Highlight. Am meisten bin ich stolz darauf, meinen Platz in dieser von Männern dominierten Branche gefunden zu haben – akzeptiert zu werden und mir Respekt verdient zu haben.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Ich denke, dass die meisten Leute immer noch das stereotypische Bild eines Programmierers im Kopf haben, der alleine im Keller sitzt und Code in seinen Rechner eintippt. Dies müssen wir ändern, damit sich mehr Frauen für technologische Bereiche interessieren, wir müssen die kreativen Aspekte des Programmierens hervorheben und unterstreichen, dass auch Teamwork unverzichtbar ist, um erfolgreich und gemeinsam große und komplexe Applikationen zu entwickeln.

Es ist zu spät, wenn wir Mädchen erst dann für Technologie interessieren, wenn sie sich für einen Studiengang oder einen Beruf entscheiden müssen. Eltern sollten Mädchen bereits von klein auf mit Technologie experimentieren lassen und nicht weiter in traditionellen Rollenmodellen denken. Sie sollten ihren Kindern in jedem Fall die Wahl lassen, ob sie mit Spielzeugautos oder Puppen spielen wollen und ihnen auch die jeweils anderen Optionen aufzeigen. Studien zeigen, dass das Spiel mit Puppen die Kreativität unterstützt, die Konstruktion von Dingen hingegen räumliches Denken fördert. Die meisten Leute kennen tolle Apps, die Kindern das Lesen, Schreiben und Mathematik beibringen. Es gibt aber auch Plattformen wie Cloqq, mit denen sie spielerisch lernen zu programmieren – und damit auch das Interesse an Technologie erwecken.

Lesen Sie auch: Leitha Matz: „Als Frau muss man widerstandsfähig sein und braucht ein dickes Fell“

Es gibt mittlerweile eine Reihe von Studien, die beweisen, dass diverse Teams und eine höhere Anzahl von Frauen in Führungsrollen Umsatz und Gewinne steigern sowie innovatives Denken fördern und die Unternehmenskultur positiv beeinflussen. Welcher MINT-Bereich kann behaupten, dass dies kein lohnenswertes Ziel ist? Die Hälfte der Menschheit besteht aus Frauen. Durch z.B. Social Media und Human Centered Design wächst die Stärke jedes Einzelnen. Ich bin der Meinung, dass jeder davon profitiert, wenn Teams aus Menschen mit unterschiedlichen Charakteristika und Talenten bestehen, um MINT-Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Damit wird es möglich, eine Vielzahl von Perspektiven zu jedem Thema zu erhalten und bessere Lösungen zu erzielen, die dann passgenauer auf die Anforderungen von Verbrauchern abgestimmt sind. Eine höhere Zahl an Frauen in der Technologie hilft auch dabei, dem Fachkräftemangel in Deutschland zu begegnen.

Ich denke, es wird Jahre dauern bis wir Ergebnisse sehen – hoffentlich nicht Jahrzehnte. Daher sollten sich alle an der Diskussion beteiligen und Unternehmen sollten diese Diskussion selbstverständlich in den Dialog mit ihren Mitarbeitern integrieren. Wir haben bei NTT DATA die Initiative „WiN – Women inspire NTT DATA“, die Frauen im Tech-Bereich unterstützt und Diversität fördert. WiN beschäftigt sich auch mit der Verbesserung der Work-Life-Balance auf Basis flexibler Arbeitszeitmodelle. Wie stark soll man sich involvieren? Die Frage lässt sich leicht beantworten: Lieber jetzt als später oder niemals engagieren, denn nur so können wir die Hürden für die eigenen Kinder und für uns selbst reduzieren.

Hindernisse, denen man begegnet

Eine Herausforderung ist sicherlich, dass man immer Teil einer Minderheit ist. Ab und an erhielt ich in der Vergangenheit von Männern eine ungewünschte Sonderbehandlung – und manchmal vergaßen sie auch, dass eine Frau anwesend ist und benahmen sich als wären sie rein unter Männern. Man muss bereit sein, mehr Energie zu investieren, um sich zu beweisen und gegen Vorurteile anzukämpfen. Ich kann mich an diverse Anlässe erinnern, bei denen ich Kaffee holen oder Notizen machen sollte – irgendjemand (meistens ältere Männer) dachte, dass ich die Sekretärin oder Assistentin sei.

Man muss bereit sein, mehr Energie zu investieren, um sich zu beweisen und gegen Vorurteile anzukämpfen.

Zuweilen hat man das Gefühl, dass Andere denken, man ist nicht für den Job geeignet. Teilweise musste ich mögliche Problemlösungen oder Implementierungen deutlich ausführlicher erörtern. Dann wiederum bekam ich ungefragt die einfachste Aufgabe zugewiesen, wodurch es schwieriger wird zu zeigen, was man wirklich kann. Ergebnis davon können Selbstzweifel sein. Ich habe für mich noch kein „Wundermittel“ gefunden, aber Sport und Tanzen helfen mir, Zweifel zu bewältigen. Ich ziehe daraus Energie und Stärke, um die täglichen Herausforderungen zu meistern.

Tipps & Tricks

Ab und zu brauchst du ein dickes Fell, aber die enormen Jobchancen sind es wert. Es gibt endlose Möglichkeiten und es arbeiten großartige Leute in der IT. Arbeit gibt es in jedem Bereich, den man sich vorstellen kann. Künstliche Intelligenz kann Ärzten dabei helfen, frühzeitig Krebs zu entdecken, aber sie kann auch Bilderkennung optimieren, damit Fahrzeuge autonom fahren können. Oder man findet als Blockchain-Experte Arbeit im Finanzsektor.

Es wird Widerstand und Vorurteile geben, aber es gibt auch genügend tolle Kollegen und Chefs, die sowohl Frauen als auch Männer gleichermaßen unterstützen und fördern. Man darf sich nicht unter Wert verkaufen und muss für seine eigene Überzeugung einstehen. Dann glauben auch andere an einen.

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

1 Kommentar auf "Women in Tech: „Man muss bereit sein, mehr Energie zu investieren, um sich zu beweisen und gegen Vorurteile anzukämpfen“"

avatar
400
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu:
Dieter
Gast
„Ab und an erhielt ich in der Vergangenheit von Männern eine ungewünschte Sonderbehandlung – und manchmal vergaßen sie auch, dass eine Frau anwesend ist und benahmen sich als wären sie rein unter Männern. “ Das ist der Knackpunkt. Natürlich bekommen Frauen in der IT eine Sonderbehandlung, offensichtlich wird ja an allen Ecken der IT versucht mehr Frauen zu gewinnen. Die Sonderbehandlung sollte nur nicht auf fachlicher Ebene sein, es geht leider oft aber nicht anders und das hat sehr wohl mit dem dem Wesensunterschied zu tun. Meiner Erfahrung nach muss man vorsichtiger sein, wenn man mit einer Frau Code reviewed,… Read more »