Oracle versus Google: Java-Unterricht für Android-Richter

Hartmut Schlosser

Einen Schritt weiter ist man offenbar im Rechtsstreit zwischen Oracle und Google wegen Android gekommen. Am vergangenen Mittwoch berief der zuständige Richter William Alsup vom U.S. District Court in San Franciso Anwälte beider Parteien ein, um sich einen genauen Überblick von der komplexen Thematik des Falls zu verschaffen.

Wie IT-World berichtet, hatten die Anwälte jeweils 30 Minuten Zeit, dem Richter für den Fall wichtige Technologien zu erläutern. Was Java ist und wozu es erfunden wurde gehörte ebenso dazu, wie die Klärung der Begriffe Bytecode, Compiler, Klassen-Bibliothek und maschinenlesbarer Code.

Ein Technologie-Tutorial für einen Technologie-Laien, der über Technologie-Patente entscheiden soll, könnte man meinen. Dementsprechend soll es in der Voranhörung zum großen Teil um Java-Basics gegangen sein. Oracles Anwalt Michael Jacobs erklärte, wie Entwickler überhaupt Java Code schreiben und mittels Compiler in Bytecode verwandeln. Dieser Bytecode werde dann von jedem beliebigen Computer verstanden, auf dem die Java Virtual Machine installiert ist. „Write once, run anywhere“ for Dummies?

Oracle-Anwalt Jacobs Strategie bestand offenbar darin, die Ähnlichkeiten zwischen den Android- und Java-Programmiermodellen zu betonen. Auch Android-Entwickler kodierten in Java und wandelten den Code mittels eines Compilers um, erklärte Jacob. Zwar seien die erzeugten .dex-Dateien nicht für die JVM sondern für Googles Dalvik Virtual Machine, das Prinzip sei aber dasselbe.

Our basic contention is that having chosen that architectural similarity — and we’ll prove this at trial — [Google] didn’t have much choice other than to embody the inventions in these patents in Android. Michael Jacobs, Oracle

Googles Anwalt Weingaertner betonte hingegen, dass die Virtual Machines bereits seit den 1960er Jahren im Umlauf seien – Suns JVM von 1994 sei deshalb keine bahnbrechende Innovation gewesen. Die Erfindungen in Oracles-Patenten seien lediglich „efficency improvements“, die keinen zentralen Stellenwert im Java-Modell einnähmen.

Uneinigkeit herrschte auch darüber, wie die von Oracle eingeklagten Patente interpretiert werden sollten. Zur Diskussion standen die Patente 104, 702 und 520. Unterschiedliche Sichtweisen offenbarte zudem die Frage, wie weit Google Änderungen am Android-Code von Seiten der Gerätehersteller zulasse. Googles Weingaertner versichte hier, dass es Herstellern gestattet sei, den Code beliebig zu modifizieren.

Oracles Jacobs bezeichnete die Änderungsmöglichkeiten hingegen als sehr begrenzt. Google halte Entwickler stark dazu an, keinen eigenen Quellcode zu implementieren. Auch in dieser Hinsicht seien sich Oracle und Google nicht so unähnlich.

We see both companies aiming at very similar things. We aim at Java compatibility, they aim at Android compatibility,“ Michael Jacobs, Oracle

Zum Schluss dieses kleinen Technologie-Tutorials dankte Richter Alsup den Anwälten – sie hätten „sehr gute Arbeit geleistet“. Die Voranhörung soll Alsup auf die Markman-Anhörung in zwei Wochen vorbereiten, bei der es zu klären gilt, wie die Sprachformulierungen in den Oracle-Patenten zu interpretieren sind. Das Hintergrundwissen könne außerdem in der möglichen Gerichtsverhandlung nützlich sein, falls die beiden Parteien nicht zu einer außergerichtlichen Einigung gelangten.

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Hartmut Schlosser
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