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Retrospektiven sind beliebt. Aber wie genau werden sie in der Praxis durchgeführt?

Die Retrospektive unter der Lupe: Der Retrospective Report 2017

Ann-Cathrin Klose

© Shutterstock.com / kentoh

Der Agile Retrospective Report 2017 von Retrium beruht auf dem ersten Survey, der explizit nur nach Erfahrungen mit Retrospektiven fragt: Welche Tools werden am häufigsten benutzt, welche Hürden müssen für eine gute Retrospektive überwunden werden und worin liegen die größten Vorteile?

Die Retrospektive gehört zu den Standards des agilen Arbeitens. So erfragt der Retrium-Report gar nicht erst, wie viele agile Teams mit Retrospektiven arbeiten, sondern verweist dazu auf den 11. State of Agile Report: 83 Prozent der dortigen Teilnehmer führen Retrospektiven durch. Ausgehend von dieser weiten Verbreitung des Formats hat Retrium nun explizit nach den Erfahrungen damit gefragt.

Der Retrium Retrospective Report 2017

In dieser ersten Auflage des Annual Agile Retrospective Reports flossen 277 Antworten von Teilnehmern aus zahlreichen Ländern ein. Mit einem Drittel stellt die Berufsgruppe der internen Scrum-Master den größten Anteil an Teilnehmern dar; zusammen mit agilen Coaches (ebenfalls intern) machen die agilen Profis knapp 50 Prozent der Teilnehmer aus. 35 Prozent der für den Report Befragten arbeiten in der Software-Industrie; darüber hinaus verteilen sich die Teilnehmer in kleinen Gruppen auf diverse Branchen wie die Finanzindustrie oder den Gesundheitsbereich.

68 Prozent arbeiten für Unternehmen mit mehreren Standorten, während nur elf Prozent angeben, dass alle Angestellten ihres Arbeitgebers an einem gemeinsamen Ort arbeiten. Erfragt wurde hier zwar explizit nicht, ob einzelne Teams grundsätzlich über mehrere Standorte, Homeoffice und Co. verteilt sind, sondern nach der Gesamtsituation im Unternehmen. Die Frage nach den größten Hürden für Retrospektiven zeigt aber, dass verteilt arbeitende Teams in der agilen Arbeitsweise ebenfalls nicht selten sind: 36 Prozent der Teilnehmer benannten dezentral organisierte Teams als eine der größten Hürden im Rahmen von Retrospektiven.

Physische und digitale Tools

Dies könne, so legt der Report nahe, an den verwendeten Tools liegen. So arbeiten 58 Prozent der Befragten in ihren Retrospektiven mit physischen Post-its; 55 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass sie klassische Whiteboards benutzen. Für verteilte Teams ist das aber natürlich keine gute Lösung, weil immer nur ein Teil des Teams dort ist, wo auch die Notizen sind. Während jedoch ein recht großer Konsens hinsichtlich der Nutzung von Whiteboards und Post-its herrscht, findet sich bei den digitalen Tools eine größere Streuung der Antworten: 20 Prozent der Befragten arbeiten mit Confluence, 15 Prozent nutzen Retrium, 13 Prozent ein Online-Board; Google Docs (elf Prozent) wird häufiger genutzt als Trello (neun Prozent).

Die Wahl einer digitalen Lösung könnte durch die anderweitig im Unternehmen eingesetzten agilen Management-Tools mitbestimmt sein. Dazu kann der 11. State of Agile Report als Vergleichsbasis herangezogen werden: Atlassian/Jira stellt das am häufigsten verwendete agile Projektmanagement-Tool dar – Confluence, am häufigsten im Retrospective Report benannt, gehört ebenfalls zum Produkt-Portfolio von Atlassian. Google Docs wird im 11. State of Agile Survey von 14 Prozent der Befragten verwendet und befindet sich für das allgemeine agile Projektmanagement somit ähnlich häufig im Einsatz wie für Retrospektiven.

Der Rhythmus der Retrospektive

Wenig überraschend sind die Ergebnisse zur Frequenz von Retrospektiven: Sie werden zumeist am Ende eines Sprints durchgeführt (90 Prozent); bei 75 Prozent der Teilnehmer findet alle zwei Wochen eine Retrospektive statt. Die wenigsten Teilnehmer führen seltener als alle vier Wochen eine Retrospektive durch. Das korreliert mit der typischen Sprintlänge in der agilen Arbeitsweise und den Empfehlungen verbreiteter agiler Arbeitsmethoden wie Scrum.

Außerdem hat der größte Teil der Befragten bereits selbst eine Retrospektive geleitet (94 Prozent), am häufigsten  kommt diese Aufgabe allerdings dem Scrum-Master zu (82 Prozent). Die typische Retrospektive der für den Report Befragten ist außerdem nicht allzu lang. Bei 55 Prozent dauert sie 31 bis 60 Minuten; 31 Prozent nehmen sich 61 Minuten bis 2 Stunden Zeit dafür.

Chancen und Hürden

Der größte Nutzen von Retrospektiven liegt für 85 Prozent der Teilnehmer des Retrospective Reports in einer verbesserten Team-Kommunikation; an zweiter Stelle mit 65 Prozent Zustimmung steht der Aufbau einer vertrauensvollen Atmosphäre. Platz drei, im Retrospective Report mit 60 Prozent vertreten, entspricht dem dritten Faktor der allgemeinen Vorteile agiler Methoden laut State of Agile Report: Durch Retrospektiven wie auch durch agiles Arbeiten insgesamt erhöhe sich die Produktivität von Teams. Im State of Agile Report stimmen dieser Aussage sogar 83 Prozent der Befragten zu.

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Nicht jede Retrospektive trägt jedoch zu einer höheren Produktivität bei. 48 Prozent der Befragten sehen eine große Hürde darin, dass das Team die in der Retrospektive besprochenen Probleme nicht selbst lösen kann oder darf, 44 Prozent benennen ein fehlendes Sicherheitsgefühl als Problem. Dadurch sprechen Mitarbeiter Probleme nicht offen an, sodass sie nicht gelöst werden können. Für 27 Prozent gehört außerdem ein negativer Fokus zu den größten Hürden, die im Rahmen von Retrospektiven auftreten. 23 Prozent benennen darüber hinaus den Unwillen des Teams zur Durchführung von Retrospektiven als Schwierigkeit – dies könnte jedoch auch ein Resultat der vorgenannten Probleme sein.

Verwendete Techniken

Die richtige Wahl von Techniken für die Retrospektive ist ebenfalls ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Formats. Hier kann der Report natürlich nicht alle Methoden und Konstellationen abbilden, die beispielsweise der Retromat vorschlägt. Allerdings deutet der Report darauf hin, dass eine so große Varianz auch gar  nicht nötig ist. So gibt zwar knapp ein Drittel an, in jeder oder jeder zweiten Retrospektive auf eine neue Technik zu setzen; der Rest der Befragten variiert das Vorgehen jedoch nur unregelmäßig (28 Prozent) bis nie (17 Prozent) oder nur bei Bedarf (21 Prozent).

Unter den am häufigsten genutzten Vorgehensweisen für Retrospektiven findet sich im Report „What went well, what didn’t go well“ ganz oben (46 Prozent), gefolgt von den deutlich seltener genannten Techniken „Stop, Start, Continue“ (19 Prozent) und „Mad, Sad, Glad“ (10 Prozent). Hier könnte sich jedoch auch das Problem der großen Vielfalt an Techniken abbilden, sodass die Aussagekraft fraglich bleibt. Auch wird nicht nach den Phasen einer Retrospektive unterschieden und es zeigt sich, dass viele der aufgelisteten Techniken den Befragten durchaus bekannt sind, jedoch nicht regelmäßig genutzt werden. So gehört Lean Coffee nur bei fünf Prozent der Befragten zu den häufig verwendeten Techniken, ist aber doch 29 Prozent bekannt.

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Ann-Cathrin Klose
Ann-Cathrin Klose
Ann-Cathrin Klose hat allgemeine Sprachwissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studiert. Bereits seit Februar 2015 arbeitete sie als redaktionelle Assistentin bei Software & Support Media und ist seit Oktober 2017 Redakteurin. Zuvor war sie als freie Autorin tätig, ihre ersten redaktionellen Erfahrungen hat sie bei einer Tageszeitung gesammelt.
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