Warum Sie in Interviews nie die ganze Wahrheit erfahren: Fragen und Antworten

Die Feldbeobachtung

Bei der Feldbeobachtung ist der Anforderungsermittler in der Rolle des Beobachters und der Stakeholder in der Rolle des Beobachteten. Der Anforderungsermittler beobachtet den Stakeholder bei der Arbeit z. B. beim Umgang mit einem Vorgängersystem. Dabei notiert er sich sorgsam alles, womit er beobachten kann: Was macht der Stakeholder, in welcher Reihenfolge macht er das etc. Aus diesen Beobachtungen kann der Wissensermittler entsprechend Basisfaktoren, bzw. Hinweise auf Basisfaktoren ableiten. Aus der Tatsache, dass sich der Stakeholder im Auto hinsetzt, kann der Analytiker den entsprechenden Basisfaktor „Sitzmöglichkeit vorhanden“ ableiten.

Ein Problem bei dieser Vorgehensweise ist, dass der Analytiker die Basisfaktoren hauptsächlich durch Rückschlüsse aus den Beobachtungen herleiten muss. Dabei können durchaus falsche Schlüsse gezogen werden. Daher muss das Beobachtete genauer hinterfragt werden. Demnach muss einer Feldbeobachtung immer eine weitere Technik (z. B. ein Interview) folgen. Es gibt allerdings eine Technik, welche die Feldbeobachtung und das Interview vereint, und zwar das Contextual Inquiry.

Contextual Inquiry

Hierbei handelt es sich um eine Mischung aus Beobachtungs- und Befragungstechnik. Hier wird nicht wie bei der Feldbeobachtung dem Stakeholder ausschließlich zugesehen und das beobachtete dokumentiert, sondern zusätzlich das Beobachtete besprochen. Somit wird die Gefahr falscher Rückschlüsse gebannt. Das bedeutet also, dass der Stakeholder seine Arbeitsabläufe ausführt und der Analytiker beobachtet und Annahmen formuliert. Danach hat der Analytiker die Möglichkeit, dem Stakeholder diese Annahmen zu explizieren. Er kann Verständnisfragen stellen, aber auch das Beobachtete hinterfragen. Das gibt ihm die Möglichkeit herauszufinden, ob die gesehenen Abläufe notwendig sind, oder nur aufgrund der bisher existierenden Lösungen sich so wie gesehen darbieten. Wichtig beim Contextual Inquiry ist, dass es nicht zu einer reinen Beobachtung oder zu einem reinen Interview wird. Die Mischung ist wichtig. Der Stakeholder soll die Abläufe vorführen und nicht erzählen.

Das Apprenticing/In die Lehre gehen

Beim Apprenticing wird im Gegensatz zur Feldbeobachtung das Machtverhältnis zwischen Beobachter und Beobachteten umgekehrt. Das bedeutet, der Anforderungsermittler übernimmt die Aufgabe des Stakeholders und der Stakeholder sieht zu und hilft im Bedarfsfall. Dadurch erhöht sich die Aktivität des Ermittlers, er hört und sieht nicht nur den Sachverhalt, sondern er erlebt ihn selber. Dies ermöglicht eine stärkere Vertiefung der Materie. Vor allem, da nicht alle Informationen zu dem Sachverhalt beobachtbar, aber erlebbar sind. Nehmen wir als Beispiel den Schaltvorgang im Auto. Das richtige „kommen lassen“ der Kupplung lernt man nur durch Selber-Ausprobieren.

Dokumentenzentrierte Techniken

Dokumentenzentrierte Techniken basieren darauf, dass bereits vorhandene Dokumente oder Systeme als Anforderungsquelle herangezogen werden. Das könnte ein Anforderungsdokument aus einem Vorgängerprojekt sein oder ein existierendes System, das abgelöst werden soll. Folglich wird man mit Techniken aus dieser Kategorie keine „neuen“ Anforderungen ermitteln können. Lediglich die bereits vorhandenen Informationen kommen hier zutage. Wenn wir das auf das Kano-Modell übertragen, werden wir sehen, dass wir mit diesen Techniken nur Basis- und Leistungsfaktoren ermitteln werden. Das würde den Ebenen bewusstes und unterbewusstes Wissen entsprechen.

Die Systemarchäologie

In diesem Artikel werden wir nur einen Vertreter dieser Techniken vorstellen, die Systemarchäologie. Dabei werden zum Ermitteln der Anforderungen bestehende Artefakte eines vorhandenen Systems herangezogen. In unserem Beispiel bedeutet das, dass ein Benutzerhandbuch des Autos oder das Auto selber als Quelle für die Anforderungen dient. Man würde sich das Auto ansehen, damit herumspielen und auch fahren. Aus den daraus gewonnenen Informationen können Anforderungen abgeleitet werden. Wichtig dabei ist, dass man hier erst einmal nur mögliche Anforderungen identifiziert hat. Denn man sieht ja nur was im Altsystem vorhanden ist, aber nicht ob dies auch benötigt, beziehungsweise gefordert wird. Es könnte also leicht passieren, dass unnütze Dinge als Ergebnis anfallen. Folglich sollte diese Technik niemals als einzige Ermittlungstechnik verwendet werden. Vielmehr sollten die gewonnenen Ergebnisse mit anderen Techniken, zum Beispiel einem Interview, überprüft werden.

Eine Entscheidungshilfe

Zum Abschluss möchten wir Ihnen noch eine Entscheidungshilfe mit auf den Weg geben. Diese haben wir in Form einer Matrix zusammengefasst (Abb. 1). In dieser Matrix ist eine Reihe von Einflussfaktoren aufgelistet und diese werden verschiedenen Ermittlungstechniken gegenüber gestellt. Diese Symbole zeigen, welche Technik bei welchen Einflussfaktoren gut geeignet (++) oder nicht empfohlen (-) wird. Nicht in der Matrix enthalten ist die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Wissensebenen. Hier gilt nach wie vor die einfache Regel: Bewusstes Wissen mit Fragetechniken, unterbewusstes Wissen mit beobachtungs- oder dokumentenzentrierten Techniken und unbewusstes Wissen mit Kreativitätstechniken ermitteln. Nicht alle in dieser Matrix gezeigten Ermittlungstechniken haben wir in diesem Artikel erläutert. Eine Beschreibung zu jeder der Techniken finden Sie in [1], [2]. Die Matrix ist auch als Download auf unserer Webseite erhältlich [3].

Abb. 1: Entscheidungsmatrix für Ermittlungstechniken. (Vergrößern)

Chris Rupp (www.sophist.de/chris.rupp) liefert durch Publikationen immer wieder wichtige Impulse für die Bereiche Requirements Engineering und Objektorientierung. Erfindungen von ihr legten die Basis des modernen Requirements Engineering. Chris ist Geschäftsführerin der SOPHIST GmbH.

Dirk Schüpferling (www.sophist.de/dirk.schuepferling) ist bereits seit 2001 als Berater und Trainer bei den SOPHISTen. Er forscht auf dem Gebiet der Dokumentationstechniken und löst hier Problemstellungen aus der Praxis, indem er Neuerungen und Anpassungen an etablierten Tools und Dokumentationsarten vornimmt.
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