Auf der CloudWorld in München

Oracle stellt Weichen für die Cloud

Sebastian Meyen

Mit seiner Tournee rund um den Erdball, die gestern mit ihrem Münchener Auftritt zu einem Abschluss kam, präsentierte sich Oracle als frisch gebackenes Cloud-Unternehmen. Hatte die Ellison-Company lange Zeit noch mit dem Cloud-Hype eher gefremdelt und vielmehr auf sogenannte Appliances gesetzt – vorkonfektionierte Geräte, bei denen Hard- und Software eng aufeinander abgestimmt für einen dezidierten Zweck arbeiten – war die Botschaft in München nun eindeutig: Bei Oracle sind die Weichen für die Cloud gestellt.

Hierzu tourte man zuvor durch zehn Metropolen, von Los Angeles über Sydney bis Mumbai, und erreichte am 15. Mai schließlich die bayerische Hauptstadt. Um die erhebliche Bedeutung der Cloud-Ankündigungen zu unterstreichen, wurde durchaus illustres Personal aufgefahren – in München zum Beispiel Thomas Kurian (Executive Vice President, Product Development) und Mark Hurd (President, Oracle), beides Namen, die zumindest in Deutschland nicht allzu oft öffentlich in Erscheinung treten.

Oracle fährt zweigleisig

Um es vorweg zu nehmen – die Kernbotschaft der rund 1.000 Teilnehmer zählenden Veranstaltung im Westin Grand (Besuchern der W-JAX hinlänglich bekannt) lautete: Jegliche Software von Oracle wird es in Zukunft sowohl „On Premise“ (also im klassischen Lizenzgeschäft für’s eigene Rechenzentrum) als auch in der Cloud geben. Zu diesem Zweck werden weltweit aktuell sieben Rechenzentren betrieben, drei davon in Europa (Amsterdam, London, Schottland).

Im Detail bedeutet dies, dass Oracle daran arbeitet, sämtliche Komponenten seiner Business Applications (dazu gehören die Produktfamilien „Sales und Marketing“, „Customer Service und Support“, „Finance and Operations“, „Human Resources“) sowie Software-Infrastruktur wie etwa die Oracle-Datenbank oder den Java EE Server Weblogic in die Wolke zu bringen.

Dass man hier noch einen weiten Weg vor sich hat, konnten (und wollten) die Oracle-Verantwortlichen indes nicht verhehlen. Manche Services sind bereits in der Cloud, andere hingegen nur als Preview vorhanden und wieder andere werden erst zu einem späteren Zeitpunkt Cloud-fähig werden.

Die besonderen technischen Herausforderungen, die bei der Architektur der Oracle-Software zu meistern sind, beschrieb Kurian wie folgt: Bei klassischen Business-Anwendungen, die über Lizenzen vertrieben werden, halte man die Update-Frequenz bewusst gering; zu aufwändig sei es, die durch „Customizing“ vollzogenen Anpassungen ans spezifische Business der Kunden mit einer Aktualisierung der Basis-Software in Einklang zu bringen.

Bei SaaS hingegen rolle man jährlich bis zu drei Updates aus – weshalb man sich entschlossen habe, nicht von „Customizing“, sondern vielmehr von „Configurability“ zu sprechen. Für die Anwender bedeutet das, dass es bei der Cloud-Variante nicht mehr eine radikale Anpassbarkeit an die betriebsinterne Semantik geben wird; die Konfigurationsmöglichkeiten bieten zwar einen gewissen Grad der Anpassung an die eigenen Geschäftprozesse, aber keine maßgeschneiderte Lösung.

Oracles Cloud im Selbstversuch

Ein Blick auf cloud.oracle.com lässt Oracles Bestreben gewiss erkennen, sämtliche Dienste – ob Business-Anwendung oder Software-Plattform – in der Cloud anzubieten. Der Versuch, einen eigenen Account anzulegen, scheiterte allerdings. Im Selbstversuch wollte der Autor auf die Schnelle einen Weblogic-Server buchen und starten.

Das Versprechen der Public Cloud besteht ja nicht zuletzt darin, durch sogenannte Self-Service-Portale einen unkomplizierten und einfachen Zugang zu ermöglichen; bei Amazon Web Services oder auch bei Windows Azure lässt sich das vorbildlich studieren.

Während bei den letztgenannten also nur Registrierung und Identifizierung (im einen Fall über einen Telefon-Rückanfruf, im anderen über die Kreditkarte) notwendig sind, bevor man starten und seine eigenen virtuellen Rechner hoch- und runterfahren kann, sah ich mich bei Oracle als erstes mit einem „Kaufen“-Button konfrontiert; eine merkwürdige Terminologie für ein Cloud-Angebot, wo bei den anderen eher von „Registrieren“ und „Virtuellen Server starten“ die Rede ist.

Ich entschließe mich also, ein Produkt namens „Java S1“, den mit 197 Euro im Monat günstigsten Java-Server, zu „kaufen“. Nun offenbart mir das System, dass ich zuvor einen „Oracle Database Cloud Service“ zu erwerben hätte (Kostenpunkt: 138 Euro), und auch hier stimme ich zu. Was jetzt aber auf der Website unauffindbar ist, ist der abschließende Kaufen-Button. Macht nichts, ich wähle den Live-Chat mit dem Vertrieb und frage mal nach.

 Statisches Preismodell pro Server und Monat in der Oracle-Cloud

Beispielrechnung für einfache Serverkonfiguration, basierend auf flexiblem Preismodell

Auch bei Microsoft werden Rechnungen nur aufgrund der konkreten Nutzung geschrieben

Zuvor muss ich mich aber mit Name, Firma und E-Mail-Adresse registrieren und werde nach meinem Interesse gefragt. Da „Cloud“ in den Optionen nicht vorgesehen ist, wähle ich „Datenbank“. Der Service-Mitarbeiter, der kurze Zeit darauf im Chat erscheint, weiß mir leider nicht helfen – „Haben Sie sich schon mal mit dem Support in Verbindung gesetzt?“ Mein Problem besteht ja darin, dass ich noch kein technisches Problem haben kann, weil ich ja noch gar keine Technik habe!

Dieser kleine Selbstversuch demonstriert: Das Cloud-Geschäft erfordert ein radikal anderes Vertriebsmodell als das herkömmliche Verkaufen von Lizenzen. Dort, wo Amazon und auch Microsoft beeindruckende Maßstäbe setzen, steht man bei Oracle derzeit noch am Anfang.

Oracles Botschaft

Die Botschaft der CloudWorld wurde dennoch klar: Oracle investiert massiv in den Cloud-Sektor und setzt dabei auf maximale Wahlfreiheit für die Anwender. Jedes Stück Software, das in der Cloud läuft, lässt sich auch im hauseigenen Rechenzentrum betreiben und vice versa. „Ein Weblogic Server in der Cloud ist das gleiche wie ein Weblogic Server on premise“, wie es Thomas Kurian formulierte.

Dass man dabei nicht nur den Großkunden im Visier hat, sondern auch den kleinen Kunden, der „mal eben“ einen virtuellen Server, bezahlt aus der Portokosse, aufsetzen möchte – sei es für besondere Aufgaben, sei es zum Test oder zum produktiven Betrieb -, bestätigte Kurian ebenfalls auf Nachfrage.

Geschrieben von
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen ist Chefredakteur des Java Magazins sowie des Eclipse Magazins. Außerdem trägt er die Verantwortung für Programm und Konzept sämtlicher JAX-Konferenzen weltweit. Er begleitet so die Java-Community journalistisch schon fast seit ihren Anfängen. Bevor er zur Software & Support Media GmbH kam, studierte er Philosophie in Frankfurt.
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