Storytelling: Was uns die Geschichte lehrt

Agile Abenteuer wagen

Geschichten, Sagen, Legenden und Traditionen waren für die längste Zeit der Menschheitsgeschichte der gebräuchliche (wenn nicht einzige) Weg, um Wissen von Mensch zu Mensch und von Generation zu Generation weiterzugeben. In der mündlich geprägten Welt des Mittelalters war der Zugang zum geschriebenen Wort einer kleinen Minderheit vorbehalten. Aber auch später, als der Buchdruck die schriftliche Überlieferung förderte, kursierten noch viele Geschichten. Die Märchen der Brüder Grimm sind beispielsweise eine Sammlung mündlich überlieferter Texte. Märchen zeichnen sich durch eine frei erfundene Handlung und eine fehlende zeitliche und örtliche Festlegung aus – nicht gerade die besten Voraussetzungen, um im harten Business Anwendung (und Anhänger) zu finden. Auf den zweiten Blick sind aber gerade diese Eigenschaften die besondere Stärke der Märchen. Diesen zweiten Blick wagte ich, als ich für einen Vortrag das Zwischenmenschliche in Scrum-Projekten genauer unter die Lupe nehmen wollte. Wie in jedem anderen Projekt auch, so führt das Aufeinandertreffen verschiedener Menschen mit unterschiedlichen Neigungen, Stärken und Schwächen gerade zu Projektbeginn zu Konflikten. Ein agiles Umfeld, das geprägt ist von intensiver Zusammenarbeit, Eigenverantwortung und totaler Transparenz, kann diese Konfliktbildung verstärken. Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man das Abenteuer Agilität wagt. Das Wissen um dieses Konfliktpotenzial ist schon der erste Schritt auf dem Weg zum Konfliktabbau. In meinem Vortrag wollte ich einige Schritte auf diesem Weg skizzieren. Aber wie sollte das gehen, ohne dass sich meine Kolleginnen und Kollegen aus gemeinsamen vergangenen Projekten beschwerten, weil sie sich in meinen Beschreibungen wiedererkannten? Ich brauchte ein Abstraktionsmittel. Als ich dann über einen ehemaligen Kollegen nachdachte, der gerne im Mittelpunkt stand, um sich im Glanz seines Ruhms zu sonnen, und der von den anderen Mitgliedern des Scrum-Teams als Autorität anerkannt wurde, da hatte ich plötzlich das Bild eines Ritters in glänzender Rüstung vor Augen. Nun war es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich im Geiste ein Märchenensemble entworfen hatte, das die typischen Charaktere eines durchschnittlichen Projektteams vereinte. Einen Prinzen, eine Hexe und das Aschenputtel kann man allerdings kaum in ein Büro setzen. Deshalb verlegte ich meine Erzählung kurzerhand in ein Märchenland. Anstatt ein Stück Software zu produzieren, entwickelt das Team dort eine Drachenfalle. Bei der Beschreibung eines Softwareprojekts hätte ich eine fachliche Domäne und eine oder mehrere Technologien auswählen müssen – und somit die Mehrzahl der Zuhörer ausgegrenzt, deren Situation anders geartet ist. Dank des fachfremden Beispiels können alle die eigentliche Aufgabe dieses Projekts außer Acht lassen und sich guten Gewissens auf die agilen Aspekte der Geschichte konzentrieren. Die Entscheidung für eine Abstraktion via Märchen war also doppelt hilfreich: Zum einen war es recht einfach, die Charaktere zu anonymisieren – und erstaunlich eindeutig, weil unsere kulturelle Prägung den klassischen Märchenfiguren ganz bestimmte, beinahe standardisierte Eigenschaften zuschreibt. Zum anderen gelang die Fokussierung auf die agilen Werte, Prinzipien und Praktiken deshalb so gut, weil eben kein Softwareprojekt beschrieben wurde. Natürlich hatte auch ich mit der Bildebene zu kämpfen, weshalb ich regelmäßig einen Experten (ein Einhorn aus dem Land Scrum) zu Wort kommen lasse, der das Geschehen kommentiert. Die Zuhörer des Vortrags (und später auch die Leser des Buchs „Geschichten vom Scrum“ [6], das aus diesem Vortrag entstand) bestätigen meine Vermutung, dass ein Märchen auch für Projektleiter (und agile Teammitglieder und Scrum-Master) interessant und lehrreich sein kann und nicht sofort als kindisch abgetan wird.

Gemeinsame Erfahrungen verbinden

Eine Mitstreiterin, die eine ähnliche Ansicht vertritt, ist Portia Tung. Ihre „Agile Fairytales“ [7] sind Spiele, die auf Neuerzählungen bekannter Märchen aus der Erwachsenenperspektive basieren. Der Idee liegt die Annahme zugrunde, dass man Menschen (z. B. in Projekten) über die gemeinsame Kindheitserfahrung des Geschichtenerzählens einfacher zusammenbringen kann. Ein agiles Märchen nimmt sich immer einen ausgewählten Aspekt vor, der dem Team bei der Verbesserung der Zusammenarbeit im Wege steht. Das Märchenspiel „Mirror, Mirror on the Wall… Why Me?“ stellt beispielsweise die Selbsterkenntnis in den Mittelpunkt. Über eine genaue Betrachtung der Art und Weise, wie sie über andere denken, gelangen die Spieler zu einem detaillierteren Selbst- und Wunschbild. Sie lernen, was sie an sich verändern können, um besser im Team zu arbeiten. Portia Tung gelingt das Kunststück, Geschichtenerzählen mit Gesellschaftsspielen zu verbinden und trotzdem seriöse Ergebnisse zu liefern – vorausgesetzt, man lässt sich auf diesen Zauber ein. Glücklicherweise erkennen immer mehr Unternehmen, dass der konservativ-seriöse Weg nicht immer der geeignetste ist, um ein Klima der Veränderung hin zum Besseren zu schaffen. Die klassischen Controlling-Ansätze in Projekten lassen den sozialen Aspekt völlig außer Acht und berücksichtigen nur ungenügend, dass sich die Welt ständig verändert und deshalb bei Weitem nicht so planbar ist, wie viele Manager es gerne hätten. Agile Methoden leisten dieser Erkenntnis Vorschub. Wenn schon diese Erkenntnis für viele unerwartet ist, warum sollten es dann nicht auch die Methoden sein, die man in dieser von Veränderungen geprägten Projektwelt benutzt?

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