Interview mit Dr. Johannes Mainusch

„Vertikale Architekturen bauen – das macht mehr Spaß und der Schlaf ist besser!“

Hartmut Schlosser

Vertikale Architektur ist ein Architektur- und Organisationsmuster für große Teams. Es überträgt das Prinzip der losen Kopplung auf Entwicklungsteams, indem Organisation und Softwarearchitektur Hand in Hand vertikalisiert werden. Wir haben uns mit JAX-Sprecher Johannes Mainusch darüber unterhalten, was vertikale Architekturen ausmacht und welche Veränderungen sie in klassische Unternehmensstrukturen bringen können.

JAXenter: Auf der JAX hast du einen Workshop über „vertikale Architektur“ gegeben. Kannst du kurz erklären, was eine vertikale Architektur ausmacht?

Durch die so entstehende Unabhängigkeit können Teams schnell werden und Expertise gewinnen.

Johannes Mainusch: Vertikale Architekturen entstehen, indem ein Produkt aus Nutzungssicht entlang der User-Story in unabhängige Teile zerlegt wird. Für jeden der so entstehenden Teile werden dann einzelne Produkte gebaut. Dabei teilen sich diese Produkte nichts. Nicht die Experten im Team, keine Infrastruktur, keine zentral verordnete Methodik. Denn nur durch die so entstehende Unabhängigkeit können Teams schnell werden und Expertise gewinnen.

Die so entstehende vertikale Architektur hat dann nichts mehr mit klassischen IT-Architekturen zu tun. Beispiele im E-Commerce sind otto.de oder derzeit neu entstehend breuninger.de.

JAXenter: Wie hängen Microservices und Domain-driven Design mit der Idee der vertikalen Architektur zusammen?

Johannes Mainusch: Microservices, oder besser Micro-Vertikale sind eine logische Konsequenz aus dem Vorgehen. Die Idee ist dem Domain-driven Design sehr ähnlich. In der Organisation sind die Konsequenzen allerdings wesentlich weitreichender. Denn konsequenterweise führen vertikale Architekturen auch zu Netzwerkorganisationen. D.h. wo früher horizontale Architekturen, Stab-Linienorganisationen und kaputtes Multiprojektmanagement zu scheiternden Projekten führten, entstehen heute agile Teams in Netzwerkorganisationen mit vertikalen Architekturen.

JAXenter: Weshalb funktionieren vertikale Architekturen besser als horizontale?

Johannes Mainusch: Das funktioniert viel besser, weil es mehr Spaß macht und die Kommunikation im Unternehmen funktioniert. Wo in alten Organisationen Streit vermieden und stattdessen Politik den Schlaf um fünf Uhr morgens verdarb, werden heute in agilen Teams Diskurse über beste Lösungen geführt. Das macht mehr Spaß und der Schlaf ist besser. Und das Unternehmen profitiert dadurch, dass Experten coole Lösungen für die Kunden implementieren.

JAXenter: Es geht ja auch um eine Neuorganisation der IT hin zu vertikalen Teams. Weshalb sind klassische Organisationsformen dafür wenig geeignet?

Klassische Strukturen sind mit dem anstehenden Veränderungsdruck komplett überfordert.

Johannes Mainusch: Die klassischen Stab-Linien-Organisationen funktionieren zusammen mit wasserfallartigen Projektmethoden unter zwei Voraussetzungen:

1. Die umzusetzenden Vorhaben sind für die übergeordneten Planungsstellen so verständlich und vorhersehbar, dass ein Plan überhaupt erstellbar ist.
2. Ein einmal gemachter Plan kann mehrfach verwendet und optimiert werden.

In diesem Szenario brilliert die Stablinienorganisation. Das hundertmillionste Gummibärchen kommt effizient und in perfekter Form. Der kritische Pfad ist nach zigfacher Optimierung ganz kurz. Alles läuft richtig gut und immer gleich. Mit Veränderungen kann diese geschaffene Struktur nun aber nur sehr schlecht umgehen. Und falls die neue Herausforderung für die zentralen Planungsstellen zu komplex oder komplett unverständlich ist, dann scheitern diese Organisationsformen vollständig.

Agilität bedeutet ja, eine Form zu finden, die sich schnell auf veränderte Situationen einstellen kann. Eine Organisationsform, die schnell aus Scheitern lernen kann. Aus meiner Sicht sind klassische Unternehmensstrukturen mit dem anstehenden Veränderungsdruck komplett überfordert und werden scheitern, wenn sie an bestehenden Strukturen und Verfahrensweisen festhalten.

JAXenter: Welche Botschaft möchtest du den Workshop-Teilnehmern und Lesern dieses Interviews mitgeben?

Johannes Mainusch: Agile Arbeit mit Experten macht Spaß  – und hat Erfolg! 🙂

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

Zusammen mit Freunden haben wir kommitment gegründet. Davor war ich von August 2014 bis Januar 2016 als CTO der E-Post für den Erfolg in der Zukunft der Post verantwortlich. Zuvor habe ich als Leiter der Softwareentwicklung bei Otto mitgeholfen, deren E-Commerce-Plattform auf neue Beine zu stellen. Zwischen 2007 und 2012 habe ich bei XING als VP-Operations und davor als Director Engineering mit daran gearbeitet, das Unternehmen aus der Start-up-Phase mit etwa 50 Mitarbeitern zu einer AG mit über 400 Mitarbeitern und über 10 Millionen Kunden zu bringen. Vor 2007 sammelte ich zehn Jahre Erfahrung im Bereich agiler Projektmethoden, als Projektleiter und Manager für zahlreiche Unternehmen der Industrie- und Logistikbranche. Dinge, die mich immer wieder begeistern, sind innovative Techniken, Röhrenradios und sehr schnelle Webseiten. Und es begeistert mich, wenn ich und Menschen in meiner Umgebung lernen, besser zu werden.

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Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser ist Redakteur und Online-Koordinator bei Software & Support Media. Seine Spezialgebiete liegen bei Java-Enterprise-Technologien, JavaFX, Eclipse und DevOps. Vor seiner Tätigkeit bei S & S Media studierte er Musik, Informatik, französische Philologie und Ethnologie.
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