Wie viel sind 11.000 Zeilen Code?

Oracle versus Google: Google gewinnt den Android-Prozess! [Update]

Hartmut Schlosser

(c) Shutterstock / rangizzz

Der Rechtsstreit zwischen Oracle und Google geht in die nächste Runde: Die beiden IT-Riesen stehen sich erneut wegen vermeintlicher Copyright-Verstößen in Googles Android-Plattform gegenüber. Dieses Mal geht es um die Frage, inwiefern Googles Nutzung von 37 Java APIs in Android als „angemessene Verwendung“ (Fair Use) gelten kann.

Update vom 27. Mai 2016:

 Google gewinnt!

Die Jury hat entschieden: Google hat in Android keine Urheberechtsverletzung begangen. Oracles Forderung nach 9 Milliarden US-Dollar Schadensersatz sind damit (vorerst) vom Tisch.

Nach drei Tagen Beratungszeit fiel das Urteil der Jury zugunsten Googles Sichtweise aus, die Nutzung von 37 Java APIs in Android falle unter die „Fair Use“-Klausel. Trotz des von Oracle gehaltenen Copyrights sei die Nutzung der APIs kein Plagiat, sondern sei unter fairen Bedingungen geschehen, wie im U.S. Code § 107 festgelegt:

Notwithstanding the provisions of sections 106 and 106A, the fair use of a copyrighted work, including such use by reproduction in copies or phonorecords or by any other means specified by that section, for purposes such as criticism, comment, news reporting, teaching (including multiple copies for classroom use), scholarship, or research, is not an infringement of copyright.

Nach der Verkündung des Jury-Urteils dankte der zuständige Richter William Alsup der Jury und bemerkte, dass nun wohl mit Berufungen zu rechnen sei. Und in der Tat folgte die Ankündigung Oracles auf dem Fuß, dass man das Urteil vor einem Berufungsgericht anfechten wolle.

Wie schon in der gesamten Verteidigungsschlacht stilisierte sich Google auch nach dem Urteil als Verfechter der freien Software-Welt und kommentierte:

Today’s verdict that Android makes fair use of Java APIs represents a win for the Android ecosystem, for the Java programming community, and for software developers who rely on open and free programming languages to build innovative consumer products.

Es bleibt nun zu sehen, ob sich die Geschichte nicht wiederholt und das Urteil „Pro-Google“ vor einem Berufungsgericht gekippt wird – wie bereits 2014 geschehen.



Update vom 24. Mai 2016:

Nach den Schlussplädoyers (k)ein Ende in Sicht

Wir sind jetzt in einer Situation, in der Oracle, das keinerlei Investitionen in Android getätigt hat, das kein Risiko eingehen musste, alle Credits und viel Geld für sich will. Und das ist nicht fair.Robert Van Nest

Im Prozess geht es um eine ganz einfache Regel: Man nimmt nicht ohne Erlaubnis das Eigentum anderer Leute und nutzt es zum eigenen Vorteil.Peter Bicks

Diese beiden Zitate fassen die Grundaussagen der beiden Schlussplädoyers zusammen, die im Android-Prozess am gestrigen Montag von Robert Van Nest (Google) und Peter Bicks (Oracle) vorgetragen wurden.

Google: „Android has helped Java“

Um die Jury zu überzeugen, dass Googles Nutzung der Java APIs in Android unter die „Fair Use“ Klausel falle, wiederholte Googles Anwalt Van Nest das Argument, dass die APIs in Android einen rein funktionalen Zweck erfüllten. Die Kreativität in Android liege nicht in den 37 kopierten APIs, sondern erst in der originären Kombination dieser APIs mit anderen Plattform-Bestandteilen. Googles Nutzung der APIs sei also ein klassischer Fall für einen „fairen Gebrauch“, da die APIs „transformativ“ eingesetzt würden, d.h. im Kontext der Android-Plattform eine ganz neue Bedeutung erlangten.

Insofern kann Van Nest sagen, die Android-Plattform sei „From Scratch“ gebaut worden, unter Nutzung von Google-Technologie und in Einbezug angepasster, quelloffener Technologien. “What fueled the success of Android is all the things that went into it that are new and different.“

Mit der Aussage „This is a very important case, not only for Google but for innovation and technology in general“ spielte Van Nest zudem darauf an, dass ein Urteil zugunsten Oracles der Innovationsfähigkeit der gesamten IT-Industrie schaden könnte – ein Argument, über das derzeit heftig debattiert wird, und das auch erst das riesige Interesse der gesamten IT-Szene am Prozess erklärt.

Oracle: „It’s not fair“

Oracles Anwalt Bicks zählte in seinem Schlussplädoyer die für ein positives „Fair Use“-Urteil üblichen Fälle auf: Berichterstattung, Kritik, Kommentar, Forschung, Bildung. Android falle unter keines dieser Kriterien, sondern sei ganz offensichtlich aus kommerziellen Gründen entstanden. Neben dem Einbruch des Lizenz-Geschäfts habe Google Oracle die Chance genommen, ein eigenes, Java-basiertes Smartphone auf den Markt zu bringen.

Wieder wurden zahlreiche interne Google E-Mails gezeigt, die belegen sollen, dass Google über die Notwendigkeit einer Lizensierung Bescheid wusste, sich aber bewusst für eine „Abkürzung“ entschieden habe. Wieder wurden APIs mit der Struktur von Harry-Potter-Büchern („book titles, chapters, and topic sentences“) verglichen, die man nicht einfach für eigene Werke kopieren dürfe. Googles Anwalt Van Nest hatte hingegen an dem Bild festgehalten, APIs seinen nichts weiter als Labels auf einer Reihe von Aktenordner – unbedeutende Beschriftungen also, während nur der Inhalt der Aktenordner kreativen Wert besäße und damit dem Copyright unterliegen könne.

(K)ein Ende in Sicht

Mit diesen Schlussplädoyers endete die erste Anhörungsphase in dieser erneuten Auflage des Android-Prozesses. Die Juroren werden ihr Urteil erwartungsgemäß diese Woche fällen. Sollte es pro Oracle ausfallen, schließt sich eine zweite Phase an, in der die Höhe der dann fälligen Zahlungen Googles an Oracle geklärt werden wird.

Doch auch danach dürfte ein Ende des Rechtsstreits nicht erreicht sein. Beiden Parteien steht es nämlich offen, nochmals in Berufung zu gehen. Und bei der im Raum stehenden Schadensersatzsumme von 9 Milliarden US-Dollar dürfte den Beteiligten die Entscheidung nicht schwer fallen, ob der Gang zu einem Berufungsgericht sich lohnt.



Update vom 20. Mai 2016:

„Wir haben keinen Code kopiert“

„I don’t agree with ‚copy code'“, so lautete die zentrale Aussage von Google Alphabet CEO Larry Page am neunten Tag des Android-Prozesses. Gefragt hatte Oracles Anwalt Peter Bicks, ob Google für die Android-Plattform Java-Code sowie die Struktur, Sequenz und Organisation der APIs kopiert habe.

Bei der Entwicklung von Java habe Sun die Sprache als „Open-Source-Ding“ positioniert, so Page weiter. „I believe the APIs we used were pretty open. No, we didn’t pay for the free and open things.“ Im Anschluss lenkte Google-Anwalt Van Nest nochmals das Augenmerk darauf, dass Google vor der Lancierung von Android durchaus in Gesprächen mit Sun über eine Kooperation stand. Page bestätigte, dass auch Verhandlungen über eine Java-Lizenz im Gange waren. Dabei sei es aber um Suns proprietäre Technologien gegangen. Auf Ars Technica wird Larry Page folgendermaßen zitiert:

At the time, we were discussing doing a deal with Sun that involved using their proprietary technology. My remembering, at the time, is we were negotiating with Sun for their implementation of Java.

Hat Page nach Abbruch dieser Verhandlungen geglaubt, eine Lizenz für die in Android genutzten Java APIs zu benötigen? „Nein, das habe ich nicht geglaubt.“ Es sei etablierte Industrie-Praxis gewesen, dass ein API und die Header übernommen und reimplementiert werden könnten. Nach der Anhörung zweier weiterer Experten schickte der zuständige Richter William Alsup die Jury in ein langes Wochenende. Am Montag soll der Prozess mit den Schlussplädoyers fortgeführt werden. Sollte die Jury dann gegen Google und seine Ansicht entscheiden, die Nutzung von Java-APIs in Android falle unter die „Fair Use“-Klausel, wird sich eine zweite Prozessphase anschließen, in der es um die Höhe der Schadensersatzsumme gehen würde, die Google dann an Oracle zu entrichten hätte. Oracles Forderungen waren zuletzt in die Höhe von 9 Milliarden US-Dollar geschnellt.



Update vom 18. Mai 2016:

Oracle versus Google: Hat Android die Java-Community gespalten?

Neben Safra Catz, deren Befragung vom Vortag fortgesetzt wurde, hatten am siebten Prozesstag Edward Screven (Chief Corporate Architect bei Oracle), Mark Reinhold (Oracles Chief Architect für Java SE) und Douglas Schmidt (von Oracle geladener Experte und Professor an der Vanderbilt University) ihre Auftritte. Kontrovers an den Aussagen Catz’ war ihre Einschätzung, Google habe mit der Lancierung von Android die Community in zwei Teile gespalten. Die live vom Prozessgeschehen twitternde Sarah Jeong (freie Mitarbeiterin beim Online-Portal Motherboard) zitiert Catz folgendermaßen:

Mit Reaktionen wie:

Man fragt sich in der Tat, was dieses Argument im Gerichtsverfahren zu suchen hat. Abgesehen von der Kontroverse in der Sache, so ist die Spaltung einer Community an sich ja kein Straftatbestand. Auch die Einführung des Standard Widget Toolsets (SWT) durch Eclipse bzw. IBM war seinerzeit klar als Abweichung vom Java-Standard Swing wahrgenommen worden – ohne eine Klage nach sich zu ziehen. Und natürlich durfte Spring eine Alternative zu Java EE ins Rennen schicken, die die Enterprise-Community in zwei Lager gespalten hat. Nur gegen Microsoft war Sun gerichtlich vorgegangen, um den Versuch zu vereiteln, mit der Microsoft Virtual Machine (MSJVM) eine teilweise proprietäre Java-Implementierung einzuführen. Auch dass Oracle durch Android Probleme bekam, Einkünfte aus Java-Lizenzen zu erzielen – ein weiteres Argumentationsmuster der Oracle-Anwaltschaft -, ist für den Rechtsstreit wenig relevant. Genauso wie die Eclipse-Konkurrenz nach der Lancierung der Open-Source-IDE Probleme bekam, für ihre schlechteren Tools auch noch Geld zu verlangen, so brach durch Android für Oracle endgültig der Java-ME-Markt weg. Edward Screven bestätigte im Anschluss an die Catz-Befragung deren gestrige Aussage, dass Oracle Sun nicht übernommen hatte, um einen Rechtsstreit mit Google anzustrengen. Stattdessen: „It would enable us to grow our business around Java.“ Um einen weiteren Kindergarten-Vergleich (nach den „Burgern“ und „Ordner-Lables“, siehe unten) machte uns dann Mark Reinhold „reicher“, indem er APIs für die fachfremde Jury mit der Struktur eines Harry-Potter-Buches verglich. Googles Kopieren der 37 Java APIs in Android sei so ähnlich gewesen, als würde ein Schriftsteller die Titel der Harry-Potter-Buchreihe samt den Überschriften aller Kapitel sowie die ersten Sätze eines jeden Paragraphen samt den Verbidungen zwischen den Buchstaben übernehmen, um ein eigenes Werk herauszugeben. Wow! Noch primitiver versuchte es dann Douglas Schmidt mit Visualisierungen. In einer Software-Landkarte malte er die betreffenden APIs in Android als rote Linien ein, die den Implementierungscode (blau und grüne Kreise) miteinander verbanden. Was kann einem dazu noch einfallen….

Die Anhörungen gehen am Mittwoch und Donnerstag weiter, bevor der Jury am Freitag ein freier Tag gegönnt wird. Die Schlussplädoyers könnten demnach am Montag vorgetragen werden.



 

Update vom 17. Mai 2016:

Oracle-CEO Safra Catz bezeichnet Android als „unautorisierten Java-Fork“

„Oracle hat Sun nicht gekauft, um Google zu verklagen“, so die Aussage von Oracle CEO Safra Catz am sechsten Tag des Prozesses. Damit widersprach Catz der Darstellung von Google-Anwalt Robert Van Nest letzte Woche, nach der Oracle CEO Larry Ellison die Patent- und Urheberrechtsklage gegen Google eingereicht habe, als ihm klar geworden sei, dass er Java nicht für ein eigenes Smartphone OS nutzen konnte und es zu spät für eine Partnerschaft mit Google gewesen sei.

Laut Catz war die Übernahme von Sun durch Oracle dadurch motiviert, dass viele Oracle-Produkte auf Java-Technologie basierten. Diese in den Händen eines Konkurrenten zu sehen – namentlich IBM – , sei ein zu hohes Risiko gewesen. Auf Ars Technica wird Catz folgendermaßen zitiert:

We were concerned there would be issues with funding Java, and Java was absolutely critical for our platform, our products. We did a very fast due diligence, and we actually outbid IBM and agreed with Sun that we would acquire them.

Catz wurde von Oracle offenbar auch in den Zeugenstand gerufen, um die früheren Aussagen von Ex-Sun CEO Jonathan Schwartz zu entkräften. Schwartz hatte letzte Woche zugunsten Googles gesprochen und die Offenheit von Java als strategische Entscheidung Suns bezeichnet: Offenheit der APIs, Konkurrenz der Implementierungen. Ein offenes Java sei im Interesse von Sun gewesen: „Jedem, der Java benutzte, konnten wir so alle anderen Sun-Produkte verkaufen. Nutzern von Microsoft Windows konnten wir hingegen nichts verkaufen.“

Nach der Version des aktuellen Oracle CEO Catz habe Schwartz damals in Verhandlungen versucht, Google zur Lizenzierung von Java zu bewegen. Schwartz selbst habe Android als „unautorisierten Java-Fork“ bezeichnet.

Am heutigen Dienstag, dem siebten Prozesstag, wird die Befragung Catz‘ fortgesetzt.

 



Update vom 13. Mai 2016:

Die Rache der Normalos an den Nerds

Im Prozessverlauf sind mittlerweile prominente Zeugen vorgeladen worden. Jonathan Schwartz (der ehemalige Sun CEO), Eric Schmidt (aktueller Alphabet Chairman und ehemaliger Google CEO) und Android-Erfinder Andy Rubin haben sich den Oracle- und Google-Anwälten gestellt.

Viel Neues kam dabei nicht zu Tage. Aus der Mottenkiste hervorgeholt wurde Jonathan Schwartz’ (mittlerweile gelöschter) Blog-Post, in dem er Google zur Lancierung der Android-Plattform gratulierte – von Google natürlich so gedeutet, als habe Schwartz keine juristischen Einwände gegen Android gehabt.

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Eric Schmidt sagte aus, man sei bei Sun überzeugt gewesen, Java ohne Lizenz von Sun implementieren zu können. „Auf welcher Basis waren sie davon überzeugt“, so der Oracle-Anwalt. „Auf der Basis von 40 Jahren Erfahrung.“

Andy Rubin wurde der Zeitdruck unter die Nase gerieben, mit dem Android zum Erfolg geführt werden sollte. Denn um die Ecke wartete Apple mit seinem iPhone. Fette 8 Millionen US-Dollar wurden Rubin vertraglich zugesprochen, sollte das erste Android-Phone in einem gewissen Zeitrahmen ausgeliefert werden. War es da nicht so, dass man lieber Lizenz-Streitigkeiten in Kauf nahm, als Zeit zu verlieren?, so die Suggestivfrage der Oracle Anwältin.

Verfolgt man die Dialoge zwischen Anwälten und Zeugen – beispielweise hat Ars Technica einige Transkripte veröffentlicht [1], [2], [3] –, so umfängt einen als IT Professional unwillkürlich ein mulmiges Gefühl. Gerungen wird schließlich um die brennend heiße Frage, wie man als Entwickler zukünftig mit APIs umzugehen hat. Sollte sich die Oracle Position durchsetzen, dass APIs erstens durchaus dem Copyright unterliegen können (soweit hatte sich ein Bundesgericht ja bereits festgelegt), zweitens massive Geldbeträge durch entsprechende Urheberrechtsklagen gewonnen werden können (genau das steht im aktuellen Prozess auf dem Spiel), könnte das ein empfindlicher Schlag für die Open-Source-Bewegung darstellen. Siehe: 3 Big Changes That Could Come if Oracle Wins Its API Lawsuit With Google.

Das ungute Gefühl nun kommt aber eigentlich daher, dass die Debatten vor Gericht auf einem solch niedrigen Niveau abzulaufen scheinen, das von technologischem Unverständnis nur so strotzt. So werden immer wieder zweifelhafte Vergleiche herangezogen, um der fachfremden Jury, den Anwälten und dem Richter zu veranschaulichen, was denn nun ein API eigentlich ist.

Ein API ist der „Hamburger“ auf der Speisekarte eines jeden Schnellrestaurants. Die realen Hamburger mit ihren unterschiedlichen Zubereitungsweisen auf den Tellern der Gäste sind die verschiedenen Implementierungen. So die Metapher von Schwartz. Alles klar, liebe Jury?

Fast ungehalten wurde Schwartz, als er einem Oracle-Anwalt den Unterschied zwischen einem Google Alert und einem Blog-Post erklären musste.

Vielleicht hat also Sarah Jeong in ihrem Artikel „In Oracle v. Google, a Nerd Subculture Is on Trial“ ein Fünkchen der Wahrheit erkannt, wenn sie im Prozess die Rache der „Normalos“ in Anzügen an den Praktiken der Silicon Valley Nerd-Kultur sieht:

Oracle v. Google is the revenge of the normals, bringing a hammer down on the customs and practices that the nerds decided for themselves.

But Oracle v. Google does nothing to disabuse the nerd of the conviction that they are right, and that the copyright law forged by the normals is an unrigorous wishy-washy piece of nonsense. Because in this case, the law really is completely out of touch with what the technology actually is, with reality itself.

Unter diesen Umständen darf an einem ausgewogenen Ausgang des Prozesses, der sich an der Sache (Copyright für APIs?) orientiert, gezweifelt werden. Es geht darum, welche Metapher der Jury am verständlichsten erscheint.



Originalartikel vom 11. Mai 2016:

Oracle versus Google: Zweiter Android-Prozess hat begonnen

Der Rechtsstreit zwischen Oracle und Google geht in die nächste Runde: Die beiden IT-Riesen stehen sich diese Woche erneut wegen vermeintlicher Copyright-Verstößen in Googles Android-Plattform gegenüber. Dieses Mal geht es um die Frage, inwiefern Googles Nutzung von 37 Java APIs in Android als „angemessene Verwendung“ (Fair Use) gelten kann.

Oracle macht in der Auseinandersetzung geltend, Google habe bei der Entwicklung des Android-Betriebssystems illegitimen Gebrauch von Java APIs gemacht, ohne Lizenzgebühren an Oracle abzuführen. Der Rechtsstreit begann bereits 2010 mit einer Copyright- und Patentrechtsklage, die zunächst beide von einem Bezirksgericht zurückgewiesen wurden. Insbesondere hatte der zuständige Richter William Alsup befunden, APIs könnten generell nicht urheberrechtlich geschützt werden – eine Entscheidung, die allerdings 2014 in nächster Instanz von einem Berufungsgericht auf Bundesebene revidiert wurde.

Der Versuch Googles, diese Revidierung vor dem Obersten Gerichtshof der USA anzufechten, wurde im Juni 2015 zurückgewiesen. Das Urteil des Bundesgerichtshofes zugunsten Oracles wurde damit bestätigt.

Fair Use

Im aktuellen Prozess bleibt Google nun die Option, wieder auf Bezirksgerichtsebene auf „Fair Use“ zu plädieren, also dafür, dass die besagten 37 Java APIs nicht einfach kopiert wurden, sondern eine irgendwie geartete kreative Erweiterung darstellen bzw. der Anregung geistiger Produktionen dienen.

Genau daraufhin arbeitete Googles Anwalt Robert Van Nest in der Anhörung am Montag. Google habe mit der Übernahme der Java APIs in Android keineswegs eine „Abkürzung“ genommen, aus der es entscheidende Wettbewerbsvorteile gewonnen hätte, argumentierte Van Nest. Stattdessen hätten Google-Ingenieure, gedeckt durch Millionen-Investitionen, in jahrelanger Arbeit eine bisher ungesehene Plattform für Smartphones und Tablets erschaffen – auf der Basis von Java, das von Sun Microsystems als offene und frei zu nutzende Sprache lanciert worden sei.

Die von Oracle eingeklagten APIs seien dabei nur ein winziger Bestandteil – 11.000 Codezeilen, die „weniger als ein Zehntel eines Prozentes“ der 15 Millionen Android-Codezeilen ausmachten. Zudem sei die Nutzung der Java APIs in Android „transformativ“, d.h. nur in Kombination mit den 130 Android API Packages sinnvoll zu betrachten. Die Eigenschaft „transformativ“ ist ein Schlüsselelement bei der Entscheidung, ob ein Fall unter die „Fair Use“-Klausel fällt.

Wie viel sind 11.000 Zeilen Code?

Ganz anders stellte Oracles Anwalt Peter Bicks die Sachlage dar. Google habe bewusst eine Überschreitung der Urheberrechtsbestimmungen in Kauf genommen. Ars Technica zitiert den Oracle-Anwalt wie folgt:

Google, one of the largest and most sophisticated companies in the world, made a deliberate business decision not to take a license and to copy and use oracle’s valuable software illegally. Why? Huge profits.

Die 11.000 Zeilen Code seien durchaus keine Bagatelle. In einem gewagten Vergleich bemühte Bicks die Apollo-Mondlandung, die mit weniger als 11.000 Codezeilen bewältigt worden sei.

Free APIs

Während Oracle also bemüht ist, Google als Einzeltäter darzustellen, spielt Google die Karte des Vertreters der freien Software-Welt, dem es um die Verteidigung von freien APIs gehe. Wo hier die Wahrheit liegt, soll nun ein Bezirksrichter und eine fachfremde Jury entscheiden.

Aufmacherbild: Fight von Shutterstock / Urheberrecht: rangizzz

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Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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2 Kommentare auf "Oracle versus Google: Google gewinnt den Android-Prozess! [Update]"

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Jochen
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„um die früheren Aussagen von Ex-Oracle CEO Jonathan Schwartz zu entkräften.“

Jonathan Schwartz war CEO von SUN vor der Übernahme durch Oracle, aber niemals CEO von Oracle.