Revoluzzer, Landesverräter oder Weltverbesserer: Sind Hacker die besseren Menschen?

Astrid Spier

Ist es nur ein Zufall oder eine Eigenschaft von Computer-Experten, sich gemeinnützigen Aktivitäten zu verschreiben, um unsere Gesellschaft offener und demokratischer zu gestalten?  

Es scheint ein besonderer Schlag Mensch zu sein: Meist sind es junge Leute, sicher im Umgang mit Technik und häufig begabt in Programmiersprachen. Autoritäten stehen sie kritisch gegenüber, und auch gesellschaftliche Konventionen werden nicht als unumstößlich hingenommen. Ein Schlag Mensch, der in Deutschland durch die Sensationserfolge der Piratenpartei an öffentlichem Interesse gewonnen hat und dessen Erkennungszeichen – wie auch im Fall Edward Snowden – Electronic Frontier Foundation– (EFF) oder Project Tor-Aufkleber auf Laptops sind.

Wie die Washington Post beschreibt, weisen diese Menschen häufig einen ungewöhnlichen Karriereverlauf auf, wie etwa Snowden, der die High School abgebrochen hat und dennoch als Auftragnehmer beim NSA anheuerte. Oder Bradley Manning, der beschuldigt wird, als Soldat Informationen an WikiLeaks weitergeleitet zu haben. Selbst WikiLeaks-Gründer Julian Assange gehört laut Washington Post zu dieser Gruppe der Rebellen; ebenso Jason Trigg, der – wie viele junge Leute – möglichst viel Geld verdienen möchte und deswegen bei einem Hedgefonds an der Wall Street arbeitet, damit er, – wie wenige junge Leute – möglichst viel Geld für wohltätige Zwecke spenden kann.

Immer wieder tauchen Geschichten von jungen Menschen auf, die sich nicht nur einer höheren Moral verpflichtet fühlen, sondern auch danach handeln, selbst wenn sie mit schwerwiegenden Konsequenzen rechnen müssen. Der Investor Paul Graham sieht dabei durchaus Parallelelen im Denken eines Hackers und dem eines Weltverbesserers. Denn, um ein guter Hacker sein zu können, muss man skeptisch gegenüber Konventionen sein, in der Lage sein, die Dinge zu hinterfragen und manchmal ungewöhnliche Wege beschreiten. Hacker untersuchen komplexe Systeme mit dem Ziel, diese zu verbessern, und viele, so scheint es, wenden dieses Denken auch auf unsere Gesellschaft an. Im engeren Sinne zeigt sich diese Entwicklung in dem Boom von kostenloser Software und Projekten wie Wikipedia oder einem postulierten Grundrecht auf Internet und Informationen. Im übertragenen Sinne werden auf diese Weise neue Forderungen nach einer freien, demokratischen und barrierefreien Welt gestellt. 

Als Beispiel mag hier Aaron Swartz gelten, der es moralisch nicht vertreten konnte, dass ein Großteil wissenschaftlicher Literatur nur zahlungskräftigen Mitgliedern von Universitäten zugänglich war und deshalb versuchte, tausende von Artikeln herunterzuladen, die er dann frei ins Netz stellte. Als er erwischt wurde und ihm eine mehrjährige Haftstrafe drohte, nahm er sich im Alter von 26 Jahren das Leben.

Sind Hacker die besseren Menschen?

Hacker sind die neuen Hippies und moderne Revoluzzer. Sie kämpfen mit ihren eigenen Mitteln für Werte, die wir alle hochhalten und die dennoch, nicht zuletzt aufgrund neuer Technologien, eingeschränkt werden. So scheint eine tatsächliche Gleichberechtigung beispielsweise nur gegeben, wenn auch das Internet frei ist und alle Menschen die gleichen Chancen besitzen. Vergleichbar kann auch Redefreiheit nur dann gewährleistet sein, wenn Internetnutzer vor Spionage und Abhörmechanismen sicher sind. Dieser Kampf artikuliert sich in der Abneigung der Hacker gegen die „Anzugträger,“ die in Medien und Politik über große Macht verfügen.

Nicht alle sehen jedoch eine Verbindung zwischen Hacking und moralischem Pflichtbewusstsein oder gar politischem Engagement. Tor-Entwickler Jacob Appelbaum beispielsweise zeigte sich gegenüber der Washington Post skeptisch. Seiner Ansicht nach sind die moralisch- ethischen Komponenten höher zu bewerten als die  Technologie, die als Mittel zum Zweck dient. Im Kern, so Appelbaum, ist allein ein hohes Moralbewusstsein entscheidend für das Verhalten, und so sollte die Tatsache, dass es sich hierbei um Hacker handelt, in den Hintergrund rücken. Schließlich sei das Handeln der Hacker vor allem durch ihren Mut  motiviert, sodass das Programmieren von Linux als Kriterium weniger Beachtung finden sollte. 

Zweifellos sollten letztlich die Qualitäten Mut, Entscheidungsfähigkeit, Moralbewusstsein und die Fähigkeit zum kritischen Denken im Vordergrund stehen. Auch wenn sich sicherlich kein Konsens zu der Frage finden wird, ob Hacker tatsächlich die besseren Menschen sind, scheinen sie doch viele dieser Qualitäten in sich zu vereinen.

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Astrid Spier
Astrid Spier
Astrid Spier arbeitet seit Juli 2012 als Redaktionsassistentin bei S&S Media. Im Mai 2011 hat sie ihren Master in Germanistik in den Vereinigten Staaten erhalten. Durch die enge Verbindung von Journalismus und Germanistik hat sie in den USA journalistische Erfahrungen sammeln können und Artikel zur interkulturellen Verständigung für den Blog der Universität geschrieben. Im März 2013 hat sie ihr Staatsexamen mit den Fächern Englisch und Deutsch in Mainz abgeschlossen.
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