Java EE ohne Oracle?

„Aus meiner Sicht könnte sich Oracle komplett von Java EE zurückziehen“ [Interview mit Adam Bien]

Hartmut Schlosser

Adam Bien

Verschiedene Community-Mitglieder haben in den letzten Wochen auf das schwindende Engagement Oracles für die Fertigstellung von Java EE 8 hingewiesen. Darunter auch Adam Bien, Java Champion und Sprecher auf dem Java Enterprise Summit, mit dem wir uns über die Zukunft von Java EE unterhalten haben.

Java EE ohne Oracle?

Unter dem Namen „Java EE Guardians“ hat sich mittlerweile eine Gruppe von Community-Vertretern formiert, die sich offen gegen eine Vernachlässigung von Java EE positioniert. Unter den Mitgliedern findet sich u.a. Prominenz wie James Gosling, Cameron McKenzie, Peter Pilgrim, Johan Vos und Reza Rahman (einer der treibenden Kräfte hinter den Guardians).

Das Mission-Statement der Gruppe lautet:

We are a group of people interested in moving Java EE forward. We are very concerned about Oracle’s current lack of commitment to Java EE and we are doing everything we can to preserve the interests of the Java EE community. Our purpose is advocacy, raising awareness, finding solutions, collaboration and mutual support. We believe that together – including Oracle – we can prove that this is the dawn of a new era for an ever brighter future for Java, Java EE and server-side computing.

Auch Adam Bien hat in seinem Blogpost „Oracle Moves In Strange Ways„die Frage aufgeworfen, warum Oracle sich derzeit von Java EE zurückzuziehen scheint. Schon Oracles Aufgabe des kommerziellen Supports für die Java-EE-Referenzimplementierung Glassfish hätten viele Kunden verunsichert. Jetzt würden auch Nutzer von Oracles WebLogic-Server nervös:

The Oracle’s silent, internal, re-focussing on other projects makes WebLogic clients nervous again. The larger the project, the more important becomes Java EE standard for portability. Usually no one switches between the servers during development, but server upgrades are usual. Maintaining the portability between server releases is critical. Proprietary features can become deprecated at every server release (see e.g. file services), but suddenly nothing can disappear from Java EE.

Wir haben uns mit Adam Bien über die Zukunft von Java EE unterhalten, in der möglicherweise die Community und nicht Oracle die Hauptrolle spielen wird.

Interview mit Adam Bien

JAXenter: Hallo Adam! Wir wollen uns ein wenig über den aktuellen Zustand von Java EE unterhalten. In einem Interview auf der JAX hast du kürzlich gesagt, dass Java-EE-Technologie einfacher geworden als JavaScript. Ist das „einstige Schwergewicht Java EE“ also mittlerweile ein Leichtgewicht geworden?

adam_bien

Adam Bien

Adam Bien: Am Anfang eines modernes HTML5/JavaScript-Projektes ist man mehrere Stunden bis wenige Tage mit dem Setup beschäftigt. Im Gegensatz dazu benötigt ein Java-EE-Projekt kaum Zeit für die initiale Einrichtung. In wenigen Minuten ist bereits alles erledigt. Für die gesamte Einrichtung habe ich die ersten 10 Minuten unseres Workshops auf dem Java Enterprise Summit geplant.

JAXenter: Nun hat sich unter dem Namen Java EE Guardians eine Gruppe gebildet, die Java EE weiterbringen möchte. Dort ist z.B. zu lesen: „We are very concerned about Oracle’s current lack of commitment to Java EE.“ Teilst du diese Bedenken um die Zukunft von Java EE?

Aus meiner Sicht könnte sich Oracle komplett zurückziehen.

Adam Bien: Nur teilweise. Es ist offensichtlich, dass die meisten EGs bei Oracle mit anderen Aufgaben beschäftigt sind. Aus meiner Sicht könnte sich Oracle auch komplett zurückziehen. In diesem Fall sollte die Community in der Lage sein, die JCP-Aufgaben zu übernehmen.

JAXenter: Wenn Oracle hier gerade wenig aktiv ist – wie kann die Community das Thema Java EE voran bringen?

Adam Bien: Die Community hat schon sehr viel übernommen. CDI wird von RedHat erfolgreich geführt, und in der Security Spec wird bereits die Referenz-Implementierung von der Community bereitgestellt. Das Caching API wird auch von Hazelcast vorangetrieben.

JAXenter: Nun hast du auf deinem Blog kürzlich beschrieben, dass Oracles Beteiligung an Java EE 8 zurückgegangen ist. Kann die Community das kompensieren? Du selbst erwähnst ja Probleme für WebLogic-Kunden.

Adam Bien: Früher wäre es undenkbar. Allerdings ist Java EE 7 ausgereift und beliebt. Java EE 8 wird auch keine Revolution mehr. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass man Java EE 9 mit relativ wenig Ressourcen weiterentwickeln könnte. Anstatt von aufwändigen Spezifikationen könnte man auch auf schlanke Dokumente und aussagekräftige Tests setzen. Rod Johnson hat es bereits in 2009 vorgemacht und die gesamte Spezifikation in vier Monaten fertiggestellt.

Es gibt mittlerweile erstaunlich viele Java EE Startups, Entrepreneurs und Enthusiasten, die bereit sind, Zeit und Geld zu investieren. Ich werde immer wieder von der tatsächlichen Größe der Java EE Community positiv überrascht.

Java EE bringt ein Stück Freiheit mit.

Auch WebLogic-Kunden machen sich ungern von WebLogic abhängig. Proprietäre Lösungen können sich jederzeit ändern. Das gilt auch für Lizenzmodelle. Java EE bringt ein Stück Freiheit mit. In Worst-Case könnte man auf einen anderen Server migrieren.

JAXenter: Auf deinem Blog rätst du Oracle, Java EE als Killer Marketing Tool und nicht als Kosten-Center zu nutzen. Kannst du das ein wenig genauer erklären?

Adam Bien: Java EE ist ein Standard und somit kann es per Definition nicht alle Features der Hersteller abdecken. Gleichzeitig bringt Java EE genügend Features für die Realisierung von “langweiligen“ Enterprise-Anwendungen.

Man könnte WebLogic mit Java EE deutlich besser verkaufen.

Man könnte also WebLogic mit Java EE deutlich besser verkaufen. Die Anwendungslogik wäre völlig vom Server unabhängig, in Produktion könnte man dennoch die fortgeschrittenen Monitoring- und Verwaltungs-Werkzeuge verwenden.

Das gilt auch insbesondere für die Cloud, da hier die Abhängigkeit noch höher ist.

GlassFish hat in kurzer Zeit meine Java-EE-Projekte dominiert: die Mischung aus Referenz-Implementierung mit optionalem, kommerziellem Support hat viele Kunden angesprochen.

JAXenter: „Java EE – A Guide to the real life“ – so lautet der Titel deines Workshops auf dem Java Enterprise Summit. Es wird also um Best Practices für die Praxis gehen, oder? Kannst du den Lesern vielleicht eine kleine Kostprobe geben?

Adam Bien: Ich plane, eine Anwendung mit möglichst vielen Java-EE-7-Technologien zu entwickeln und diese zunächst auf den Applikationsserver, dann mit Docker zu deployen. Der Fokus liegt dabei auf „Real World“ – also möglichst hohe Produktivität und gute Wartbarkeit.

Fragen der Teilnehmer haben, wie immer, eine hohe Priorität und werden sofort beantwortet. Die Agenda wird durch die Teilnehmer maßgeblich beeinflusst.

Lesen Sie auch: JAX TV mit Adam Bien: “Java EE ist einfacher als JavaScript”

JAXenter: Was würdest du dir für Java EE 9 wünschen?

Adam Bien: Ich bin bereits mit Java EE 6 sehr zufrieden. Ich finde, wir sollten uns zunehmend auf die nichtfunktionalen Anforderungen wie Deployment, Monitoring und Management konzentrieren.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

adam_bienConsultant and author Adam Bien is an Expert Group member for the Java EE 6 and 7, EJB 3.X, JAX-RS, and JPA 2.X JSRs. He has worked with Java technology since JDK 1.0 and with Servlets/EJB 1.0 and is now an architect and developer for Java SE and Java EE projects. He has edited several books about JavaFX, J2EE, and Java EE, and he is the author of Real World Java EE Patterns – Rethinking Best Practices and Real World Java EE Night Hacks – Dissecting the Business Tier. Adam is also a Java Champion, Top Java Ambassador 2012, and JavaOne 2009, 2011, 2012, 2013 and 2014 Rock Star. Adam occasionally organizes Java EE workshops at Munich’s airport (http://airhacks.com).

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Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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