W-JAX Countdown mit Stefan Zörner

‚Softwarearchitektur wird immer mehr zum Entwickler-Skill‘

Hartmut Schlosser

Stefan Zörner

Die Zeiten, in denen Softwarearchitekturen isoliert auf dem Reißbrett entworfen und dann von fleißigen Entwicklerbienen umgesetzt werden, sind vorbei. Entwickler wollen heute Verantwortung für die Lösung als ganzes mitübernehmen – sagt Stefan Zörner, W-JAX-Speaker und Software-Architekt bei embarc Software Consulting. Wir haben uns mit ihm über die heutige Rolle von Softwarearchitekten, Kriterien für gelungene Architekturen und aktuelle Architektur-Trends wie Microservices unterhalten.

JAXenter: Der Software-Architekt gibt die Architektur vor – die Entwickler setzen sie um. Was ist schief an diesem Bild?

Stefan Zörner: Das Bild muss gar nicht falsch sein. Das hängt von vielen Faktoren ab: Wie risikoreich ist das Projekt? In welcher Phase ist es? Welche Skills haben die Mitarbeiter?

Gleichzeitig sieht die Realität in vielen Projekten heute anders aus: Die Architektur wird im Team entwickelt und gemeinsam umgesetzt. Den einen Architekten gibt es dort nicht mehr. Wohl aber eine Softwarearchitektur, also grundlegende Prinzipien, Lösungsansätze, Struktur- und Technologieentscheidungen.

Dazu kommt, dass viele Entwickler mit der klassischen Rollenentwicklung („Noch bin ich Entwickler, wenn ich groß bin, werde ich Architekt…“ 😉 heute nicht mehr viel anfangen können. Die wollen als Entwickler Verantwortung für die Lösung als ganzes (mit) übernehmen. Sind ja erwachsene Menschen.

JAXenter: Wenn Software-Architekturen von allen mitgetragen werden sollten – braucht es da überhaupt noch die Rolle des Architekten?

Stefan Zörner: Als alleinige Person nicht unbedingt. Wenn die Verantwortung für grundlegende Entscheidungen aber nicht übernommen wird, entsteht leider oft eine zufällige Softwarearchitektur, in der Prinzipien wie: „Wir machen das so wie immer“ oder „Wir machen das erste, was uns einfällt“ vorherrschen.

Konferenz-getriebene Softwarearchitekturen – „Wir setzen die Technologien ein, von denen auf der W-JAX viel erzählt wird“ – gehören auch dazu. Aus meiner Sicht wird methodische Softwarearchitektur mehr und mehr zum Entwickler-Skill.

JAXenter: Was macht aus deiner Sicht eine gelungene Software-Architektur aus?

Stefan Zörner: Zu allererst sollte sie zur Aufgabenstellung passen. Um das bewerten zu können, muss die Softwarearchitektur explizit sein. Nur im Quelltext versteckt reicht da nicht aus. Und die Aufgabenstellung muss gut genug verstanden sein.  Was waren die Rahmenbedingungen? Welche Architekturziele gab es?

Deswegen lege ich beim Softwarearchitektur-Speeddating auf der W-JAX auch einen Schwerpunkt auf diese architekturrelevanten Anforderungen. Sie sollten die Entscheidungen nachvollziehbar beeinflussen. Falls nein, wäre es purer Zufall, wenn die Architektur passt.

JAXenter: Der Architekturplan war gut, für die korrekte Umsetzung fehlte aber die Zeit – wer hat das nicht schon mal gehört! Hast du ein Mittel parat, wie man solche Qualität-Zeit-Dilemmata vermeidet?

Stefan Zörner: So, wie du das schilderst, entsteht ein Bild, dass die Architektur „fertig“ definiert und anschließend umgesetzt wird. Wäre oft kein guter Plan, da man dann viel zu spät eine Rückmeldung bekommt, ob die Lösungsansätze funktionieren.  Mein (nicht sonderlich origineller) Tipp wäre, früher anzufangen, Dinge umzusetzen, und die Architektur so schneller mit der Realität abzugleichen.

Daraus ergibt sich die spannende Frage, wie viel (oder wenig) Softwarearchitektur vorweg nötig ist.

JAXenter: Heiß diskutiert wird derzeit ja das Architektur-Pattern der Microservices. Was spricht aus deiner Sicht dafür, was dagegen?

Stefan Zörner: Microservices versprechen Beweglichkeit (Pattern-Marketing: „Nie wieder Monolithen!“), aber zu kleinteilig erhöhen sie die Komplexität drastisch. Schlussendlich muss ich (auch hier) die architekturrelevanten Einflussfaktoren meines Projektes kennen, um mich für oder gegen einen solchen Ansatz zu entscheiden. Im Übrigen ist „Micro“ ziemlich relativ.

JAXenter: Du leitest auf der W-JAX auch ein Panel über die Zukunft der Java Application Server. Angesichts aktueller Trends, gerade zu Microservices aber auch zu JavaScript auf dem Server, sehen einige in den guten alten Java EE Servern eine aussterbende Gattung. Siehst du das auch so?

Stefan Zörner: Application Server werden bleiben. COBOL und CORBA wurden auch schon oft totgesagt und haben immer noch ihren Platz in der IT-Landschaft. Der Reflex, dass server-seitiges Java automatisch Java EE heißt, zuckt vielleicht demnächst selbst bei Versicherungen nicht mehr automatisch.

Was mir an der Diskussion prima gefällt ist die Tatsache, dass man Application Server nicht mehr einsetzen kann, „weil man das halt so macht.“ Da braucht man heute bessere Argumente. Die finden wir am ehesten in den architekturrelevanten Anforderungen. Und da schließt sich der Kreis. Ich freue mich auf das Panel! Die Extrempositition in der Diskussion ist ja, Java EE bzw. J2EE Application Server waren immer schon eine dumme Idee, und nach 15 Jahren beginnen wir das zu begreifen… Meine Meinung ist das aber nicht.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

Stefan Zörner ist Softwarearchitekt, Berater und Coach bei embarc in Hamburg. Ganz besonders interessiert ihn, wie sich Entwürfe effizient festhalten und kommunizieren lassen. Seine Erfahrungen und sein Wissen teilt er regelmäßig in Form von Vorträgen und Artikeln. Stefans Buch über Architekturdokumentation ist im Hanser-Verlag erschienen, er ist Committer im Directory Project der Apache Software Foundation und Board-Mitglied im iSAQB.

Sessions auf der W-JAX 2014:

Softwarearchitektur-Speeddating („Wer einsam bleibt, ist selber schuld!“)
Panel zur Zukunft des Java Application Servers
Architekturbewertung: Das Wesentliche

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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