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Eine Weihnachtsgeschichte

Wie ein mürrisches Rentier wieder Lust an der Arbeit fand

Arne Roock und Henning Wolf

Rudi hatte schlechte Laune. Weihnachten stand schon wieder vor der Tür, und dieses Jahr würde er ganz sicher nicht noch einmal krankgeschrieben werden. Der Arzt hatte schon letztes Jahr misstrauisch gekuckt, als er sich seinen gelben Zettel abholte. Nun war eine Weihnachtsdepression ja auch nicht gerade üblich für Rentiere. Aber er hatte es einfach nicht mehr ausgehalten: der Zeitdruck, die vielen Überstunden, die ständige schlechte Laune des Weihnachtsmannes und die zunehmenden Beschwerden der Kinder, weil sie falsche oder kaputte Geschenke erhalten hatten.

Mürrisch betrat Rudi die Geschenkehalle, um sich einzustempeln. Aber es gab keine Stechuhr mehr. Und als er einen Blick in die Halle warf, traute er seinen Augen nicht: In der Vergangenheit war das hier immer der reinste Ameisenhaufen gewesen. Alle Wichtel, Elfen und Rentiere waren hektisch durcheinander gelaufen und hatten versucht, möglichst schnell die Aufgaben zu erledigen, die der Weihnachtsmann ihnen mit hochrotem Kopf zugebrüllt hatte. Aber jetzt herrschte eine ganz entspannte Atmosphäre in der Halle. Jeder schien genau zu wissen, was er zu tun hatte. Niemand wirkte hektisch oder überlastet. Und der Weihnachtsmann schlenderte mit einem Glühwein in der Hand durch den Raum und plauschte hier und da mit einem Angestellten. Und was dann geschah, machte Rudi vollends sprachlos. Eine Glocke läutete zur Pause, woraufhin alle Rentiere ihre Arbeit zur Seite legten, die Glocken abschnallten und ihr Pausenmoos herausholten. Pausen? Zur Weihnachtszeit? Das hatte es hier noch nie gegeben. Sofort stürmte Rudi zu seinem Kumpel Reinhart und fragte ihn, wie das angehen konnte. Genüsslich schmatzend begann Reinhart zu erzählen:

„Nachdem der Weihnachtsmann seinen dritten Herzinfarkt hatte, kam die Anweisung von ,ganz oben‘, dass sich hier etwas ändern muss. Aber du kennst ja den Weihnachtsmann – der hat noch jede Änderungsinitiative ausgesessen. Also musste es diesmal anders ablaufen, am Besten in ganz kleinen Schritten. Renate hatte die Idee, zuerst einmal alle Wunschzettel an die Wand zu hängen und aufzumalen, was wir hier eigentlich tun. Das sah dann wie in der unteren Abbildung aus.

Da haben einige ganz schön dumm aus der Wäsche geguckt, als sie gesehen haben, wie viele Dinge wir gleichzeitig tun. Der Weihnachtsmann meinte zuerst, das müsste so sein, denn schließlich muss ja auch alles zu Weihnachten fertig sein. Aber dann stellten wir fest, dass das gar nicht stimmt. Denn wegen der Zeitverschiebung liegen die Weihnachtsfeste weltweit ja immer ein paar Stunden auseinander. Außerdem werden die Geschenke nicht überall am selben Tag verteilt. In den USA ist ja bekanntlich erst am 25.12. Bescherung. Die Kleinigkeiten für den Nikolausstiefel müssen hingegen schon am 6. ausgeliefert sein. Also haben wir kleine Zettel mit unterschiedlichen Farben auf die Wunschzettel geklebt, um die verschiedenen Termine zu visualisieren. Die Rückläufer vom letzten Jahr haben wir mit einem gelben Stern markiert – die wollten wir als allererstes ausliefern, um die Kinderzufriedenheit zu erhöhen.

Und dann ist etwas Erstaunliches passiert: Es blieben Wunschzettel übrig. Wir haben nämlich festgestellt, dass auch schon Sachen für Ostern oder sogar für das nächste Weihnachtsfest produziert wurden. Das mag ja effizient sein, wenn man viele Sachen gleichzeitig einpacken kann, aber es verzögert natürlich die Auslieferung der wirklich eiligen Dinge. Also wurden diese Zettel erst einmal zur Seite gelegt. Danach haben wir uns darauf geeinigt, dass niemand an mehr als zwei Geschenken gleichzeitig arbeiten soll, um die einzelnen Pakete schneller fertig zu bekommen und Fehler zu vermeiden (das nennen wir WISH-Limit). Außerdem wurde durch unser Wunsch-Board deutlich, dass die Wichtel beim Einpacken nicht so richtig hinterherkommen und sich offensichtlich bei ihnen ganz schnell Aufgaben auftürmen. Also haben wir spontan zwei Rentiere von der Produktion abgezogen, um das Verpackungsteam zu unterstützen. Schon nach kurzer Zeit konnten wir dadurch unsere Time-to-Christmas-Market deutlich verkürzen.

Zuletzt haben wir den Weihnachtsmann noch davon überzeugt, dass sich das gesamte Team einmal am Tag kurz versammelt und kurz darüber spricht, wie es mit der Arbeit läuft, welche Wunschzettel gerade bearbeitet werden und wie wir uns weiter verbessern können – das nennen wir Kerzen-Kaizen.

Der Weihnachtsmann hat dann gemerkt, dass wir auch sehr gut ohne sein Gebrülle und die permanenten Anweisungen auskommen. Seine Aufgabe beschränkt sich jetzt im Wesentlichen darauf, regelmäßig zu entscheiden, welche Wunschzettel wir als Nächstes abarbeiten sollen. Und er hat eine diebische Freude daran entwickelt, Diagramme zu erstellen, die zeigen, dass wir uns immer weiter verbessern. Und natürlich haben unsere Kunden den größten Vorteil: Denn für die hat sich die Lied-Time deutlich verkürzt, also die Zeit, die sie bisher mit Liedern verbringen mussten, bis die Geschenke eintreffen.“

Rudi war sprachlos. Eigentlich hatte er vorgehabt, sich möglichst schnell wieder vom Acker zu machen. Aber nach Reinharts Erzählungen hatte er jetzt richtig Lust bekommen, endlich mal wieder ein paar Geschenke zu packen.

Arne Roock arbeitet bei der it-agile GmbH in Hamburg. Als studierter Germanist interessiert er sich für informative, leicht verständliche und kooperative Kommunikation. Außerdem beschäftigt er sich seit Längerem mit den Themen Selbstorganisation und Zeitmanagement in der IT.

Henning Wolf ist Geschäftsführer der it-agile GmbH in Hamburg. Er verfügt über langjährige Erfahrung aus agilen Softwareprojekten (XP, Scrum, FDD) als Entwickler, Projektleiter und Berater. Er ist Autor der Bücher „Software entwickeln mit eXtreme Programming“ und „Agile Softwareentwicklung“. Henning Wolf hilft Unternehmen und Organisationen, agile Methoden erfolgreich einzuführen.

Geschrieben von
Arne Roock und Henning Wolf
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