Warum Frauen keine Entwicklerinnen werden wollen

Judith Lungstraß

Dass in der Entwicklerwelt ein deutlicher Überschuss an Männern gegenüber ihren weiblichen Kolleginnen herrscht, ist allgemein bekannt. Ungeklärt ist hingegen bislang die Tatsache, warum dem so ist.

Die hin und wieder aufgestellte These der verschieden stark ausgeprägten mathematischen Fähigkeiten von Mann und Frau wird von der Computerwissenschaftlerin Terri Oda widerlegt. Erstens seien Frauen keine schlechteren Mathematiker als Männer und zweitens müsse man kein Mathematik-Genie sein, um gut programmieren zu können. Was weiterhin bleibt, ist die Vermutung, dass Frauen schlicht und einfach weder Ambitionen noch Interesse daran haben, in der Entwicklerwelt Fuß zu fassen.

Nun erklärt die Bloggerin mit dem Pseudonym „Woman in Tech“ in ihrem Post Why I Stopped Telling Young Girls to Go to Engineering, warum sie sich in der IT-Branche nicht wohl fühlt und diese am liebsten so schnell wie möglich hinter sich lassen würde. Obwohl sie die Wissenschaft und die Mathematik schon immer geliebt habe und sich nicht vorstellen könne, irgendeinen anderen Beruf als den des Entwicklers auszuüben, denkt sie in letzter Zeit oft darüber nach, sich eine andere Beschäftigung zu suchen. Dafür nennt sie zwei Gründe:

Zuerst einmal stören sie die zahlreichen unangenehmen Situationen am Arbeitsplatz, die niemals entstehen würden, wäre sie ein Mann wie der Großteil ihrer Kollegen. In diesem Falle könnte sie Gerüchte und Geschwätz vermeiden, wenn sie eng mit einem ihrer männlichen Kollegen zusammenarbeitet, sie würde weniger oft unterschätzt werden und auch die Unterstellung, dass es ihr an Fachkenntnis fehle, käme weniger häufig vor.

Andererseits fühle sie sich aber auch in ihrem vorwiegend männlichen Umfeld ganz einfach nicht wohl. Hier herrsche, ihrer Meinung nach, zu wenig Gedankenvielfalt für einen vielseitig und umfassend interessierten Menschen, der gerne auch einmal Inspiration aus Quellen außerhalb seiner Arbeit zieht. Auf Tech-Konferenzen langweile sie sich, da von den Teilnehmern kein anderes Gesprächsthema als das über Technologie zu erwarten sei. Allgemein gesagt fehle es der IT-Branche für ihren Geschmack an Menschlichkeit.

In den Kommentaren zum Blogpost der „Woman in Tech“ kommentiert nun jedoch eine andere Frau aus der Tech-Branche, dass sie hingegen Konferenzen liebe und sich auch leidenschaftlich gerne mit ihren männlichen Kollegen über verschiedenste Technologien unterhalte. Könnte es sein, dass das Problem der Blog-Autorin weniger darauf basiert, dass sie eine Frau ist, sondern vielmehr darauf, dass sie für die IT-Branche ganz einfach charakterlich nicht gemacht ist? Und was ist zu halten von dem Vorwurf eines anderen Kommentators, dass sie mit ihren aufgestellten Behauptungen den Graben zwischen Mann und Frau nur zusätzlich verbreitere?

Geschrieben von
Judith Lungstraß
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.