Heute im Interview: Andrea Pretorian, Content Manager bei BitIRA

Women in Tech: „Rückschläge und ‚Misserfolge‘ sind in Wahrheit Lernmöglichkeiten“

Redaktion JAXenter

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Andrea Pretorian, Content Manager bei BitIRA.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Andrea Pretorian, Content Manager bei BitIRA

Andrea Pretorian

Andrea ist eine gebürtige New Yorkerin, die sich kürzlich in der Stadt der brüderlichen Liebe niedergelassen hat. Sie stattet Menschen leidenschaftlich gern mit ihrem Wissen und ihren Fakten aus, sodass sie sich vor nichts fürchten. Wenn sie nicht den Content bei BitIRA verwaltet, kocht sie zu Hause wilde Abendessen-Menüs oder verfolgt ihren Traum von der dokumentarischen Filmproduktion.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Eine meiner ersten Kindheitserinnerungen ist die, dass meine Familie einen Computer bekam. Zu der Zeit kannte ich sonst niemanden mit einem Computer. Ich schaute meinem Vater dabei zu, wie er ihn auspackte und zusammenbaute, und beobachtete stundenlang fasziniert, wie er in Menüs navigierte und einfache Aufgaben ausführte. Ich glaube, er hatte damals die MS Office Suite und brachte sich Visual Basic bei. Von ihm hörte ich immer von neuen IT-Trends. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie aufgeregt ich war, als wir Lautsprecher bekamen und Ton abspielen konnten.

Ich fürchte mich vor nichts, und ich denke, das sieht man.

Durch das Zuschauen lernte ich so viel, dass ich meine Computerlehrerin in der Grundschule unterstützte. Sie hatte diese Aufgabe zugewiesen bekommen, besaß jedoch nur minimale Erfahrung mit Computern. Daher machte ich das Troubleshooting für auftretende Probleme und half, dafür zu sorgen, dass die Computer verbunden waren und richtig liefen. Von da an ist der Rest Geschichte.

Ein Tag in Andreas Leben

Mein Titel bei BitIRA lautet „Content Manager“. Es gibt keinen typischen Tag. Es passiert viel Aufregendes, wenn man für eine Firma arbeitet, die sich um Investitionen in digitale Währungen kümmert. Die Branche entwickelt sich rasend schnell und es gibt immer etwas neues, womit man sich beschäftigen kann.

Kryptowährungen haben sowohl technische als auch finanzielle/unternehmerische Implikationen, was in Verbindung mit der Vorstellung „für die Rente zu investieren“ auf die meisten Menschen einschüchternd wirkt. Ich liebe es, dieses Thema leichter verdaulich zu machen, sodass Menschen sich selbst dazu befähigen können, die besten Entscheidungen für ihr Leben zu treffen. Wir arbeiten daran, die soziale Auswirkung von Krypto zu berücksichtigen. Ich bin unglaublich stolz auf unsere Veröffentlichung zu Women in Crypto, aber auch mit der Umwelt und sogar mit Non-profit Fundraising haben wir uns auseinandergesetzt.

Ein starker Rückhalt

Ich habe unglaubliches Glück, eine Mutter zu haben, die in den sehr späten 60ern und den 70ern eine Karriere als Chemieingenieurin verfolgte, und das sogar in Europa. Sie bestärkte mich darin, dass ich alles erreichen kann, was ich will – und dass ich nicht eher aufhören sollte, bis ich mein Ziel erreicht hätte. Der einzige Haken daran sei, dass ich dazu bereit sein muss, hart daran zu arbeiten; aber dann, so sagte sie, könne ich alles erreichen.

Dass Geschlechterdiskriminierung überhaupt als Problem existiert, habe ich erst in der High-School wahrgenommen. Während das sehr behütet wirken mag, war das wirklich hilfreich, da ich neben Gleichaltrigen Erfolge verbuchte, ohne mich als Frau gegen den Rest der Welt wahrzunehmen. Diese Erfahrung hat sich in mir verfestigt.

Gab es auf deinem Weg Hindernisse?

Für eine Weile habe ich mich von Computern entfernt und wollte Neurochirurgin werden, aber ich war von den hohen Anforderungen und geringen Belohnungen frustriert – zumindest in Hinblick auf das, was ich in meinem Erwachsenenleben schätze – und meine Erwartungen für diesen Berufsweg wurden nicht erfüllt. Daher begab ich mich zurück in die Tech-Welt. Ich habe einen zweiten Studiengang in Informatik angefangen und war wirklich gut darin, zumal ich mich für Datenstrukturen begeistern konnte. Damit habe ich dann aber aufgehört, weil sich das Studienprogramm zu einem Netzwerkschwerpunkt verlagerte, im Vergleich zu Bio-Tech und KI-Anwendungen, die mich zu der Zeit mehr interessierten.

Da sich Establishments Wandel widersetzen, sorgen sie für hohe Eintrittshürden.

Im Informatikstudium habe ich eine wirklich kritische Erfahrung gemacht. Ich hatte schon immer ein Interesse für die Wissenschaft gehegt, und mich traditioneller – und unbeabsichtigter – Weise immer für männlich dominierte Karrierewege entschieden. Das war für mich nichts Neues. Aber ich erinnere mich deutlich daran, in Seminaren zu sitzen und von meinen männlichen Kommilitonen „ausgeschlossen“ zu werden. Zwar sagten sie mir nicht ins Gesicht: „Geh weg, du bist eine Frau und gehörst nicht hierher.“ Was in Wirklichkeit geschah, war stattdessen viel subtiler, aber genauso gefährlich: Niemand sprach mit mir. Es gab diese unsichtbare Blase um mich und die drei anderen Studentinnen in meinen Kursen herum (insgesamt, denn wir waren nicht alle in den gleichen Seminaren). Die Männer arbeiteten gemeinsam an Problemstellungen und unterstützten sich gegenseitig, wenn sie die Antwort nicht wussten, aber „irgendwie“ wollte nie jemand mit mir zusammenarbeiten.

Der Witz geht auf deren Kosten, denn ich erinnere mich noch lebhaft daran, in einer sehr schwierigen Klausur als Einzige über 85 Punkte erreicht zu haben. Die Jungs haben versucht, herauszufinden, wer das war – aber mich haben sie nicht in Betracht gezogen.

Hat jemals jemand versucht, dich vom Lernen und von beruflichen Fortschritten abzuhalten?

Natürlich – und das nicht einmal auf Arten, die unbedingt mit meinem Geschlecht zu tun hatten.

Diese Frage impliziert ein “Was hast du dagegen getan?“, und so werde ich das beantworten. Zunächst einmal gilt „im Zweifel für den Angeklagten“, bis zu einem gewissen Punkt. Fehler passieren, Menschen bemerken nicht, dass etwas auf eine bestimmte Weise wahrgenommen werden kann etc. Ich würde nie zur Panikmacherin werden wollen, aber seid ehrlich mit euch: Wann wirkt solch ein Verhalten nicht mehr zufällig? An welchem Punkt beginnt es weh zu tun? Seid euch darüber im Klaren, wo eure Grenze liegt.

Eines der schlimmsten Dinge an Diskriminierung ist, dass sie den Opfern ihre Selbstbestimmtheit raubt.

Wenn diese Grenze überschritten wird, sollte man zuerst mit der Einzelperson auf angemessene Weise sprechen. Ich arbeite meist in kleinen Teams und versuche, zu jedem Teammitglied von Beginn an eine Beziehung aufzubauen. Daher fühle ich mich vollkommen wohl dabei, jemanden bezüglich meiner Bedenken anzusprechen. Es ist wichtig, sicherzustellen, dass sich die andere Person nicht bedroht fühlt, denn das kann defensives Verhalten erzeugen. Dann sollte man seinen Standpunkt darlegen. Im besten Fall hat die andere Person einfach nicht wahrgenommen, was sie effektiv ausgesagt hat, und so kann sie ihr Verhalten ändern und beide können sich wieder anderen Dingen widmen.

Aber was, wenn das Problem bestehen bleibt? Man kann entweder über institutionelle Instanzen die Eskalation anstreben, es ignorieren oder sich dazu entscheiden, wegzugehen. Das kommt ganz darauf an, was für eine Person man ist und was für einen selbst am besten ist. Eines der schlimmsten Dinge an jeglicher Form von Diskriminierung ist, dass sie den Opfern ihre Selbstbestimmtheit raubt. Daher sollte man so handeln, dass man diese Selbstbestimmtheit wiedererlangt.

Worauf bist du in deinem Berufsverlauf besonders stolz?

Ich fürchte mich vor nichts, und ich denke, das sieht man. Sei es ein Wechsel meiner Ausrichtung oder die Annahme eines neuen, potenziell schwierigen Projekts – ich nehme jede Herausforderung an, die sich mir bietet. Es hat all diese Zeit gebraucht, um zu internalisieren, dass Rückschläge und „Misserfolge“ in Wahrheit Lernmöglichkeiten sind. Wenn man diese Mentalität erst einmal akzeptiert hat, wird man dadurch befreit.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Das ist schon oft umrissen worden und es ist ein recht komplexes Thema. Meiner Meinung nach ist ein zu selten angesprochener Faktor, was wir an jedem Geschlecht wertschätzen, wenn sie „Erfolg“ haben. Das ist wichtig, weil es zur Berufswahl von Einzelpersonen mit einer hohen beruflichen Ambition beiträgt. Erfolgreiche Männer sind eindringlich und entscheidungsstark, aber erfolgreichen Frauen wird immer ein Element von Charisma nachgesagt. Der Ruf der Tech-Branche war nicht immer besonders charmant. Als Resultat dessen legte sie große Sprünge zurück, bevor Frauen wirklich die Möglichkeit hatten, in grundlegender Weise daran teilzunehmen.

Welche Hindernisse gibt es für Women in Tech?

  • Ein Establishment, das sie ausschließt – bestenfalls unbeabsichtigt. Da sich jedoch Establishments Wandel widersetzen, sorgen sie für hohe Eintrittshürden.
  • Selbst wenn Frauen teilnehmen dürfen, haben sie im Vergleich zu Männern meist ganz spezifische Berufsbezeichnungen. Denkt nur daran, wie viele Frauen ihr in PR-Anstellungen kennt, im Vergleich zu Tech-Berufen.

Die Diversitätsdiskussion nimmt an Fahrt auf. Wann werden wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Diversität ist so komplex, dass diese Frage unmöglich zu beantworten ist, auch wenn wir uns auf Genderdiversität fokussieren. Davon abgesehen denke ich, dass der Wandel in Wellen verlaufen wird. Es ist einfacher, Richtlinien schlagartig zu ändern, als tief verankerte Vorstellungen und Einstellungen, die länger brauchen werden. Sie erfordern auch Verstärkung und Selbsterkenntnis, weshalb wir uns alle dazu äußern müssen, wenn wir diese Probleme wahrnehmen.

Tipps & Tricks

Während ich definitiv daran glaube, Probleme hervorzuheben und an ihrer Lösung zu arbeiten, agiere ich nicht aus einer „wir vs. sie“-Perspektive heraus. Das macht es schwierig, diese Frage zu beantworten, denn jeder Rat, den ich geben kann, würde jeden betreffen. Beliebtheit und Attraktivität kommen und gehen. Es ist leicht, in Ungnade zu fallen. Daher würde ich empfehlen, euch weniger darum zu sorgen, ob ihr beliebt seid oder was die Leute über euch sagen. Konzentriert euch auf eure Arbeit. Im Endeffekt ist eure Arbeit das, was Bestand hat. Stellt sicher, dass ihr sie so exzellent macht, wie ihr könnt.

Geschrieben von
Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
4000
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: