"Cloud Computing ist letztlich auch eine agile Methode"

Tipps zum Überleben im Wirtschaftsdarwinismus – der Cloud Computing Day auf der JAX 2012

Judith Lungstraß

Definitionen von Cloud Computing gibt es so viele wie Wolken am Himmel. Ist die Cloud ein Handynetz, das ganze Internet oder lediglich „alter Wein in neuen Schläuchen“? Je nachdem wo man sucht, unterscheiden sich die Definitionen erheblich. Der Cloud Computing Day auf der JAX 2012 soll Klarheit in den Definitionsdschungel bringen.

Der Tag wurde eröffnet von Eberhard Wolff, Architecture & Technology Manager bei der Adesso AG und Moderator des Cloud Computing Day. Seine Session „Java und Cloud – nicht nur mit PaaS“ gab einführend einen kurzen Überblick über die verschiedenen Wolkenarten: von Infrastructure-as-a-Service (IaaS) über Platform-as-a-Service (PaaS) bis zur Software-as-a-Service (SaaS). Während IaaS ähnlich wie eine Virtualisierung funktioniert, handelt es sich bei PaaS um einen automatischen Skalierungsmechanismus, der es ermöglicht, auf einer vordefinierten Plattform Anwendungen zu betreiben. SaaS-Lösungen sind Services, die sowohl Business- als auch Privatkunden in der Cloud nutzen können.

Wolff versorgte seine Zuhörer mit einem Leitfaden durch die Cloud-Landschaft. Er stellte Beanstalk, übrigens englisch für Bohnenstängel und nicht für Bohnen-Gespräch, vor – eine Art Marktplatz für Cloud-Angebote. Im Gegensatz zu dieser, noch in der Beta-Phase befindlichen Sammlung ist die Google App Engine ein etablierter Pionier am Wolkenhimmel und war eine der ersten Plattformen auf dem Markt. Als weiterer vielversprechender Player gilt CloudFoundry, das Apache-lizenzierte Open-Source-Projekt von VMware. CloudFoundry unterscheidet sich von anderen Projekten durch seine starke Community, die u.a. für den Support verschiedener Sprachen wie Java, Scala, Groovy, Ruby, Node.js oder PHP sorgt. Nur Java EE wird von CloudFoundry bisher noch nicht unterstützt. Auch andere Cloud-Dienstleister wie Heroku, Cloud Bees und Windows Azure durften in Wolffs Session nicht fehlen.

Was die Cloud ist bzw. sein kann, dürfte mittlerweile klar geworden sein. Doch macht es überhaupt Sinn, sie zu nutzen? Auf jeden Fall, meint Eberhard Wolff. Ein Hauptargument hierfür sei die große Flexibilität der Wolke – benötigt der Kunde einen zusätzlichen Server, so kann er diesen ganz einfach neu dazu schalten. Und auch die Kosten für den Anwendungsbetreiber werden durch Cloud Services reduziert. Immerhin zahlt man in einer Public Cloud nur die Ressourcen, die man auch tatsächlich verbraucht. Nicht zu vernachlässigen ist natürlich auch die hohe Verfügbarkeit durch eine geschickte Architektur, bei der einige Knoten ausfallen können, ohne dass dadurch Daten verloren gehen.

Cloud Computing ist letztlich auch eine agile Methode, die Unternehmen konkurrenzfähig hält und für ihr Überleben im Wirtschafts-Darwinismus sorgt. Schließlich waren auch im Business-Bereich schon immer die Unternehmen am stärksten, die sich geschickt an Veränderungen anzupassen wussten. Ohne Zweifel ist die Cloud „the platform of the future“.

Aber wie bringe ich das nun meinem Chef bei? Dieser Frage widmet sich die Session von Uwe Friedrichsen, CTO bei codecentric, mit dem schönen Titel „Über den Wolken – Cloud Computing für Entscheider“. Ihm zufolge gilt im Gespräch mit Entscheidern folgende Faustregel: Auf einer möglichst abstrakten Ebene kommunizieren und dabei so wenig technische Details und Quellcode wie es nur geht erwähnen. Immerhin sind Entscheider ja vielmehr Business-Menschen als IT-Fachmänner.

Uwe Friedrichsen auf dem Cloud Computing Day

Das Argument, mit einer Methode wie dem Cloud Computing CAPEX nach OPEX verschieben, also gebundenes Kapital in ungebundenes verwandeln zu können, hören Entscheider immer wieder gerne. Schließlich bezahlt man in der Wolke nur die Ressourcen, die man auch wirklich benutzt. Genauso wie Wolff greift auch Friedrichsen den Aspekt der Anpassungsfähigkeit wieder auf und erzählt eine Anekdote, die dessen Notwendigkeit demonstriert: Es war einmal ein Projekt, das noch nicht in der Cloud war, über das aber trotzdem eine Reportage im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Aufgrund der neu erweckten Nachfrage brach das Projekt zusammen – eine Menge potentieller Kunden konnten nicht darauf zugreifen. Nun stelle man sich einmal vor, besagtes Projekt wäre in der Cloud gewesen: Man hätte im Minutentakt neue Server schalten und dadurch eine Vielzahl neuer Kunden anwerben können!

Friedrichsen glaubt, dass die genannten Argumente früher oder später jeden Entscheider davon überzeugen können, seine Anwendung in die Cloud zu migrieren. Die Cloud werde demnächst zum Standard-Provisioning-Modell, da sie den klassischen Modellen schlicht und einfach überlegen sei. Dabei glaubt er jedoch auch, dass sich IaaS und SaaS zwar auf jeden Fall durchsetzen können, zweifelt dies jedoch gleichzeitig bei PaaS an – eventuell könne diese Art der Cloud-Services nur mehr eine kleine Nische besetzen. Durch die allgemeine Akzeptanz werde die Wolke schließlich als eigenständiges Thema verschwinden und ganz einfach selbstverständlich werden. Cloud Computing könnte in Zukunft nichts als eine Enabler-Technologie für andere, neu aufkommende Themen sein.

Der Cloud Computing Day wurde abgerundet durch eine Session von German Viscuso, der sich mit NoSQL-Datenbanken auseinandersetzte und einen Vortrag von Mathias Meyer mit dem Titel „Design for Cloud: Applikationen für die Cloud entwickeln“. Abschließend trafen sich noch einmal alle Cloud-Experten, um in einem Expertenpanel Publikumsfragen zu beantworten und das Cloud Computing einem Reality Check zu unterziehen. Obwohl nur vereinzelte Zuhörer von sich selbst sagen konnten, bereits über Erfahrung in der Wolke zu verfügen, gab ein knappes Drittel an, den Special Day gezielt als Ganzes verfolgt zu haben. Welchen besseren Beweis für den anstehenden Durchbruch des Cloud Computing könnte es geben als dieses rege Interesse?

Geschrieben von
Judith Lungstraß
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.