Wahl ohne Kampf

Befinden wir uns also auf der Ebene der Politiker, was die Versprechen in der IT anbelangt? Das glauben wir nicht, denn es gibt wichtige Unterschiede. Eines der Probleme mit den Wahlkampfversprechen liegt darin, dass sie auf der Annahme beruhen, man könnte die Zukunft für 4 Jahre im Voraus vorhersagen. „Wir werden die Steuern senken“, lässt sich eben nur dann einlösen, wenn bestimmte Umweltbedingungen konstant bleiben.

In der Softwareentwicklung haben wir gelernt, dass wir die Zukunft nicht voraussehen können, nicht mal für sechs Monate. Das ändert natürlich nichts daran, dass es immer wieder vollmundige Versprechen von Toolherstellern etc. gibt, was neue Technologien angeht. Aber im Grunde ist uns klar, wo die Grenzen liegen, und wir verwenden neue Technologien situativ und adaptieren gegebenenfalls die Verwendung an die konkrete Situation. Und vor allem diese kreativen Adaptionen finden wir häufig in erfolgreichen Technologien: Das Telefon wurde ursprünglich entwickelt, um Konzerte zu übertragen. Das Lambda-Kalkül war als Ersatz für die Turing-Maschine gedacht und nicht als Programmiersprache (Lisp). Mit Java wollte man Applets für das Internet (oder Steuerungssoftware für Waschmaschinen) entwickeln. Und das Internet war zum Datenaustausch zwischen Wissenschaftlern konzipiert.

Nachträglich hat Altkanzler Schröder erkannt, dass die Zukunft auch für Politiker schwer vorherzusagen ist (aus einem Interview im Spiegel 43/2006): „Vieles war in der Theorie nicht zu analysieren, sondern musste in der Wirklichkeit erprobt werden. Man weiß doch vorher nicht, welche Entwicklungen bei einzelnen Gruppen oder einzelnen Personen auftreten können, die so nicht gewollt sind. Deswegen sage ich ja, man muss die Möglichkeit haben, politisch undiskreditiert korrigieren zu können.“

Perspektivenrückwechsel

Genau damit haben die Politiker ein Problem. Sie beschränken sich nicht darauf, eine Strategie zu formulieren („wir wollen die Steuern senken, wenn das finanzierbar ist“), sondern machen Versprechungen („wir werden die Steuern senken“) – und das funktioniert eben selten.Aber kann man es Ihnen allein vorwerfen? Zwingen wir einfachen Bürger unsere Politiker nicht gerade dazu, es uns so einfach wie möglich zu machen? Klar wollen wir am liebsten weniger Steuern bezahlen. Vermutlich interessiert es viele nicht einmal, wie das funktionieren soll. Erst später dann bei gekürzten Leistungen des Staats oder hohen Schulden wird die Rechnung präsentiert.

Wenn wir ehrlich sind, machen wir es uns eben auch oft so einfach und nehmen das Versprechen gerne für bare Münze, ohne die Kehrseite der Medaille zu betrachten. Das bietet auch Vorteile: erstens haben viele Spaß am Kennenlernen neuer Konzepte und Technologien, und zweitens dürfen wir uns damit vom Bisherigen abwenden. Das hat vielleicht nach mehreren Jahren einen Zustand der Degeneration erreicht, der den Umgang damit zu einer wenig vergnügungssteuerpflichtigen Veranstaltung macht. Aber Hand aufs Herz: Das vergurkte ANT-Build-Skript braucht eher eine Analyse, wie es so weit kommen konnte als eine Reimplementation mit Maven. Letztere ist zwar einfach, wird aber „wahrscheinlich aus demselben Grund in ein paar Monaten nicht mehr wartbar sein“.

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