Über die Kluft zwischen Wissenschaft und Wirtschaft

JAXenter: Welche Unterschiede sehen Sie zwischen einem akademischen Projekt und einem kommerziell vermarktbaren Produkt?

Robert Vogelsang: Ein akademisches Projekt wie das MEMOCenterNG verfolgt keine kommerziellen Interessen oder Ziele. Bei der Entwicklung geht es vorrangig um die Unterstützung der Forschung und Lehre, indem es die Anwendung der MEMO-Methode innerhalb eines elaborierten Werkzeugs computerunterstützt ermöglicht.

Weiterhin wird die Verwendung der adäquatesten und nach Möglichkeit aktuellsten Technologien, Techniken sowie Vorgehensweisen verfolgt, anstatt einer möglichst kurzen Time-To-Market-Phase. Dies bedeutet auch, dass die Mitarbeiter sich regelmäßig mit neuen Sachverhalten und der Überprüfung ihrer Potenziale für das Projekt auseinandersetzen. Für den Einsatz können auch mögliche Nachteile in Kauf genommen werden, wie zum Beispiel eine nicht fertig implementierte Funktionalität einer Komponente, sofern die Vorteile für das Projekt überwiegen und davon ausgegangen werden kann, dass die entsprechende Komponente weiterentwickelt wird und Mängel behoben werden. Dieser Kompromiss ließe sich bei einem kommerziellen Produkt auf Grund der Zielausrichtung hinsichtlich Kundenzufriedenheit, Gewinnmaximierung etc. wohl nicht so problemlos eingehen.

Auch bei der Umsetzung von Änderungen und der Realisierung von Funktionalität werden in erster Linie professionelle, intelligente und nachhaltige Lösungen verfolgt. Im Gegensatz zu kommerziellen Produkten besteht nur selten Zeitdruck, der diesem Vorgehen entgegensteht.

Leistungen wie Garantien und umfassender Support oder Marketingaktivitäten können nicht auf einem kommerziellen Niveau, sondern meist nur rudimentär verfolgt werden.

Zuletzt sind außerdem die Ressourcen gegenüber kommerziellen Projekten vergleichsweise gering. Wir entwickeln derzeit in einem Team von drei studentischen Mitarbeitern, die jeweils etwa acht bis zehn Stunden pro Woche an dem Projekt arbeiten können, sowie einem wissenschaftlichen Mitarbeiter, der das Projekt koordiniert.

JAXenter: Was könnte aus Ihrer Sicht dafür getan werden, die Kluft zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu überbrücken?

Robert Vogelsang: Wie zuvor beschrieben, weichen Voraussetzungen für die Entwicklung sowie deren Intentionen von der kommerziellen Praxis in einigen Punkten unverkennbar ab. Um diese Kluft zu schließen, bestehen Möglichkeiten zu Kooperationen zwischen Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen.

Unternehmen können Projekte finanziell, mit Beratung etc. unterstützen, sollten aber die Vorgehensweisen und Ziele der wissenschaftlichen Einrichtungen dabei nicht für ihre Zwecke beeinflussen. Es muss klar kommuniziert werden, welchen Nutzen Unternehmen von einem Projekt erwarten dürfen. Natürlich können Unternehmen auch insofern Einfluss nehmen, dass sie auf für die Allgemeinheit gewinnbringende Aspekte hinweisen, die eventuell noch nicht in den Fokus einer akademischen Einrichtung geraten sind.

Außerdem sollten die Ergebnisse nicht lediglich einem einzigen Unternehmen zur Verfügung stehen, sondern allgemein zugänglich sein, denn die Wissenschaft verfolgt das Ziel der Erkenntnis für jedermann, nicht für ein einzelnes Unternehmen.

Ein weiterer Ansatz ist der Open-Source-Gedanke: Unternehmen stellen die Quellcodes von Technologien zur Verfügung und profitieren im zweiten Schritt von den Aktivitäten und dem Know How der Community.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Gespräch!

Robert Vogelsang: An dieser Stelle noch einen Dank an meine Teamkollegen Heiko Kattenstroth, Stephan Köninger und Benedikt Ritter, welche interessante Ideen und Anregungen für dieses Interview mit eingebracht haben.

Robert Vogelsang absolviert den Masterstudiengang Wirtschaftsinformatik an der Universität Duisburg-Essen. Parallel dazu arbeit er als studentischer Mitarbeiter am Institut für Informatik und Wirtschaftsinformatik (ICB: Institute for Computer Science and Business Information Systems) in der Forschungsgruppe Wirtschaftsinformatik und Unternehmensmodellierung von Prof. Dr. Ulrich Frank. Hauptsächlich ist Herr Vogelsang an der Weiterentwicklung von MEMOCenterNG beteiligt, einem Eclipse-basierten Werkzeug für die multiperspektivische Unternehmensmodellierung.

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