Erfahrungsbericht eines Juristen in der Softwarebranche

Von der Wissenschaft in die Wirtschaft

Johannes Jacop

Was macht ein Jurist in der Softwarebranche? Die Frage wird mir häufiger gestellt. „Kaffeekochen“, antworte ich dann. Aber im Ernst: Zur Ausgründung eines Softwareprojekts aus der Wissenschaft in ein wirtschaftendes Unternehmen gehört eben mehr als die Fortführung der Softwareentwicklung unter anderem Dach. Dieser Artikel soll anhand meiner selbst gemachten Erfahrungen bei der Yatta Solutions GmbH einen Einblick geben, wie der Weg von der Wissenschaft in die Wirtschaft erfolgreich beschritten werden kann. Gleichzeitig soll er Softwareentwickler dazu ermutigen, den Schritt in die unternehmerische Tätigkeit zu wagen. Und ja, Kaffeekochen gehört auch dazu.

Universitäten sind Träger wissenschaftlicher Innovation und leisten mit ihren Forschungsergebnissen einen wichtigen Beitrag zur Dynamisierung der deutschen Wirtschaft.

Das schreibt das Beratungsunternehmen McKinsey & Company in seiner Studie „Deutschland 2020“ [1]. Nun die schlechten Nachrichten: Laut BITKOM hat sich im Zeitraum zwischen 2001 bis 2008 die Anzahl an Unternehmensgründungen in der ITK-Branche mehr als halbiert [2]. Der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) [3] gab für Deutschland 2009 eine Gründungsquote von 4,1 an – in den USA lag diese Zahl etwa doppelt so hoch. Das bedeutet, dass unter 100 Erwerbstätigen nur etwa halb so viele Deutsche wie US-Amerikaner ein neues Unternehmen gründen. Hinzu kommt, dass im Zeitraum 2000 bis 2008 im Durchschnitt jährlich zwischen 60 000 und 75 000 junge Unternehmen aus dem Markt ausgetreten sind [4]. Und schließlich sind unter den etablierten Unternehmen gerade kleine und mittlere Unternehmen mit 20 bis 99 Mitarbeitern in der deutschen ITK-Branche unterrepräsentiert. Das Fraunhofer ISI [5] schließt hieraus, dass es deutschen Unternehmen nur sehr schwer gelinge, über eine ursprüngliche Größe hinauszuwachsen.

So kommt auch McKinsey in der oben genannten Studie zu dem Ergebnis, deutsche Universitäten erfüllten ihre Aufgabe, durch Ausgründungen zur Wirtschaftsdynamik beizutragen, „nicht optimal“. Wären also Facebook, Google und Apple auch als deutsche Unternehmen da, wo sie heute stehen? Wohl kaum. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen für Unternehmensgründungen aus dem wissenschaftlichen Umfeld in Deutschland und den USA. Die SAP AG, das Schwergewicht der deutschen Softwarebranche, wurde z. B. 1972 von fünf ehemaligen Mitarbeitern der IBM – eben nicht aus der Wissenschaft heraus – gegründet. Ein Grund, den Kopf hängen zu lassen? Auf keinen Fall. Anhand der Yatta Solutions GmbH möchte ich zeigen, wie man den Weg aus der Wissenschaft in die Wirtschaft in Deutschland gestalten kann.

Die Yatta Solutions GmbH

Die Yatta Solutions bietet Softwaretools und Consulting für die objektorientierte Softwareentwicklung an. Mit UML Lab (Abb. 1) entwickelt das Unternehmen eine in Eclipse integrierte Lösung zum flexiblen Modellieren und Programmieren. Die Modeling IDE verbindet das Eclipse JDT mit einem modernen Modellierungstool und einer Technologie zum Template-basierten Abgleich von Modell, Diagrammen und Quellcode.

Abb. 1: Screenshot von UML Lab
Ausgangsbedingungen in der Softwarebranche

Das Umfeld für IT-Start-ups ist gerade günstig. Neun von zehn Gründern im ITK-Umfeld sind in der Lage, ihr Unternehmen zumindest zu sichern. Hierbei beschäftigen sie durchschnittlich sechs Mitarbeiter [6]. 2003 beschäftigten ca. 27 000 Softwarehäuser etwa 232 000 Mitarbeiter, 2007 waren es bereits 35 500 Unternehmen mit über 283 000 Beschäftigten. Das entspricht einem Zuwachs von ca. 30 %. Zudem ist die Branche neuen Technologien gegenüber sehr aufgeschlossen.

Für junge Unternehmen wie die Yatta Solutions ist die wirtschaftliche Dynamik daher durchweg positiv. Auch in der Krise bot sich für Start-ups ein günstiges Umfeld, z. B. durch neue Technologien zur Kostensenkung. Freilich sind wir wohl kein typisches Beispiel für ein ausgegründetes Softwareunternehmen, denn zwei Drittel aller Gründungen im ITK-Umfeld kommen in der Startphase zunächst mit 40 000 Euro Startkapital aus, lediglich neun von hundert Gründern brauchen mehr als 150 000 Euro. In den ersten drei Geschäftsjahren weisen ein Drittel der Unternehmen einen Kapitalbedarf von über 150 000 Euro aus. Nur 17 % davon haben einen Kapitalbedarf von über 500 000 Euro [7].

Als Venture Capital finanziertes Unternehmen mit mehreren Gesellschaftern und einem Finanzinvestor gehörte die Yatta Solutions zur letzten Gruppe. Dennoch lassen sich anhand unserer Entwicklung Möglichkeiten und Herausforderungen junger Unternehmerinnen und Unternehmer darstellen.

Der Sprung in die Wirtschaft

Für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) [8] sind die Motive der Unternehmensgründung entscheidend für den späteren Unternehmenserfolg. Es gibt viele Gründe, sich selbständig zu machen und ein Unternehmen zu gründen. Die eigenverantwortliche Tätigkeit, der Ausblick auf die Einkommensverbesserung oder die Gestaltung des eigenen Arbeitsplatzes werden häufig als solche genannt. 56 % der Gründerinnen und Gründer geben an, dass sie „schon immer ihr eigener Chef sein“ wollten.

Bei Ausgründungen in der Softwarebranche kommt häufig noch ein entscheidendes Motiv hinzu: die Fortführung eines bestehenden Softwareprojekts. Denn oftmals droht mit Ende einer oder zwei Promotionen das Ende eines geliebten wissenschaftlichen Softwareprojekts. Gerade hierin liegt aber auch ein Teil der besonderen Problematik von Ausgründungen aus der Wissenschaft in die Wirtschaft. An sich möchte man das weitermachen, was man bisher auch gemacht hat. Die neue Aufgabe – die Rahmenbedingungen sozusagen – sind aber nunmehr völlig andere.

Die Yatta Solutions wurde 2007 aus dem universitätsübergreifenden Fujaba-Projekt heraus gegründet. Von Anfang an war dabei die Verbindung von Java-Codegenerierung und Reverse Engineering zentrales Anliegen des Projekts. Deshalb steht Fujaba auch als Abkürzung für „From UML to Java and back again“. Die Yatta Solutions hat diesen Ansatz konsequent und sprachunabhängig weiterentwickelt. Federführend im Fujaba-Projekt waren die Universitäten Kassel, Paderborn sowie die TU Darmstadt. Jedoch waren auch zahlreiche weitere Hochschulen und Forschungseinrichtungen, vom Hasso-Plattner-Institut Potsdam über die RWTH Aachen bis zur Universität Bayreuth und andere, seit 1997 am Projekt beteiligt. An der Spitze wirkten bis zu 50 Mitarbeiter am Fujaba-Projekt mit. Das Projekt bildete die Basis für zahlreiche Forschungsarbeiten und wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Als ich mich 2006 erstmals mit dem Projekt beschäftigte, stellte sich für viele Mitarbeiter die Frage, was mit „ihren“ Forschungsergebnissen und Erkenntnissen geschehen sollte. Helmut Balzert schrieb in seinem Lehrbuch [9], Softwaretechnik sei die „zielorientierte Bereitstellung und systematische Verwendung von Prinzipien, Methoden und Werkzeugen für die arbeitsteilige, ingenieurmäßige Entwicklung und Anwendung von umfangreichen Softwaresystemen.“ Die wirtschaftliche Verwendung gewonnener Erkenntnisse und erprobter Technologien ist seiner Ansicht nach Ziel und Zweck der Softwaretechnik. In der Praxis zeigt sich jedoch zwischen wissenschaftlicher Forschung und Lehre einerseits und wirtschaftlicher Softwareentwicklung andererseits eine gravierende Lücke. Wissenschaftliche Arbeiten bedürfen nicht des Nachweises eines Business Case. Sie enden regelmäßig mit dem prototypischen Einsatz und der Publikation. Sie sind häufig auf Zeit angelegt – etwa auf die Dauer einer Promotion oder eines Förderprojekts. Idealerweise finden sie noch einen Use Case, etwa durch die einmalige Verwertung der Ergebnisse.

Nachhaltiges Wirtschaften von und mit Software erfordert jedoch ein tragfähiges Geschäftsmodell und professionelle Vermarktung. Die Stabilität von Software ist für den wirtschaftlichen Produktiveinsatz unerlässlich. Vertrags- und Geschäftsbedingungen sind Essentialia eines jeden Geschäfts, jeder Umsatzentwicklung. Marketing und Vertrieb sind eine ständige Herausforderung bei der Vermarktung von Softwareprodukten und Dienstleistungen. Universitäten und Forschungseinrichtungen können dies mangels eines geeigneten institutionellen Rahmens oftmals nicht leisten. Ausgründungen sind daher ein probates Mittel, um gewonnene Erkenntnisse und erzielte Ergebnisse auch wirtschaftlich nutzbar zu machen. So war es nur naheliegend, aus dem Fujaba-Projekt ein Unternehmen auszugründen.

Geschrieben von
Johannes Jacop
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