Oracles Java: Kommunikationsverweigerung, Muskelspiele, Unerfahrenheit?

Hartmut Schlosser

Als Anfang des Jahres die Sun-Übernahme durch Oracle nach langem Warten über die Bühne gegangen war, glaubte man, jetzt werde das Unternehmen seine Java-Strategie offenbaren. Nach einem Dreivierteljahr der Stagnation, verursacht durch die verschiedenen Kartellbehörden, würde sich endlich der Knoten lösen und Licht ins Dunkel der Zukunft Javas gebracht werden.

Aber es kam anders. Es geschah nämlich. auch weiterhin nichts. Bis zum heutigen Tage konnte sich Oracle zu nicht einer deutlichen Aussage durchringen, wie es weiter gehen soll. Da platzt auf einmal die Meldung ins Sommerloch, dass Oracle Google wegen Android verklagt.

Man kommt aus dem Urlaub zurück, reibt sich die Augen und fragt: Ist es tatsächlich das, was Oracle als Einziges und Wichtigstes nach Monaten des Schweigens zu sagen hat? Eine Klage wegen Android?

Gewiss, die Erfindung von Android war schon ein echtes Husarenstück. Da arbeiten über zehn Jahre die größten Mobilfunkanbieter mit Sun daran, Java ME fit für die anstehende mobile Revolution zu machen. Dann ist es endlich so weit – und plötzlich reden alle nur noch vom iPhone und von Android. Java ME? Kommt in der Smartphone-Welt praktisch nicht mehr vor. Ohne Zweifel hat man dies bei Sun mit Verbitterung beobachtet. Eine Klage gegen Google hat man allerdings niemals angestrengt.

Im Jahr 1997 war es, als Sun den ersten Verstoß gegen die guten Java-Sitten hinnehmen musste. Microsoft führte proprietäre Klassen in seine Java Virtual Machine ein, wurde daraufhin von Sun verklagt und zahlte schließlich knapp zwei Milliarden Dollar, gekoppelt mit der Auflage, sich aus dem Java-Markt zurückzuziehen. Wenige Jahre später brüskierte IBM mit seinem Eclipse-Framework alle Java-Fundamentalisten: Statt AWT bzw. Swing als Oberflächenbibliothek wählte man bei Big Blue einfach das betriebssystemnähere SWT. Ein klarer Verstoß gegen die Java-Satzung, der jedoch folgenlos blieb, von einer jahrelangen Verstimmung auf Seiten von Sun abgesehen. Und jetzt also Android.

Wir alle wissen, dass Oracle eine Firma ist, die ihre Entscheidungen auf Basis geschäftlicher Überlegungen fällt und deutlich weniger ingenieursgetrieben ist als seinerzeit Sun. Auch ist davon auszugehen, dass ideologische Erwägungen bei Oracles Management keine oder nur eine geringe Rolle spielen. Will sich Ellisons Truppe also die Tantiemen sichern, die ihnen durch die schwindenden Java-ME-Lizenzen entgehen, und von Google eine Strafzahlung erwirken? Oder möchte Ellison seine Muskeln spielen lassen und den Konkurrenten (Cloud Computing, Datenspeicher) in seine Schranken weisen?

Für Java ist der Zustand besorgniserregend. Bei OpenSolaris wurden erst kürzlich Fakten geschaffen – die Open-Source-Variante des Betriebssystems wurde im Sommer kurzerhand eingestellt. Droht ein ähnliches Schicksal nun auch dem OpenJDK-Projekt? Dann noch die Klage gegen das Open-Source-Projekt Android. Der Mangel an Transparenz und dem Willen, mit der Community zu kommunizieren, erscheint in diesem Lichte eklatant.

Eine solche systematische Kommunikationsverweigerung stellt mittlerweile ein handfestes Problem dar. Auch beim Java Magazin sind übrigens die Auswirkungen dieses Unwillens zur Kommunikation bemerkbar: Die allseits geschätzte Kolumne zu OpenJDK von Dalibor Topic, die er exklusiv für uns verfasste, musste auf Eis gelegt werden. Bei Videoaufzeichnungen von JAX-Vorträgen, gehalten von Ex-Sun-Mitarbeitern, verweigerte uns Oracle die Genehmigung zur Veröffentlichung; auch Video-Interviews mit Oracle-Sprechern wurden zwar durchgeführt, dann aber nicht autorisiert, sodass wir sie Ihnen nicht zugänglich machen konnten.

Man muss nicht so weit gehen wie z.B. Tim Bray, ehemals Sun-Mitarbeiter, jetzt bei Google für das Android-Ökosystem zuständig, der sich via Twitter in ungewohnt markigen Worten äußerte. Auch andere ehemalige Java-Protagonisten, wie etwa James Gosling, reagieren äußerst skeptisch und registrieren einen drastischen Bruch mit der Art und Weise, wie Sun mit solchen Fragen umgegangen wäre.

Wenn sich zwei charismatische Streithähne in der IT-Industrie bekämpfen, dann ist die Schuldfrage gewiss nicht einfach zu klären. Auch Google bekennt sich zum Prinzip Offenheit vor allem dann, wenn es Google opportun erscheint. Oracle jedoch, von dem wir eine Führungsrolle bei der künftigen Entwicklung von Java erwarten, hat in diesen Monaten keinesfalls die nötige Reife für diesen Job bewiesen. Eine letzte Chance bietet die JavaOne, die ja auf Ende September verschoben wurde.

Hoffen wir, dass die Ereignisse nur der Unerfahrenheit von Oracle geschuldet sind und dass Larry Ellison im September eine klare Roadmap präsentiert, die auf Offenheit und Kooperation, aber auch auf einer klaren Aussage zum Thema Innovation basiert.

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Hartmut Schlosser
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