Zur Situation des Eclipse-Ökosystems und der Eclipse Foundation

Teil 3: Quo vadis Eclipse?

Hartmut Schlosser, Sebastian Meyen

Im dritten Teil der Artikelserie „Quo vadis Eclipse?“ sellen wir die Kardinalfrage, ob die Eclipse Foundation noch in der Lage ist, dem Eclipse-Ökosystem neue Impulse zu verleihen.

Quo vadis Eclipse Foundation?

Als Modell für die Schaffung eines vitalen Open-Source-Ökosystems haben sich Vertreter der Eclipse Foundation wiederholt auf das Open-Source-Maturity-Modell von Tony Bailetti berufen [1] (zuletzt war Tony Bailetti, übrigens Mike Milinkovichs BWL-Professor an der kanadischen Carleton University, in einer Keynote des Eclipse Summit Europe zu sehen). Das Modell beschreibt in fünf Stufen die zunehmenden Potentiale der Wertschöpfung für Unternehmen, die sich in einem Open-Source-Ökosystem engagieren (Kasten: Modell des Reifeprozesses eines Open-Source-Ökosystems).

Abb.2: Open Source Maturity Curve nach Tony Bailetti Quelle [1]

Modell des Reifeprozesses eines Open-Source-Ökosystems

• Stufe 1: „Use & Promote“ – Nutzung von Open-Source-Projekten ohne eigene Investition in das Open-Source-Ökosystem.
• Stufe 2: „Extend what exists“ – Interaktion mit Open-Source-Projekten über Bugreports, Bugfixes, Bereitstellung von Quellcode etc. Noch keine wirkliche Kontrolle über die Richtung eines Projekts, sondern Anpassungen des Projekts an die eigenen Bedürfnisse.
• Stufe 3: „Build New“ – Ein größeres Engagement in einem Open-Source-Projekt mit dem Ziel, den Erfolg des Projekts zu garantieren und die Entwicklung in eine für das Unternehmen günstige Richtung zu führen. In diesem Stadium ist man auch verstärkt in Marketing-Aktivitäten eingebunden und versucht aktiv, weitere Entwickler für das Projekt zu gewinnen.
• Stufe 4: „Co-create“ – Innerhalb eines Open-Source-Ökosystems geht ein Unternehmen dazu über, mit anderen Unternehmen zusammenzuarbeiten und gemeinsame Lösungen auf Basis mehrerer Open-Source-Projekte zu entwickeln.
• Stufe 5: „Redefine“ – Über die vorangegangenen Stufen wurde der Markt nachhaltig verändert. Eine Neu-Definition des eigenen Produkt- und Dienstleistungsangebots bzw. des eigenen Business-Modells wird nötig. Nur wer diese Neu-Definition leisten kann, gewinnt wieder einen Wettbewerbsvorteil über seine Konkurrenten.

 

Die Auswertung von 163 Mitgliedern der Eclipse Foundation hat laut Bailetti ergeben, dass der Großteil der Unternehmen des Eclipse-Ökosystems derzeit noch in Stufe 2 und 3 feststecke. Unternehmensweite Kollaborationen (Stufe 4: „Co-create“) seien deshalb der nächste Schritt im Reifeprozess des Eclipse-Ökosystems.

Mike Milinkovich bestätigt im Gespräch mit dem Eclipse Magazin 4.10 die Relevanz dieses Modells für die strategischen Aktivitäten der Eclipse Foundation. Man scheint derzeit darauf hinarbeiten zu wollen, dass in einem ähnlichen Prozess, wie sich in den frühen 2000er mehrere Unternehmen zur Förderung von Eclipse als Entwicklungsplattform zusammengetan hatten, neue Plattformen in anderen Bereichen entstehen.

So zielt das häufig zitierte Konzept der Industrie-Working-Gruppen (z.B. Roadmap 2008 [2] und Eclipse Magazin 4.09 [3]) ebengenau darauf ab, in unternehmensübergreifenden Kooperationen neue Plattformen zu schaffen, die, wie Milinkovich anmerkt, u.U. sogar ihr eigenes Branding erhalten sollen: „Pulsar“, die Eclipse-basierte Mobile-Plattform (siehe Artikel: „Pulsar & Eclipse Mobile 2010“ in Eclipse Magazin 4.10), die Eclipse SOA-Plattform zum Aufsetzen von Service-orientierten Architekturen (siehe Interview mit Ricco Deutscher in Eclipse Magazin 4.10) – oder auch EclipseRT, die noch zu konsolidierende Runtime-Plattform.

Ob diese Rechnung aufgeht, bleibt abzuwarten. Die Idee einer teleologischen Erfüllung des Stufenmodells im dem Sinne, dass ein Wachstum des Eclipse-Ökosystems quasi automatisch dafür sorgen würde, dass sich die Unternehmen von einer Stufe zur nächsten emporhangeln, scheint jedenfalls blauäugig. Realistischer ist die Deutungsweise, dass sich völlig unterschiedliche Player im Eclipse-Ökosystem gemäß ihren Business-Modellen in einer der Stufen einnisten und dort verbleiben.

Was derzeit empirisch zu beobachten ist, gleicht jedenfalls vielerorts einem puren Überlebenskampf ehemals florierender Eclipse-Unternehmen. Und dazu kommt der Player „Eclipse Foundation“, der dazu tendiert, zunehmend selbst Felder im Ökosystem zu besetzen, um weiterhin operabel zu bleiben. Selbst zwar als Not-for-Profit-Organisation deklariert, strebt man laut Roadmap ausdrücklich an, sein Einkommensmodell zu diversifizieren: „It is a goal of the Eclipse Foundation to ensure revenue sources from multiple types of organizations, and seek other sources such as events and sponsorships.“ [2]

Kann man hier eigentlich als Unternehmen im Eclipse-Umfeld noch sicher sein, dass seine Geschäftsidee nicht über kurz oder lang von der Eclipse Foundation selbst zur Eigenfinanzierung aufgegriffen wird? Wie heikel die Situation in der Tat bei den kostenfreien Distributionen ist, wurde bereits erläutert. Im Bereich Medien und Eventveranstaltung ereignet sich Ähnliches (siehe Kasten: „Interview mit Masoud Kamali“).

Die ursprüngliche Zielsetzung der Eclipse Foundation, Eclipse zur weltweiten Nr.1 unter den Entwicklungsplattformen zu machen, wurde mit überwältigendem Erfolg erreicht. In der damit notwendig gewordenen Neuorientierung versucht die Foundation, sich durch die Besetzung neuer Felder wieder ins Spiel zu bringen.

Die Frage lautet nun, ob die derzeit zu beobachtenden Bemühungen der Foundation tatsächlich Zeichen einer erfolgreichen Neuausrichtung sind, die dem Eclipse-Ökosystem vitalisierende Impulse zu verleihen im Stande ist. Oder ist die Eclipse Foundation nach dem Verlust ihres ursprünglichen Impetus nicht vielmehr immer noch auf Sinnsuche?[ header = Seite 2: Interview mit Masoud Kamali ]

Interview mit Masoud Kamali

Eclipse Magazin: Sie sind als Verlagsgründer und Konferenzveranstalter auch Teil des Eclipse-Ökosystems. Wie verlief die Zusammenarbeit mit der Eclipse Foundation in den letzten Jahren?

Masoud Kamali: Wir haben innerhalb der JAX-Konferenzen immer schon einen starken Eclipse-Track gehabt und 2006 dann erstmals das Eclipse Forum Europe veranstaltet, unsere eigenständige Eclipse-Konferenz, auf der sowohl die Information über Eclipse-Technologie als auch Networking-Möglichkeiten für Unternehmen, die ihr Business-Modell im Eclipse-Umfeld sehen, im Vordergrund standen. Mit dem ersten und bis heute weltweit einzigen Eclipse Magazin sowie zahlreichen Büchern und Online-Portalen, JAXenter.de und JAXenter.com, haben wir außerdem dazu beigetragen, das Eclipse-Ökosystem mit aufzubauen bzw. populär zu machen.

Leider muss man allerdings sagen, dass die Zusammenarbeit mit der Eclipse Foundation in den letzten Jahren in einigen Punkten eher unglücklich verlaufen ist.

Die Eclipse Foundation hat mit dem Eclipse Summit Europe 2007 angefangen, ihre eigene Konferenz genau in demselben Einzugsgebiet wie unser Eclipse Forum, nämlich in Südwestdeutschland, zu veranstalten. Ursprünglich hieß es, die Foundation wolle an verschiedenen Standorten in Europa Community-Konferenzen veranstalten – mal Deutschland, mal Frankreich, England etc. Eine genaue Absprache mit uns selbst gab es allerdings nicht – und es hat sich herausgestellt, dass der Summit tatsächlich wieder jedes Jahr in Ludwigsburg stattfand.

Man fragt sich dann, was die Foundation damit erreichen will! Deutschland ist ja bzgl. Eclipse ein eher saturierter Markt, Community-Building könnte man auch in Frankreich, Osteuropa, London etc. betreiben.

Zudem wurde uns zugesichert, dass man mit dem Eclipse Summit im Bereich des Community-Building und Networking bleiben wolle. Versprochen wurde, dass die Domänen Weiterbildung, Know How, Wissensvermittlung uns und anderen Partnern überlassen werden. Zu unserem Leidwesen hat sich der Summit der Eclipse Foundation aber von Beginn an deutlich auch als Fortbildungsveranstaltung gegeben.

Kurz, der Eclipse Summit Europe hat sich für uns eher als Konkurrenzveranstaltung entwickelt, ohne dass wir einen klaren, zuverlässigen Ansprechpartner gehabt hätten, mit dem man sich hätte abstimmen können. Mir scheint, dass die Foundation auch keine deutliche Vorstellung davon hat – bzw. dass keine verlässliche Planung besteht -, was sie im diesem Bereich der Community-Bildung: Konferenzen, Magazine, Bücher etc. überhaupt tun will und kann.

Eclipse Magazin: Wie beurteilen Sie die Aktivitäten der Eclipse Foundation?

Masoud Kamali: Die Eclipse Foundation selbst ist zwar eine so genannte Not-For-Profit-Organisation, doch natürlich gibt es immer Profiteure, die ihre Eigeninteressen verfolgen, und seien es die Funktionäre selbst. Letztlich verdient die Foundation Geld wie jedes andere Unternehmen auch. In der letzten Eclipse-Roadmap wurde auch klar ausgedrückt, dass man mit den Konferenzen auch Gewinne erzielen möchte. Als Mitglied der Eclipse Foundation liegt es dann nahe zu fragen, warum man nicht eher mit den Partnern kooperiert, die sich professionell in diesem Umfeld der Fortbildungsveranstaltung bewegen. Für uns als Verlag hat sich die Mitgliedschaft in der Eclipse Foundation jedenfalls nicht ausgezahlt.

 

Masoud Kamali ist Gründer und CEO von Software & Support Media und fungierte lange Jahre als Chefredakteur des Entwickler Magazins und dot.NET Magazins. Masoud Kamali ist auch Herausgeber des Eclipse Magazins und Veranstalter von Konferenzen wie JAX, Basta! und Eclipse Forum Europe.
Geschrieben von
Hartmut Schlosser, Sebastian Meyen
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