Interview mit Matthias Marschall

„Wenn Chefs versuchen, ihre Macht durch Informationsknappheit aufrecht zu erhalten, wird Selbstorganisation zum Himmelfahrtskommando“

Hartmut Schlosser

Matthias Marschall

Auf dem Portal Gutefrage.net diskutieren täglich Millionen von Menschen und versuchen sich gegenseitig zu helfen. Für den reibungslosen Ablauf ist ein großer Organisationsaufwand nötig. Matthias Marschall, CTO bei Gutefrage.net und Sprecher auf der DevOpsCon 2015, erklärt im Interview mit JAXenter, wie Teams effektiver arbeiten können und die Zusammenarbeit untereinander optimiert wird.

JAXenter: Selbstorganisierende Teams gelten in der DevOps-Debatte meist als Ideal. Doch kann Selbstorganisation an sich kein Wert sein, denn es geht ja letztlich darum, IT-Prozesse zu verbessern und dadurch schneller bessere Produkte auszuliefern. Wo liegt nun aber dennoch der Zusammenhang zwischen Selbstorganisation und Wertschöpfung?

Matthias Marschall: Der wichtigste Vorteil von Selbstorganisation liegt darin, dass Teams selbst Entscheidungen treffen können. Dadurch, dass die Teams nicht mehr für jede Entscheidung bei einem Vorgesetzten nachfragen müssen, erhöht sich die Geschwindigkeit. Und dadurch, dass es oft die Teams selbst sind, die am nähesten am Problem dran sind und damit auch die besten Entscheidungen treffen können, steigt auch die Qualität der Entscheidungen. Selbstorganisation ist also kein Selbstzweck, sondern führt zu schnelleren und besseren Entscheidungen. Dadurch können schneller bessere Produkte ausgeliefert werden.

JAXenter: Auf der anderen Seite gibt es die Idee, dass es in Unternehmen auf starke Leitfiguren ankommt, die andere begeistern, inspirieren und mitziehen können. Sozusagen der „Steve-Jobs-Effekt“. Widerspricht diese Philosophie nicht dem Gedanken der Selbstorganisation?

Matthias Marschall: Führung und Selbstorganisation stehen zwar in einem Spannungsverhältnis zueinander, schließen sich aber nicht gegenseitig aus. Vision und konkrete Ziele müssen teamübergreifend erarbeitet und abgestimmt werden. Nur wenn die Menschen in einem Unternehmen klar sehen, warum sie ein Ziel verfolgen sollen, sind sie motiviert und werden sich voll einbringen. Wie aber die vorgegebenen Ziele am besten erreicht werden können, sollte den Teams überlassen werden.

Spannungen entstehen, wenn den Teams nicht genügend Informationen zur Verfügung stehen, um die besten Entscheidungen treffen zu können. Wenn die Führungskräfte versuchen, ihre Macht durch Informationsknappheit aufrecht zu erhalten, wird Selbstorganisation zum Himmelfahrtskommando.

JAXenter: Wie sind da deine Erfahrungen als CTO von Gutefrage.net? Wie organisiert Ihr eure Teams?

Matthias Marschall: Wir haben unsere Teams cross-funktional aufgesetzt. Wir steuern die Organisation über Objectives und Key Results – allerdings auf Teamebene und nicht, wie häufig anzutreffen, auf Mitarbeiterebene. Alle drei Monate erarbeitet das Führungsteam neue Ziele (Objectives), die auf die Vision einzahlen. Diese werden im Detail von den Teams selbst ausgestaltet, und in Absprache mit dem Führungsteam werden konkrete Key Results vereinbart. Alle drei Wochen stellen die Teams dann in einer Ausstellung ihre Zwischenergebnisse vor.

Meine Erfahrung mit „Führung vs. Selbstorganisation“ ist, dass es oft gar nicht so einfach ist, den richtigen Mix aus Vorgaben und Eigenverantwortlichkeit zu finden. Das Führungsteam hat einen größeren Überblick über die Firma, während die Teams im Detail viel tiefer in der Materie sind. Beide Informationsebenen werden aber gebraucht, um die besten Entscheidungen treffen zu können. Wenn sich die Manager aber nun komplett heraushalten, fehlt ein wichtiges Puzzlestück.

JAXenter: Es wird deutlich, dass es bei DevOps nicht nur um Tools und Technologien geht, sondern um einen kulturellen Wandel, der das ganze Unternehmen ergreifen muss. Doch wo fängt man an, wenn man als alteingesessenes Unternehmen jahrelang anders, also hierarchisch und in getrennten Abteilungen, gearbeitet hat?

Matthias Marschall: Es ist wichtig, in jeder Abteilung den Blick auf die gesamte Wertschöpfungskette zu richten. Lokale Optimierungen im eigenen „Silo“ sind selten hilfreich, um schneller bessere Produkte ausliefern zu können. Die Teams müssen anfangen, sich füreinander zu interessieren. Die Führung muss teamübergreifend optimieren und nicht auf den eigenen Bereich fokussiert bleiben.

JAXenter: Und was ist die Kernbotschaft, die du in deiner DevOpsCon-Session vermitteln möchtest? Was sollen die Teilnehmer unbedingt mit nach Hause nehmen?

Matthias Marschall: Meine Session ist ein Open-Space. Ich möchte gerne erreichen, dass sich die Teilnehmer untereinander zu ihren Erfahrungen austauschen und gemeinsam neue Lösungswege erarbeiten. Darauf freue ich mich schon!

Matthias Marschall ist ein Software Engineer “Made in Germany”. Seine vier Kinder sorgen dafür, dass er sich in lebhaften Umgebungen wohl fühlt und auch in chaotischen Situationen die Kontrolle behält. Er beschäftigt sich seit Jahren hauptsächlich mit der Frage, wie man Entwicklern, Teams und ganzen Organisationen helfen kann, schnell und kontinuierlich Software zu releasen, die den Benutzern echten Mehrwert liefert.
Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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