Die Schattenseiten der Fehlervermeidung

Sind Perfektionisten produktiver?

Michael Thomas

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Sind Perfektionisten produktiver und effizienter als andere Mitarbeiter? Was zunächst wie eine logische Schlussfolgerung klingt, kann sich Anna Majowska von Shore Labs zufolge genauso gut als klassischer Fehlschluss erweisen: Perfektionismus kann auch zum genauen Gegenteil führen.

So können die hohen Ansprüche, die Perfektionisten an sich stellen, Majowska zufolge mitunter zu einem konstant hohen Stresslevel führen – selbst in im Grunde bedeutungslosen Situationen will der Perfektionist das bestmögliche Resultat liefern. Der konstante Druck sowie die Angst, „bloß durchschnittlich“ zu sein, kann im schlimmsten Fall zu einem niedrigen Selbstbewusstsein, Selbstzweifeln oder gar Depressionen führen.

Einhergehend mit dem Wunsch (bzw. Drang), selbst kleinsten Details große Aufmerksamkeit zu widmen, schrumpft die für wirklich wichtige Aufgaben zur Verfügung stehende Zeit zusammen. Diese wird zwar ebenfalls erledigt, u. a. im Hinblick auf den Stresspegel stellt die Unfähigkeit, die anstehende Arbeit richtig zu Priorisieren, dennoch ein nicht unerhebliches Problem dar. Zudem gerät ein Perfektionist so leichter in den Verdacht, unter „Aufschieberitis“ zu leiden.

Fehlschlag? Gibt’s nicht!

Fehler zu machen ist nicht per se schlecht, bieten sie doch eine Gelegenheit, neues zu lernen. Perfektionisten streben jedoch eher danach, eine von Fehlern unbeschmutzte weiße Weste zu behalten. Aus diesem Grund neigen sie mitunter dazu, im Falle von Fehlern das entsprechende Thema fallen zu lassen – und sich so gleichzeitig einer Lernmöglichkeit berauben.

In eine ähnliche Kerbe schlägt die bisweilen anzutreffende Neigung von Perfektionisten, den Anweisungen von Vorgesetzten auf Punkt und Komma zu folgen – selbst dann, wenn eine etwas großzügigere Auslegung der Vorschriften zu einem besseren Ergebnis führen würde.

Zudem kann die Extremform des Perfektionismus ein wahrer Innovationskiller sein: Da der Perfektionist nach Möglichkeit alles beim ersten Versuch richtig machen will, gibt er neuen Ideen und Methoden keine Chance – sie könnten ja zum Fehlschlag fehlen. Die Innovation als Folge von Versuch und Irrtum wird so unterbunden.

Schließlich neigen Perfektionisten dazu, ihr Arbeitsgebiet mit Argusaugen zu bewachen und alle Zügel in der Hand, sprich: Die komplette Kontrolle selbst zu behalten. Diese von mangelnder Kooperationsbereitschaft geprägte Do-it-yourself-Mentalität ist potentiell Gift für ein gutes – die Produktivität steigerndes – Teamwork.

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Was tun?

Im Falle von dysfunktionalem, neurotischem Perfektionsstreben – das zugleich die Anfälligkeit für psychische Störungen erhöhen kann – sollte tatsächlich professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. In minder schweren Fällen kann dem Drang nach Perfektion auch mit eigenen Bewältigungsstrategien begegnet werden. Majowska empfiehlt beispielsweise, das Bedürfnis, alles perfekt machen zu wollen, aktiv zu bekämpfen und Aufgaben ganz bewusst abzugeben, wenn man sie als „okay“ oder „fertig“ bezeichnen kann – was in den meisten Fällen genügt. Ebenfalls trainiert werden sollte die Fähigkeit, Kompromisse einzugehen: Mit anderen Menschen und der Arbeit, aber vor allem mit sich selbst. Oder, wie Majowska es ausdrückt: Man sollte versuchen, die Normalität zu perfektionieren.

Aufmacherbild: nobody is perfect von Shutterstock.com / Urheberrecht: gguy

Geschrieben von
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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