Virtualisierung – die Lawine rollt an - JAXenter

Virtualisierung – die Lawine rollt an

ACHIM DEBOESER, VICE PRESIDENT EMEA CENTRAL REGION BEI BEA SYSTEMS

90 Prozent der Serverkapazitäten sind nicht ausgelastet? Das klingt nach verbranntem Geld, IT-Managern im Einkaufsrausch und den goldenen Zeiten unbegrenzter Budgets. Sicher, es gibt ein großes Potenzial im Rechnerbereich, das besser genutzt werden sollte. Aber es empfiehlt sich, sorgfältig darüber nachzudenken, wie das gehen könnte. Eine Servervirtualisierung verspricht hier viel: weniger Kosten für den Moloch Rechenzentrum, mehr Agilität und Dynamik für Unternehmen – und das alles mit weniger Hardware. Doch die Realität der Umsetzung hinkt dieser Vision noch etwas hinterher, schrecken doch Gespenster wie Lizenzkosten und Management-Overhead Interessenten noch ab. Was also ist an der Virtualisierung dran?

Früher war alles einfacher. Oder wer erinnert sich nicht an die Tage, als man einfach mehr Server kaufte, wenn die Kapazität im Rechenzentrum es verlangte? Kapazität war billig, Raum gab es genug und Stromkosten waren einfach kein Thema. Und die Umwelt? Die konnte man getrost Greenpeace überlassen.

Doch die Zeiten ändern sich. Heute ist der Betrieb eines Rechenzentrums eine komplexe Managementaufgabe. Jedem Dollar, der heute in einem Jahr in Hardware investiert wird, stehen 50 Cent für den Betrieb gegenüber. Platz im Rechenzentrum ist knapp und teuer geworden. Die Serverauslastung ist grundsätzlich gering – sie liegt in der Regel bei rund 10 Prozent, da Unternehmen dazu tendieren, die Serverkapazität an den Betriebsspitzen zu orientieren. Mehr als 140 Milliarden US-Dollar stecken derzeit in überschüssiger Serverkapazität. Strom- und Kühlungskosten sind in den letzen 10 Jahren um das 8-fache gestiegen – rund 29 Milliarden US-Dollar werden jährlich weltweit dafür ausgegeben.

Flexibilität beziehungsweise ihr Fehlen ist ein weiteres Problem. In vielen Rechenzentren wird ein Serverbestand pro Applikation definiert und es ist keine einfache Aufgabe, einer anderen Applikation die Serverressourcen einer bestimmten Anwendung zuzuweisen. Nicht weniger kompliziert ist es, neue Server bereitzustellen und die Rechenleistung auf die Anforderungen der Anwendungen anzupassen. Kein Wunder also, wenn die Kosten für Servermanagement und Administration viermal so schnell steigen wie die jährlichen Ausgaben für Server. Überholt werden sie nur noch von den Kosten für Strom und Kühlung – die wachsen achtmal so schnell.

LÖSUNG VIRTUALISIERUNG

Wen wundert’s angesichts dieser Zahlen, dass Virtualisierung als Wundermittel angesehen wird. Die Befürworter sprechen von Ressourcen und damit vom Kostensparen, von höherer Reaktionsfähigkeit und besserer Auslastung der Systeme. Die Anwendungen verfügen flexibler über Rechenleistung und die Kapazität wird entsprechend den geschäftlichen Prioritäten, nicht aber den technischen Vorgaben verteilt. An Bedeutung gewinnt die Virtualisierung auch unter dem Aspekt des „green computing“, denn bessere Auslastung heißt auch weniger Server, weniger Energie- und Raumbedarf.

Dabei ist Virtualisierung eigentlich nicht neu. Das Konzept selbst entstand bereits in den 60er Jahren für Mainframe -als relativ starre elektronische Schaltungen und mit Prozessorunterstützung. Die neue Version von einer Virtualisierung bietet letztlich eine Softwareschicht, die die zugrunde liegende Hardware wie einen einheitlichen Ressourcenpool behandelt und die Kapazitäten dynamisch auf die Applikationen verteilt. Virtuelle Maschinen sitzen als „Gast“ auf der Hardware und bilden – sicher und dennoch flexibel – einen abgeschlossenen Rechner nach.

Doch geht eine Virtualisierung weit über den reinen Serverbereich hinaus. Letzterer ist mittlerweile Mainstream geworden. Im Rechenzentrum schafft die vollständige Entkopplung von Software und Hardware eine komplett virtualisierte Infrastruktur. Die Ressourcen lassen sich im laufenden Betrieb beliebig verteilen – mit dem Vorteil von Skalierbarkeit und höherer Ausfallsicherheit. Dasselbe gilt für die Speicherwelten. Hier verspricht man sich zudem noch eine bessere Nutzbarkeit auch älterer Ressourcen. Inzwischen ist sogar oft von Desktop-Virtualisierung die Rede. Verlagert man die Desktopumgebungen ins Rechenzentrum, so wird jeder ursprüngliche Desktop virtuell auf dem Server nachgebildet und ist damit von überall ohne Aufwand zugänglich. Diese End-to-End-Virtualisierung scheint auf den ersten Blick sehr komplex zu werden, bietet aber, vollzieht man sie Schritt für Schritt, sehr schnell erhebliche Vorteile.

WEHRMUTSTROPFEN ODER CHANCE?

Bei aller Euphorie gibt es zwei grundsätzliche Faktoren, die Unternehmen bei der Virtualisierung zögern lassen.

Zum einen ist dies die bange Frage nach den Lizenzkosten: Braucht man für jede Applikation auf einer virtuellen Maschine eine eigene Lizenz? Hier ist einiges in Bewegung und es sieht so aus als würden die meisten Hersteller ihr eigenes Süppchen kochen und eigene Modelle entwickeln, die die Virtualisierung unterstützen.

Zum anderen rückt der Administrationsaufwand in den Vordergrund. Immer kleinere und flexiblere Einheiten müssen auch effizient verwaltet und kontinuierlich aktualisiert werden. In der Tat fügt eine Virtualisierung der Infrastruktur eine neue Ebene der Komplexität hinzu, die gut gemanaged werden will und muss. Systeme und Services müssen auf den virtuellen Maschinen aufgesetzt, überwacht und gewartet werden. Je größer die Anzahl der Server ist, desto aufwändiger wird diese Aufgabe. Die aktuellen Management-Tools in den Rechenzentren sind darauf noch nicht wirklich ausgelegt. Aber die entsprechenden Lösungen stehen bereits in den Startlöchern.

DAS POTENZIAL DER ZUKUNFT

Die Frage, ob Virtualisierung nur ein Hypethema ist, wird davon abhängen, ob sich die Mehrheit der Entscheider in den Unternehmen dazu entschließen können, das zweifellos vorhandene Potenzial auch zu heben, oder nicht. Wie aber der Stand vor allem in den Rechenzentren ist, lässt sich nicht klar belegen. Vergangenes Jahr zeigte eine IDC-Studie, dass 2006 von 38 Prozent aller mittelständischen Unternehmen, 67 Prozent aller Großunternehmen und 72 Prozent aller internationalen Konzerne auf Virtualisierung eingesetzt wurde. Andere Untersuchungen meinen, derzeit seien gerade einmal vier Prozent aller Server mit virtuellen Maschinen ausgerüstet. Einig sind sich aber alle: Das Potenzial ist da und die Nachfrage wächst – und das zu hebende Potenzial ist riesig.

Ein Wachstum, das seinen Grund hat. In einer Studie von Forrester bestätigten Unternehmen, die bereits virtualisieren, dass sie damit 23 Prozent Kosten für Serverplatz, Strom und Kühlung gespart hätten. Zahlen, die für sich sprechen. Auf längere Frist werden Unternehmen fast jeder Größenordnung nicht um eine Virtualisierung herumkommen.

Geschrieben von
ACHIM DEBOESER, VICE PRESIDENT EMEA CENTRAL REGION BEI BEA SYSTEMS
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.