Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Alison B. Lowndes

Women in Tech: „Mehr Frauen am Arbeitsplatz erzeugen automatisch den Zustrom weiterer Frauen“

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Alison B. Lowndes, Entwicklerin im Bereich künstliche Intelligenz bei NVIDIA.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Alison B. Lowndes

Nachdem sie ihr erstes Jahr bei NVIDIA als Deep Learning Solutions Architect verbracht hat, ist Alison nun für die Artificial Intelligence Developer Relations in der EMEA-Region verantwortlich. Sie ist eine erfahrene Absolventin im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Sie hat die technische und theoretische Informatik mit einem physikalischen Hintergrund kombiniert und über 20 Jahre Erfahrung in internationalem Projektmanagement, unternehmerischer Tätigkeit und dem Internet gesammelt. Sie betreut eine Vielzahl von KI-Anwendungen, einschließlich der planetaren Verteidigung mit der NASA, der ESA und dem SETI-Institut. Zudem betreut sie die Gemeinschaft der KI- und Machine Learning-Forscher auf der ganzen Welt, wobei sie in allen Forschungsbereichen auf dem neuesten Stand der Technik bleibt. Sie reist, berät und unterrichtet die NVIDIA GPU-Computing-Plattform rund um den Globus. Auf Twitter ist sie unter dem Handle @AlisonBLowndes zu finden.

Wie wurde dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Mein großer Bruder begann im Alter von 15 mit dem ZX81 und dem Oric-1, sodass ich seit Anfang der 80er Jahre vom Computing beeinflusst wurde. Meinen ersten PC bekam ich erst 1996, einen Monat vor der Geburt meiner Tochter, und seitdem war er auch nie weit von mir entfernt!
Ich habe definitiv nicht den gewöhnlichen Weg gewählt. Ich war in den USA und arbeitete. Erst 1988, als ich zur Universität gehen sollte, und habe erst nach 18 Jahren den Durchbruch geschafft, nachdem ich meine beiden Kinder bekommen hatte. In dieser Zeit war ich auf Reisen, gründete kleine Unternehmen, verbrachte ein Jahr in China, gründete meine Wohltätigkeitsorganisation, die mich immer wieder inspirierte. Ich verbrachte Zeit in der Futures-Handelsarena, bevor ich an die Universität von Leeds ging, um Astrophysik zu studieren. Als dann meine Kinder beide in der High School waren, studierte ich Künstliche Intelligenz.

Sowohl die Robotik als auch das Deep Learning standen nicht auf dem Lehrplan, aber ich hatte den starken Wunsch, mehr zu lernen, also machte ich ein Praktikum in der virtuellen Robotik und widmete meine Diplomarbeit dem Deep Learning.

Ich kämpfte buchstäblich mit meinem Vorgesetzten um das Erforschen des Deep Learning, da es nicht auf dem Lehrplan stand.

Ich kämpfte buchstäblich mit meinem Vorgesetzten um das Erforschen des Deep Learning, da es nicht auf dem Lehrplan stand. Er sagte mir, ich würde es nie schaffen. Er sagte mir, wir hätten keine GPUs. Er hat mir alles gesagt, was ich brauchte, um ihm das Gegenteil zu beweisen! Ich wollte Deep Learning speziell für das Gesundheitswesen bearbeiten, denn mein Wunsch war es, den Weg zur personalisierten Medizin zu ebnen. Meine Mutter starb, weil die personalisierte Medizin noch nicht so weit ist.

Ich mache keine halben Sachen, also wurde die Arbeit ein „How To“ zu diesem Thema, mit mehr als 15 Anhängen! Ich habe mich dann bei NVIDIA für das akademische Stipendienprogramm beworben, da ich einen Grafikprozessor brauchte. Obwohl ich mehrere andere Stellenangebote bekam, kam ich direkt nach meiner Forschungsarbeit zu NVIDIA. Ich habe nicht einmal meine „Cap and Gown“-Sache [die traditionelle Abschlusszeremonie mit akademischen Gewändern, Anm. d. Red.] gemacht, weil ich damals als NVIDIAs erster Deep-Learning-Solutions-Architekt in Europa (auch ihre erste Frau in der EMEA-Region) Kunden beriet. Seitdem habe ich nie wieder zurückgeblickt und lerne jeden Tag etwas Neues aus diesem Bereich.

Ich hatte keine wirklichen Hindernisse. Obwohl ich eine Scheidung nicht empfehlen würde, war es genau das, was mich auf diesen Weg gebracht hat. Ich betrachte es als einen Sprung in mein jetziges Paralleluniversum.

Nach 20 Jahren im Geschäft bin ich auch mit jeder schlechten Sorte von Chef konfrontiert worden. Ich habe einfach weiter gemacht und dabei wertvolle Lektionen gelernt.

Nach 20 Jahren im Geschäft bin ich auch mit jeder schlechten Sorte von Chef konfrontiert worden; der Tyrann, der Perversling, der Powertripper. Ich habe einfach weiter gemacht und dabei wertvolle Lektionen gelernt. Ich habe auch gute Chefs gehabt, also bin ich ausgeglichen und geerdet. Dennoch kann ich ein wenig einschüchternd sein, wird mir von engen männlichen Freunden gesagt! Ich bin nicht wirklich in den Geschlechterkrieg verwickelt, da meine Kämpfe einfach mit Ungerechtigkeit verbunden sind. Meine beiden Kinder besuchten Mathematik- und Informatik-Fachschulen und interessieren sich nicht für KI, außer als Verbraucher. Jeder Mensch ist anders. Jeder hat seine eigenen Leidenschaften.

Mein großer Bruder war ein großer Einfluss. Er ging an die Universität von Edinburgh, studierte Informatik und war mit 22 Jahren in einem Büro im Empire State Building beratend tätig. Sein Fachwissen über Computer, Engineering und Programmierung hat ihm sein ganzes Leben lang Erfolg beschert. Meine Mutter bleibt auch meine wichtigste Inspiration. Ich habe sie 2009 plötzlich verloren, aber in den 60er Jahren hat sie ihre italienischen katholischen Fesseln abgelegt und hat angefangen, für die europäische Weltraumorganisation zu arbeiten. Ich schreibe das, während ich in einem Flugzeug auf dem Weg (über Norwegen) zurück aus den Niederlanden bin, wo ich für zwei Tage selbst die ESA beraten habe. Es ist immer schwer, dorthin zu gehen, wenn man weiß, dass sie vor über 50 Jahren in ihren Hallen war.

Ein Tag in Alisons Leben

Ich bin jetzt für die KI-Entwicklerbeziehungen von NVIDIA verantwortlich. Das gibt mir die Möglichkeit und den Raum, dem Spiel mit KI einen Schritt voraus zu sein. Ich verbringe keine Zeit mehr tief im Code, da es für mich wichtig ist, das strategische Gesamtbild zu sehen, was natürlich durch meine Zeit in der Astrophysik bedingt ist. Eigentlich bin ich immer noch ein totaler Weltraum-Freak.

Eines der ersten Dinge, die ich in NVIDIA tat, war beim Aufbau des unabhängigen Forschungsbeschleunigers (FDL) mit der NASA und dem Direktor James Parr zu helfen. Die ESA beherbergt nun den europäischen Geschäftsbereich. Ich betrachte auch die Raumfahrtindustrie als Ganzes und mögliche Anwendungen für KI gibt es viele!

Ich lerne ständig, lese 5-10 Forschungsarbeiten pro Woche und bleibe auf dem Laufenden. Ich betreue die besten Forschungslabors in Europa und bleibe mit den Wissenschaftlern in Verbindung. Tatsächlich ist es meine Aufgabe, die Punkte zwischen allen NVIDIA-Ressourcen und dem globalen KI-Bereich zu verbinden. Ich liebe es. Kein Tag ist wie der andere. Wenn ich nicht auf Reisen bin, arbeite ich zu Hause, was für mich sehr effektiv ist.

Meine beiden Kinder studieren gerade. Ich bin stolz darauf, dass ich sie so positiv beeinflussen und unterstützen kann, wie es meine eigene Mutter bei mir getan hat. Das treibt mich an. Ich habe auch ein Zertifikat von der allerersten FDL… Eine Auszeichnung für die „Unterstützung der planetarischen Verteidigung“ [gegen Astroiden, Anm. d. Red.]. Das ist ziemlich cool!

Lesen Sie auch: Women in Tech: Warum es Vielfalt in der KI-Welt braucht und wie wichtig das Hochstapler-Syndrom ist!

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Meiner Meinung liegt es daran, dass sich die meisten Frauen natürlich nicht zu dem hingezogen fühlen, was in der Vergangenheit eine rein männerdominierte Arbeitsumgebung oder Technik war. Es kommt auf das Wohlbefinden und die Förderung an, hauptsächlich aber auf die Erziehung. Welche Karriere wir auch immer einschlagen, Frauen sind immer dazu verdammt, sie aufzugeben, um eine gute Mutter zu sein, auch wenn es nur für die Zeit im Mutterschutz ist. Und es ist keine leichte Aufgabe, eine berufstätige Mutter zu sein – ich weiß, wovon ich rede.

Ich war über ein Jahrzehnt lang eine berufstätige und alleinerziehende Mutter, fast ein weiteres Jahrzehnt konnte ich nicht einmal mehr auf die Hilfe meiner Eltern zurückgreifen. Wenn man Kinder hat, ändern sich die eigenen Prioritäten besonders als Frau massiv. Für Väter gilt das natürlich auch, aber sie müssen normalerweise weiterarbeiten und haben dahingehend keine große Wahl, denn jemand muss es schließlich tun. Rollen können sich natürlich in unserer Zeit umkehren, doch Mütter stehen in jedem Fall vor der Wahl: Karriere oder Kinderhüten. Diese Entscheidung ist schwer, egal in welche Richtung. Besonders für die nicht so wohlhabende Massenbevölkerung. Diskriminierung ist auf jeder Ebene falsch, aber am wenigsten dulden kann ich sexuelle Diskriminierung. Niemand auf diesem Planeten würde damit bei mir davonkommen, doch nicht jeder ist so stark. Wenn ich in meinem Einflussbereich davon erfahre, werde ich zu einer wilden Bestie.

Es gibt vieles, das wir innerhalb des KI-Bereiches ausgleichen können und müssen. Ich kontere immer, dass jede Frau in diesem Bereich stark genug ist, um für zwei zu zählen!

Die ganze Welt wäre viel empathischer, wenn mehr Frauen in MINT-Berufen arbeiten würden.

Die ganze Welt wäre viel empathischer, wenn mehr Frauen im MINT-Bereich arbeiten würden, der eine ganze Menge an Berufen umfasst. Bitte nicht falsch versehen: Ich persönlich kenne eine Menge garstiger Miststücke. Manch eine hat es dahin gebracht, wo sie heute ist, andere sind einfach generell nicht so nett. Im Großen und Ganzen fördern mehr Frauen am Arbeitsplatz aber den Zustrom von weiteren Frauen. Wir MÜSSEN auch Verhalten und Verständnis ausbalancieren. Die Natur hat ein natürliches Gleichgewicht und das haben wir in der Tech-Branche verloren. Der Bereich um Künstliche Intelligenz macht das noch deutlicher.

Diversity ist kein einfaches Problem, aber der Einsatz von Bildungsprogrammen wird dazu führen, dass eine neue Generation von Arbeitskräften in die Branche eintritt und ein Verständnis davon hat, dass etwas anderes als eine möglichst große Vielfalt falsch ist und sich nicht lohnt.

Die Technik-Welt ist nicht vielfältig. Ich weiß das, weil Deep Learning Indaba gerade erst in den letzten 12 Monaten gestartet ist. Aber wir kommen da hin.

Hindernisse

Viele Leute reden über das Hochstaplersyndrom, aber meiner Meinung nach ist es überlebenswichtig, dieses Gefühl zu haben. Selbstüberschätzung ist schlecht, aber Gefühle der Unzulänglichkeit können nur mit ständigem Lernen kompensiert werden. Wenn man das Gefühl hat, etwas nicht ausreichend zu kennen, sollte man versuchen, es kennenzulernen und zu erforschen, bis man das Gefühl hat, etwas beitragen zu können. Nehmt euch die Zeit, es fördert die eigene Gesundheit und Vernunft – bringt schließlich auch etwas. Niemand weiß alles und das Leben ist zu kurz, um nicht zufrieden zu sein.

Lesen Sie auch: Women in Tech: „Seid nicht das, was die Vergangenheit aus euch gemacht hat, sondern was ihr sein wollt“

Tipps und Tricks

Wenn ihr euch für die Tech-Branche interessiert, dann macht einfach mit! Besonders im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Es gibt etliche Kurse, die man online machen kann. Das Ganze ist sehr spannend und es lohnt sich. Außerdem verbindet es einen mit absolut jeder Industriegesellschaft. Gerade für junge Menschen mit einem guten Abschluss öffnen sich so Türen und Tore zu allen Möglichen Bereichen. Ich empfehle jedem, Tim Urbans Career Guide zu lesen.

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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1 Kommentar auf "Women in Tech: „Mehr Frauen am Arbeitsplatz erzeugen automatisch den Zustrom weiterer Frauen“"

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Stefanie S.
Gast
Sehr guter Artikel, aber … Da gibt es eine Gruppe, die regt sich permanent auf, dass es zu wenig Frauen in MINT gibt. Aber in den Unternehmen interessiert das nicht, da werden die Männer mit schlechterer Qualifikation mit berufstiteln zu Höheren (wie IT Architekt) erhoben. Z.B. ist zw. Ärzten und Krankenschwestern genau die Kompetenz geregelt. In der IT kämpfe ich mit Uni Informatik-Diplom mit Männern ohne oder mit höchstens Fachinformatiker-Abschluss um Titel wie IT-Architekt! Ja, die nennen sich dann Architekt, nur, weil sie mit Hilfe von externen Consultants eine IT-Landschaft hingestellt haben. Da geben mir die Fach-Informatiker vor, wie ich… Read more »