Wie viel bleibt von einer Idealarchitektur am Ende übrig?

This is the end…

Einige Tage später kehrt er, der alte zähe Hund, halbwegs erholt, aber immer noch sehr nervös und angeschlagen an seinen Arbeitsplatz zurück. Er entschließt sich, der Wahrheit direkt ins Gesicht zu sehen und sich selbst nicht lange auf die Folter zu spannen. Er sieht sich um – der Entwurf liegt unverändert da. Hm, komisch. Er sieht sich weiter um. In einer Ecke entdeckt er endlich die gesuchte Botschaft, diesmal aus Kaffeebonen gelegt. Und die lautet: „Du kannst dein Ding jetzt bauen. Aber wir haben ein Auge auf dich. Archi-Termiten“

Epilog

Architekten haben einen doppelt schweren Job. Zum einen müssen sie, ständig im Nebel tappend, versuchen, aus den mageren und wirren Kundenwünschen heraus zu extrahieren, was die Kunden morgen und übermorgen benötigen könnten, um daraus ein solides, zukunftssicheres Konzept abzuleiten und für dieses gleich zu Beginn die richtigen Weichen zu stellen und im weiteren Entwicklungsverlauf dafür zu sorgen, dass dieses auch eingehalten wird.

Aber zum anderen müssen sie oft mit völlig irrationalen Motiven, Widerständen und politischen Reibereien kämpfen, die ein System ebenso stark wie die eigentlichen Anforderungen beeinflussen und die für dessen tatsächlichen Zweck völlig irrelevant sind. Trotzdem müssen diese irrationalen Dinge berücksichtigt werden, weil sonst das System u. U. erst gar nicht entwickelt wird. Und der Architekt muss sich einfach damit abfinden, dass im schlimmsten Fall bis zu 80 % (Achtung: pure Empirie) des Idealsystems für solche irrationalen Kompromisse aufgebraucht werden, um es jedem, der den Mund aufmachen darf auch recht zu machen.

So ist das Architektenleben: das Sitzen mit dem Allerwertesten auf einem Archi-Termitenhügel. Und nur ein Architekt, der sich schnell genug bewegen und auch teilweise irrationale Kompromisse schließen kann – also agil agiert – kann diesen „Tanz“ vernünftig meistern. Und da ist nichts Schlimmes dabei, denn wäre es sonst nicht todlangweilig?

Pavlo Baron ist Enterprise IT Architect in München. Er ist Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“ und „Fragile Agile“ sowie zahlreicher Artikel. Außerdem spricht er regelmäßig auf Konferenzen und in kleineren Kreisen und gibt so seine Erfahrungen und Beobachtungen weiter.
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