SOA – was kommt nach dem Hype?

Norbert Bieberstein, SOA Advanced Technologies, Software Group, IBM Deutschland

SOA ist heutzutage ein Begriff, der zumindest in IT-Kreisen und zunehmend in Wirtschaftskreisen geläufig, fast schon veraltet ist. Auf dem weltweiten Buchmarkt sind bis heute mehrere hundert Bücher mit „SOA“ oder „Service-Oriented Architecture“ im Titel erschienen. SOA wurde innerhalb von wenigen Jahren zu einem globalen Begriff. Die Marktkraft dieses Akronyms wurde so stark, dass es heute nahezu keinen IT-Anbieter mehr gibt, der seine Produkte nicht in Beziehung zu SOA setzt.

Aber ist SOA eigentlich eine Technologie? Im Grunde ist es doch eher eine Philosophie, eine Blaupause für IT-Architektur, die schon immer in Anwendungen zu finden war, bei denen auf vernünftige Grundsätze geachtet wurde. Man findet SOA-gerechte Strukturen bereits in Mainframe-basierten Anwendungen, ohne dass dies als „SOA“ bezeichnet wurde. Hingegen sind oft neuere verteilte Anwendungen ohne regelnde Architektur erstellt worden, so dass deren Wartung problematisch wurde.

Doch gerade in den letzten fünf Jahren wurden mit dem durch Marketing verstärkten Hype vielfältige Werkzeuge entwickelt, die in einer professionellen Anwendungsstruktur genutzt werden können. Beispiele dafür sind integrierbare Entwicklungswerkzeuge und entsprechende Repositories. Ein entscheidender Punkt wurde durch die sehr breite Anerkennung der Web Service Standards erreicht, auf deren Basis Unternehmen ihre „SOA“-Produkte anbieten konnten. Der Wettstreit geht nicht mehr um die Standards, ob .net oder J2EE, sondern nun darum, wer die passendere und nutzbarere Anwendungs-Entwicklungsumgebung bietet und wer am besten den IT-Abteilungen oder gar dem Endbenutzer in den Fachabteilungen erlaubt, die Versprechen von SOA umzusetzen.

Kann SOA aber schon als „Same Old Approach“ gesehen werden? Für die Avantgardisten trifft das sicher zu, die schon mit der nächsten Technologie experimentieren, und ebenso für die Auguren in den Marketingabteilungen, die einen frischen Kernbegriff für ihre Strategiekampagnen zu erspähen hoffen.

Aber was kommt nach SOA?

Ein wichtiges Schlagwort in diesem Zusammenhang ist Web 2.0 für Unternehmen oder auch Social Networking.
Hier eröffnet sich eine ganz andere Dimension der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen. Ist dies eventuell die nächste industrielle Revolution?

Sehr bald schon kommen internet-gewöhnte Youngster in die Entscheider-Positionen der Wirtschaft. Besonders in Nationen wie Indien und China, wo ein großes Heer aus einer gut ausgebildeten neuen Mittelschicht mehr und mehr das Geschehen bestimmt. Web 2.0-Elemente ermöglichen, bei immer verfügbaren Netzen und Web Services, private und geschäftliche Anwendungen in bisher nicht gekannter Weise. Auch hier bieten sich immer noch Möglichkeiten außerhalb von etablierten Unternehmensstrukturen, auf dem globalen Markt Geschäftsideen schnellstmöglich zu verwirklichen.

Anders als beim überhitzten E-Commerce-Hype der 90er Jahre, dürften nun aber die Mechanismen eines gereiften Web zum Tragen kommen. Durch bewussten Einsatz neuer Werkzeuge wird es einer großen Zahl von Anbietern ermöglicht, einer sehr viel besser gebildeten, weltweiten Kundschaft, individualisierte Angebote zu machen.

Sicher spielen hier auch die erreichten Standarddefinitionen und neue Technologien eine Weg bereitende Rolle. Wichtig In diesem Zusammenhang: „SaaS = Software as a Service“. Dieser Ansatz kann sicherlich als eine konsequente Verfolgung des alten Slogans „The Network is the Computer“ gesehen werden. Jetzt sind Anzeichen zu sehen, dass SaaS insgesamt sinnvoll ist, und die Angebote bei gegebenen Rahmenbedingungen „Mainstream“ werden dürften, das bedeutet ein Markt von SaaS Anbietern entsteht.

„Amateure“ bestimmen den Markt.

Die Anwendungen oder besser Software-Dienste, die angeboten werden, folgen dem Muster der Online-Börsen und -Makler. Hier werden heute Millionen – vermutlich schon Milliarden – von Bildern, Filmen, Graphiken und andere elektronisch verfügbare Objekte von „Amateuren“ in weltweiter Konkurrenz gehandelt. Manche Marketing-Agenturen bedienen sich für durchaus seriöse Aufträge schon fast ausschließlich dieser kostengünstigen Alternativen zu den teureren Künstlern. Ähnlich dürfte auf Basis von vertrauenswürdigen Providern, ausführbare Software ins Angebot kommen, die von Freelancern erstellt wurde. Wie bei den genannten Börsen werden die Provider entsprechende Qualitätstests durchführen, denn Vertrauen ist hier das Maß für den Geschäftserfolg. Auch Kunden- und Peer-Bewertungen tragen zum Ansehen und damit zum Erfolg bei.

Situational Applications – Anwendungen nach Bedarf

Gesetzt den Fall, dass sich ein solcher Markt von Anwendungen auf Abruf etabliert, wird eine neue Hype-verdächtige Bewegung entstehen: „Situational Applications“. Die bedarfsorientierten Anwendungen bauen darauf, dass den Mitarbeitern eines Unternehmens Anwendungen als Dienste zur Verfügung stehen, die je nach Lage der geschäftlichen Situation ad-hoc zu sinnvollen Anwendungen zusammengefügt werden können. Diese können sogenannte „Mash-ups“ sein, also simples Kombinieren gewisser Web Services zu Vergleichsoperationen (zum Beispiel Börsenticker und andere „Stream“-Daten), oder auch komplexere Anwendungen, die sich aus vorhandenen Diensten innerhalb eines Unternehmens oder aus im Internet Angebotenem erstellen lassen. Die entsprechenden Werkzeuge dazu kommen bereits auf den Markt und dürften mit der Zeit immer ausgefeilter und bedienerfreundlicher werden.

Was ist der nächste Hype?

Diese Frage wird sich mit der Zeit von selbst beantworten und hängt auch von den entsprechenden Marketing-Budgets ab. Doch heute sollten wir uns darauf konzentrieren, das breite Angebot von Werkzeugen und Diensten nutzen, um die SOA -Versprechen zu erfüllen. Es gibt mehr Möglichkeiten als jemals zuvor, um komplexe Sachverhalte schnell und vor allem effektiv umzusetzen. Da insgesamt IT und Unternehmensführung immer stärker zusammenwachsen wird die Kluft zwischen den Technikern in der IT und den Machern im Geschäft verschwinden. Ob dies nun die derzeitigen Mitarbeiter im Unternehmen sein werden oder ob der passende Dienst sich irgendwo im Netz finden lässt, hängt von der Flexibilität der Einzelnen ab. Und natürlich auch von geeigneten Organisationsformen, die eine solche globale Arbeitswelt unterstützen.

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Norbert Bieberstein, SOA Advanced Technologies, Software Group, IBM Deutschland
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