Interview mit Ana Cidre, Developer Advocate und Engineer bei Ultimate Angular

Women in Tech: „Das Klischee des Programmierers ohne soziales Leben ist komplett überholt“

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Ana Cidre, Developer Advocate und Engineer bei Ultimate Angular.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Ana Cidre, Developer Advocate und Engineer bei Ultimate Angular.


Ana Cidre ist Developer Advocate und Engineer bei Ultimate Angular. Sie ist jedoch keine gewöhnliche Softwareentwicklerin, da sie einen Abschluss in Bildender Kunst sowie einen Master in Internationaler Betriebswirtschaft und Management hat. Google hat ihr den Titel Women Techmaker Lead verliehen, sie ist die Gründerin von GalsTech, eine lokale Gruppe für Frauen in der Tech-Branche in Galizien (Spanien), und sie ist eine der Organisatorinnen der GDG Vigo.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ich erinnere mich daran, dass meine Eltern meiner Schwester einen Computer besorgten, als ich etwa fünf Jahre alt war. Seitdem faszinierten mich Computer. Und zwar so sehr, dass ich mit 12 Jahren (und mit der Hilfe meiner Schwester) meinen eigenen Computer zusammenbaute und anderen immer dabei half, ihre Computer und Laptops zu „reparieren“.

Mir kam es allerdings nicht in den Sinn, professionell in der Tech-Branche zu arbeiten. Das lag wahrscheinlich an dem Bild, das die Gesellschaft von Entwicklern und allem, was mit Technologie zusammenhängt, gezeichnet hatte. Ich habe daher auch keinen Abschluss in einem technischen Fach, sondern einen in Bildender Kunst sowie einen Master in Internationaler Betriebswirtschaft und Management.

Aber lasst uns kurz einen Schritt zurückgehen und schauen, was da passiert ist: Als ich 14 Jahre alt war, zogen wir von London nach Spanien und ließen uns in einer kleinen ländlichen Stadt namens Lalín nieder. Wie man sich vorstellen kann, unterschied sich Lalín radikal von einer Stadt wie London, und es war eine Herausforderung, dort etwas über Technologie zu erfahren. Ich war die erste in meiner Klasse, die einen Computer und später einen Laptop hatte. Ebenso war ich die einzige Schülerin, die Arbeiten einreichte, die mit einem Computer verfasst wurden (was später allerdings verboten wurde) und ich war auch die einzige Schülerin, die in einer Informatikprüfung die Note 11 von 10 erreichte.

Als ich noch jünger war, war es nicht ‚cool‘, sich mit etwas in Richtung Technologie zu beschäftigen.

Anfangs konnte ich meine Fächer nicht auswählen (ich hatte nur die Wahl zwischen Religion oder Ethik), was sich sehr einschränkend anfühlte. Als wir dann in das Alter kamen, in dem wir endlich etwas mehr Entscheidungsfreiheit hatten, war das, was man uns in Sachen Technik und Informatik anbot, nicht mehr von echtem Interesse für mich. Ich entschied mich für die Geisteswissenschaften, damit ich einen Kurs in Kunstgeschichte belegen konnte, da ich auch die Kunst liebte. Die Freiheit etwas zu erschaffen, das faszinierte mich.

Später studierte ich Bildende Kunst an der Universität von Vigo und während meiner Studienzeit nahm ich am Erasmus-Programm teil, was mich nach Brüssel führte. Während meiner Zeit in Brüssel übte das Europäische Parlament einen sehr starken Einfluss auf mich aus, was mich dazu führte, meinen Master in Internationaler Betriebswirtschaft und Management zu machen.

Während meines Master-Studiums arbeitete ich für ein kleines Startup, was mich wieder zur Technologie zurückführte. Von diesem Punkt an hatte ich mich dafür entschieden, dass es das Programmieren ist, was ich wirklichen machen will. Das Coden brachte ich mir selber bei und dank der Hilfe von einigen erstaunlichen Mentoren, bin ich heute hier, wo ich nun stehe.

Vorbilder

In meiner Zeit als Teenager in London war der Gruppenzwang sehr stark. Es war nicht „cool“, sich mit etwas technologiebezogenen zu beschäftigen und ich weiß nicht, ob mich das auf kurz oder lang vielleicht von meinem Weg abgebracht hätte. Meine Schwester war ebenfalls sehr entmutigend, denn genau wie ich wurde sie von der Gesellschaft beeinflusst.

Meine Eltern unterstützen meine Entscheidungen jedoch voll und ganz und ich kann mich an nicht einen einzigen Moment erinnern, in dem sie versucht hätten mich von etwas abzuhalten, dass ich erlernen wollte.

Die Angular Community hat mir sehr geholfen und mich toll unterstützt.

Ich habe zurzeit viele Vorbilder und es ist schwierig, nur eins auszuwählen. Also werde ich mich auf zwei beschränken: Paola Garcia und Tracy Lee. Paola Garcia deswegen, weil sie eine ausgezeichnete Softwareentwicklerin ist und sie ihr Kleinkind überall hin mitnimmt. Ihre Tochter ist auf jeder Konferenz mit dabei, zu der sie geht, und das hat mich mehr als nur einmal inspiriert. Sie zeigt anderen Frauen, dass man gleichzeitig Entwicklerin und Mutter sein kann.

Und Tracy Lee deswegen, weil sie eine der besten Angular-Entwicklerinnen ist, die ich kenne, und sie einfach generell großartig ist. Sie macht wirklich viel für die Angular Community. Sie ist Teil des RxJS-Kernteams und Google Developer Expert.

Ich arbeite mit dem Framework Angular und ich muss sagen, dass mir die Community sehr geholfen und mich toll unterstützt hat. Ich kann nicht dankbar genug für all die Hilfe und Ermutigungen sein.

Aber ich habe auch von Freunden gehört, dass sie weniger Glück hatten. Es gibt viele Probleme, auf die sie innerhalb und auch außerhalb der Belegschaft gestoßen sind. Es bleibt noch viel zu tun, damit Frauen als professionelle Entwicklerinnen akzeptiert werden.

Ein Tag in Anas Leben

Vor Kurzem habe ich als Developer Advocate bei Ultimate Angular angefangen. Dies ist eine Online-Plattform mit Kursen, die von Experten geleitet werden. Hier kann ich alles tun, was ich liebe: coden, auf Konferenzen sprechen und mich mit Menschen vernetzen.

Ein typischer Arbeitstag beginnt um 9 Uhr, kurz nachdem ich meine Tochter in der Schule abgesetzt habe (oder im Summer Camp, während der Ferien). Normalerweise helfe ich dann, indem ich entweder Inhalte schreibe, die Plattform verbessere oder alle Aufgaben erledige, die bis 14 Uhr fertig werden müssen. Ungefähr einmal im Monat halte ich einen Vortrag auf einer Konferenz mit meiner sehr guten Freundin, der erstaunlichen Entwicklerin Sherry List.

Mädchen haben vom Entwickler immer noch das Bild des Kerls, der vor dem schwarzen Bildschirm sitzt und keinerlei soziales Leben hat.

Meinen Chef, Todd Motto, traf ich 2017 ebenfalls auf einer Konferenz. Wir standen seitdem in Kontakt miteinander und liefen uns auf Konferenzen immer wieder über den Weg. Als er hörte, dass ich auf der Suche nach einer Arbeit war, bot er mir diese Stelle an und das war ein erstaunlicher Moment für mich, denn ich habe Angular anhand seiner Kurse gelernt.

Mit meinem beruflichen Werdegang bin ich zufrieden, aber es ist die Community-Arbeit, die mich am meisten erfüllt. In meiner Umgebung in Spanien (Galicien) helfe ich dabei, die Diversität zu erweitern. Hierzu gründete ich etwa eine Women-in-Tech-Gruppe, die GalsTech heißt. Das tat ich aus dem Grund, da ich jedes Mal, wenn ich an einer Tech-Veranstaltung teilnahm, die einzige Frau dort war. Ich dachte mir „Du kannst unmöglich die einzige Frau in ganz Galicien sein, die in der Tech-Branche arbeitet“.

Wenn ich heute an einer Tech-Konferenz teilnehme, sind wir mindestens zehn Frauen, sodass ich wirklich dabei zusehen kann, wie die Community vielfältiger und einladender wird! Es ist schön, so etwas miterleben zu können.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Das ist die mit Abstand schwierigste Frage und wenn man jede Frau in der Tech-Branche danach befragen würde, so käme vermutlich jedes Mal eine andere Antwort dabei raus.

Meine persönlich Meinung ist, dass es mit dem Klischee des „typischen“ Programmierers zu tun hat. Mädchen sehen im Fernsehen, in Büchern usw., dass da ein Mann vor einem schwarzen Bildschirm sitzt und keinerlei soziales Leben hat. Ich kenne derzeit nicht einen Programmierer, der so wäre.

Die Diskussion über Diversität hat Fahrt aufgenommen. Wie lange wird es dauern, bis die Ergebnisse der aktuellen Debatte sichtbar werden?

Nun, nach den Angaben des Weltwirtschaftsforums wird es 217 Jahre dauern, bis das Lohngefälle geschlossen ist.

Derzeit ist der Anteil an Frauen in der Tech-Branche rückläufig und steigt nicht an. Ich glaube also nicht, dass wir in den nächsten Jahren eine Verbesserung sehen werden. Das Erstaunliche und Erfreuliche ist aber, dass es mittlerweile viele Gruppen und Initiativen gibt, die versuchen, das zu ändern. Ich denke, dass es viel Arbeit und Zeit kosten wird, aber wir werden es schaffen.

Women in MINT

Frauen und Männer haben unterschiedliche Ansichten, die man bei der Erstellung eines Produkts berücksichtigen muss. Die späteren Nutzer werden nämlich in der Regel (abhängig vom Produkt selbst) Männer und Frauen sein. Um dies entsprechend berücksichtigen zu können, braucht man ein vielfältiges Team.

Gesellschaftlich gesehen gäbe es so vermutlich erstaunliche Produkte. Wirtschaftlich gesehen würde man durch das Besetzen der freien Stellen für Entwickler die Ökonomie ankurbeln. Und kulturell würden Männer und Frauen in der Tech-Branche schließlich gleich behandelt werden und die Gehaltsschere wäre geringer.

Hindernisse für Frauen in der Tech-Branche

Ausgehend von Szenarien aus dem echten Leben, die ich von Freunden und Frauen bei GalsTech gehört habe, werden Frauen in der Tech-Branche nicht gleichwertig behandelt. Sie werden von ihren Kollegen und Vorgesetzten als ihren männlichen Kollegen unterlegen angesehen.

Männer werden nie gefragt, ob sie eine Familie gründen wollen.

Die Glaubwürdigkeit ist auch ein Thema, denn sie müssen sich als fähig beweisen, während Männer das vielleicht nicht unbedingt nötig haben. Mit dem Mutterschaftsurlaub ist es dasselbe: Während die Personalvermittler Frauen danach fragen, ob sie vorhaben, eine Familie gründen zu wollen, wird den Männern diese Frage nicht gestellt. Das liegt vor allem daran, dass in Spanien der Vaterschaftsurlaub praktisch nicht existiert.

Es gibt viele ähnliche Szenarien, nicht nur die drei, die ich erwähnt habe. Aber die drei aufgeführten Probleme kommen relativ häufig vor.

Tipps und Tricks

  • Legt einfach los! Es gibt Hunderte von Frauen (und Männern) da draußen, die helfen können. Wir haben mit den Women Techmakers eine großartige Online Community. Es ist ein sicherer Platz für alle Frauen, egal ob Anfängerin, Fortgeschrittene oder Erfahrene. Es gibt Tausende von uns in der Gemeinschaft und wir haben einen Slack Channel, in dem wir uns gegenseitig helfen.
  • Habt keine Angst davor, Fragen zu stellen! Das gehört zu den Dingen, die ich an der Entwickler-Community am meisten liebe: Es ist stets jemand da, der eine Frage beantwortet. Ich schlage vor, dass man damit anfängt, Twitter zu benutzen, denn damit kann man vielen Leuten in der Tech-Branche folgen und jeden Tag etwas lernen. Viele Entwickler haben außerdem ihre Direktnachrichten öffentlich gemacht, damit sie helfen können, falls jemand eine Frage hat. Ich bin eine von diesen Eintwicklerinnen, also zögert nicht, mich zu kontaktieren.
  • Wir sind übrigens kein Haufen von Freaks, die den ganzen Tag an ihren Computern sitzen, sich schwarze Bildschirme ansehen und Chips essen. Jeder von uns ist anders und obwohl die Mehrheit von uns das Entwickeln als Job ansieht, ist es ein Job, den wir absolut lieben.
Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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