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Interview mit Marco Zingler

Wenn das IoT den Alltag übernimmt: „Nur grillen würde ich noch selbst, versteht sich.“

Kypriani Sinaris

Marco Zingler

Wenn irgendwann alle Geräte des Alltags smart vernetzt sind, dann schließt sich der technische Kreis und lässt den Menschen außen vor – oder? In seiner Session auf der Internet of Things Conference 2105 spricht Marco Zingler über „Closed Circles – wie das IoT abgeschlossene Produkt- und Dienstleistungswelten schafft“. Wie funktionieren diese Closed Circles und was bedeuten sie für die Zukunft des Internet der Dinge?

JAXenter: Sie sagen in Ihrer IoT Con Session, dass die Vernetzung von Geräten, die wir derzeit erleben – und die wir mit dem schönen Wort „Internet der Dinge“ umschreiben, durchschnittlichen Nutzern kaum Alltagserleichterungen bringen. Ist das IoT also ein Hype-Thema, hinter dem sich weniger verbirgt, als technisch versierte Menschen vermuten?

Marco Zingler: Gegenwärtig ist das Internet der Dinge für den Durchschnittskonsumenten noch kaum im Alltag wahrzunehmen. In Ansätzen ist aber schon erkennbar, dass in wenigen Jahren das IoT ein fester Bestandteil des Alltagslebens sein wird. Die Claims werden jetzt unter den Akteuren aufgeteilt. Im Marketing und Digital Commerce werden Facebook, Google, Apple und Amazon definitiv die Regeln mitbestimmen. Daneben gibt es noch eine Handvoll Kandidaten aus Amerika und Asien. Ob es darüber hinaus überhaupt noch einen relevanten europäischen Akteur geben wird, ist bisher nicht abzusehen. Daher müssen sich heute alle Unternehmen, seien es Produkt- oder Service-Anbieter genauso wie Händler und Werbeindustrie, fragen, was ihre Antwort auf das IoT ist. Abwarten ist sehr riskant.

Was fehlt derzeit noch, damit IoT-Geräte und Netzwerke massenkompatibel werden?

Marco Zingler: Es fehlt noch an kompletten Ökosystemen, die verschiedene Produktwelten und Services miteinander vernetzen. Einzelne Produkte, wie z.B. ein Kühlschrank, der nicht mit Lieferdiensten verknüpft ist, sondern nur mitteilt, dass er leer ist, ist keine große Entlastung für den Konsumenten.

Nun beschreiben Sie, wie das IoT in Zukunft abgeschlossene Produkt- und Dienstleistungswelten schafft. Können Sie diesen Punkt etwas näher erläutern?

Marco Zingler: Es liegt auf der Hand, dass der größte Mehrwert aus Konsumentensicht entsteht, wenn verschiedenste Produkte und Services miteinander verknüpft werden und gemeinsam funktionieren. Ein einheitlicher Standard, der es ermöglichen würde, dass alle Angebote von allen Anbietern frei verknüpft werden könnten, ist nicht abzusehen und auch nicht im Interesse der großen Spieler. Sie arbeiten an eigenen Standards, und sie werden den Zugang zu diesen geschlossenen Service-und-Produkt-Angeboten kontrollieren. Um sich in diesem Wettbewerb durchzusetzen, braucht es neben der technologischen Kompetenz vor allem den Zugang zu vielen Kunden und deren Daten. Das haben schon heute Facebook, Google, Amazon und Apple erreicht. Und diese Akteuere arbeiten intensiv an proprietären  IoT-Welten. Die Akquisition von Parse als IoT-Technologie-Plattform durch Facebook sowie die Akquisition von Nest durch Google  deuten in diese Richtung. Weitere Beispiele werde ich in meinem Vortrag aufzeigen.

Sie sagen, Konsumenten treffen in der Zukunft selbst keine Kaufentscheidungen mehr – zumindest in gewissen Bereichen. Wollen Menschen aber nicht eigentlich die Wahl haben zwischen verschiedenen Produkten? Wie ist da Ihre persönliche Meinung?

Marco Zingler: Hier denke ich in erster Linie an die Versorgung mit dem täglichen Bedarf, also an den FMCG-Markt. Amazon bereitet seine Premium-Kunden schon heute ohne IoT darauf vor. In den USA gibt es den Subscribe-&-Save-Service. Man bestellt ein Abo von Verbrauchsgütern, die dann regelmäßig geliefert werden. Diesen Abonnenten werden Rabatte angeboten. Was angeboten und was rabattiert wird, entscheidet Amazon. Der Kaufentscheidungsprozess läuft hier also ganz anders ab als im Supermarkt. Der Supermarkteinkauf ist geprägt von Spontankäufen. Diese Spontankäufe werden massiv durch klassische Werbung beeinflusst. Sich ein Abo im Internet zusammen zu stellen, ist dagegen ein relativ bewusster Vorgang. Und wenn man sich einmal für eine Klopapiermarke entschieden hat, ist die Wechselhürde viel höher als beim nächsten Supermarkteinkauf.  Veränderungen dieser Abos lassen sich viel wahrscheinlicher durch Vorschläge des Abodienstleisters mit seinem Zugang zu Big-Data-Kundendaten als durch Werbung oder Marketing bewirken. Daher wird Mediawerbung an Bedeutung verlieren und die sinnvolle Verknüpfung in einem IoT-Ökosystem mit Zugang zu einer großen Kundenzahl wichtiger werden.

Closed Circles im Sinne der abgeschlossenen Produkt- und Dienstleistungswelten bergen ja die Gefahr des sogenannten Vendor-Lockin: D.h. man wird als Kunde abhängig von einem Anbieter – für Epson-Drucker müssen Epson-Patronen gekauft, für Nespresso-Kaffee-Maschinen die passenden Nespresso-Kapseln. Kann man sich nun aber im Gegenteil eine Zukunft des IoT vorstellen, in der offene Plattformen, geteilte Standards & Protokolle und damit auch miteinander kompatible Produkte dominieren?

Marco Zingler: Ja, ein Alternativszenario ist technisch denkbar, und das wäre aus Konsumenten- und Produktherstellersicht viel besser. Aber der Trend der letzten 10 Jahre zeigt in eine andere Richtung: Es haben sich sehr große Anbieter mit einem Schatz von Kundendaten und direktem Zugang zu Milliarden Konsumenten herauskristallisiert, die geschlossene Welten nach ihren Regeln anbieten. Facebook, Apple, Google und Amazon erlauben zwar Dritten mitzuspielen – aber nach ihren Regeln und gegen finanzielle Beteiligung. Interesse an gemeinsamen Standards sollten europäische Händler, Produktanbieter und Kunden haben, denn bisher ist nicht absehbar, dass es irgendeinen europäischen Spieler geben wird, der es schaffen könnte, ebenfalls einen proprietären Standard durchzusetzen.

Beamen wir uns in die Zukunft: Wie sieht ein optimaler „Closed Circle“ im Smart Home aus?

Marco Zingler: Wir brauchen uns gar nicht um Science Fiction zu bemühen. Denken wir wieder an den Subscribe-&-Save-Service von Amazon. Der Abo-Service wird dann nicht einfach nach einer festgelegten Periode liefern. Die Produkte werden automatisiert durch IoT-Services angefordert, wenn sie gebraucht werden. Z.B. der Kühlschrank, der frisches Gemüse anfordert, der Kosmetikschrank, der neues Deo ordert, die Rasierklingen, die gewechselt werden wollen, das Klopapier, das sich dem Ende zuneigt und so weiter. Die Ernährungs-Services könnten mit dem Trainings-IoT-Service verbunden sein und mir zu meinem tatsächlichen Kalorienverbrauch und Gesundheitszustand die ausgewogene Ernährung samt Rezepten liefern. Durch eine weitere Vernetzung des  Kalender-Service, in dem ich die Einladung meiner Freunde zum Grillfest hingelegt habe, könnte mir automatisch für alle das Richtige geliefert werden – für Carnivoren genauso wie für Lacto-Vegetarier, Nuss-Allergiker und Veganer. Nur grillen würde ich noch selbst, versteht sich.

Vielen Dank für dieses Interview!

Marco Zingler ist seit 2001 Geschäftsführer der Digitalagentur denkwerk und seit mehr als 17 Jahren in der Digitalen Wirtschaft tätig. Von 2006 bis 2015 leitete Zingler den Fachkreis Full-Service-Digitalagenturen (vormals Fachgruppe Agenturen) im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. Seit 2015 ist er Vize-Präsident im BVDW und gestaltet die Strategie des Verbands aktiv mit. Der Digitalexperte ist Gründungsmitglied und Vorstand bei Web de Cologne e.V. und ist mitverantwortlich für das Interactive Cologne Festival.
Geschrieben von
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris studierte Kognitive Linguistik an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Seit 2015 ist sie Redakteurin bei JAXenter und dem Java Magazin.
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