JAX Countdown

Warum alle Java hassen

Hartmut Schlosser

Jetzt heißt es sich warm anziehen, liebe Java-Entwickler! Tim Becker bläst zum Sturm gegen eingerostete Java-Bequemlichkeiten und fordert Sie auf, den Blick über den Tellerrand zu wagen. In der finalen Folge unseres JAX Countdown geht es um Hass und Liebe zu Java, um die Stärken und Schwächen der Java-Kultur und um den brisanten Vergleich zwischen Java und Cobol. Zu lesen ist das Folgende am besten mit einem gehörig Maß an Selbstironie – Selbstironie, die den Funken der Wahrheit umso deutlicher scheinen lässt.

Tim Becker auf der JAX

Tim Becker können Sie auf der JAX live erleben:

Everybody hates Java

18.04.2012 | 10:15 – 11:15


Mit der Ausnahme von Krieg, Geschlechtskrankheiten und Magarinestullen ist wohl kaum etwas so universell verhasst wie Java. Vielleicht noch Cobol (dabei ist Cobol ja eine ganz nette Sprache). Der Vortrag beleuchtet einerseits Javas stereotype Außenwahrnehmung, und betrachtet an welchen Stellen die Java-Community tatsächliche Schwächen aufarbeiten sollte. Dies anhand vieler spannender Beispiele und Exkurse in die Bereiche Biologie, Geschichte, Literatur und Philosophie.

www.jax.de

JAXenter: Sicherheiten gibt es ja wenige im Leben. Doch eine davon ist,
dass Java eine der verhasstesten Dinge der Welt ist – nur noch getoppt
von Krieg, Geschlechtskrankheiten und Margarinestullen. Nun ja – das
sagen Sie jedenfalls in Ihrem Session-Abstract für die JAX. Soll das
heißen, dass Java nur von den eingeweihten Java-Programmierern geliebt
wird, von allen anderen aber nicht?

Tim Becker: Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass Java selbst von Java-Programmieren selten geliebt wird. Java ist nicht unbedingt ein
Werkzeug, welches von Anwendern leidenschaftlich betrachtet wird.
Schreiner haben häufig eine innige Beziehung zu gewissen Werkzeugen wie
Sägen oder Stecheisen. Es gibt aber auch eine andere Kategorie von
Werkzeugen, die eher nüchtern betrachtet werden: taugt oder taugt nicht.
Schraubendreher, zum Beispiel. In diese Kategorie gehört meines
Erachtens Java. Und, ähnlich wie Schraubendreher, ist Java aus der
Werkzeugtruhe eines Programmierers aktuell kaum wegzudenken.

JAXenter: Über die Liebe zu Java kann man sicher geteilter Meinung sein – da will ich gar nicht weiter bohren. Eine andere Sache interessiert mich hier mehr: Sie spielen ja auch auf gewisse Entwickler-Kulturen an, also
auf die Tatsache, dass sich ein PHP-Programmierer anderen Werten
verpflichtet fühlt als ein .NET-Entwickler, ein Ruby-Rockstar sich
anders fühlt und gibt als ein Java-Entwickler. Ohne allzu sehr in
Klischees abzudriften, kann man ja doch Unterschiede feststellen – auch
wir als Konferenzveranstalter sehen, dass die Atmosphäre auf der JAX
eine andere ist als auf unserer Basta! oder der International PHP
Conference. Wie würden Sie selbst die Java-Kultur beschreiben?

Tim Becker: Sowohl im positiven als auch im negativen Sinne ist die Java Community,
zumindest im Vergleich zu Ruby und PHP, „erwachsener“. Projekte, die in
Java umgesetzt werden, behandeln eher konservative fachliche Themen,
legen Wert auf Langlebigkeit und Kontinuität. Dies setzt ein hohes Maß
an Professionalität voraus, betont aber nicht unbedingt Begeisterung,
Innovationsgeist und Spontanität. Wer seinen Freunden beim Bier vom
Requirements Gathering für das neue kreditwirtschaftliche Meldewesen-Modul erzählt, hat bald keine mehr. Schreibt man ein neues Facebook-Spiel oder eine iPhone App, sieht die Sache schon anders aus.

JAXenter: An welchen Stellen weist die Java Community Schwächen auf?

Tim Becker: Im Vergleich zu anderen Communities fällt mir auf, dass die Java
„Community“ als solches gar nicht richtig existiert: Es fehlt ein
Fixstern, um das alles kreist, es gibt keinen zentralen Blog, IRC Channel, keine
Mailingliste oder Usergroup. Mir fällt z.B. keine
Anlaufstelle ein, wo man ein neues Java-Projekt announcen könnte. Die
Übernahme von Sun durch Oracle hat die Situation noch verschlimmert, da
Oracle auf die meisten Entwickler – gelinde gesagt – nicht sonderlich
sympathisch wirkt. Damit ist Oracle ungeeignet, ein metaphorisches
Clubhaus zu betreiben.

Außerdem sollte der Blick über den Tellerrand häufiger gewagt werden.

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
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