Mobile Welten

Oracle gegen Google

Kay Glahn

Am 12. August hat Oracle Klage gegen Google eingereicht. Oracle beschuldigt Google in Bezug auf die auf Java basierenden Dalvik Virtual Machine des Android-Betriebssystems Patente und Urheberrechte verletzt zu haben, die Oracle mit der Übernahme von Sun Microsystems Anfang des Jahres erworben hat: „Bei der Entwicklung von Android hat Google wissentlich, direkt und wiederholt das geistige Eigentum von Oracle, das mit Java in Zusammenhang steht verletzt.“

Hierbei geht es vor allem um folgende Patente:

  • United States Patent No. 6,125,447 (Protection Domains to Provide Security in a Computer System)
  • US Patent No. 6,192,476 (Controlling Access to a Ressource)
  • US Patent No. 5,966,702 (Method and Apparatus for Preprocessing and Packaging Class Files)
  • US Patent No. 7,426,720 (System and Method for Dynamic Preloading of Classes Through Memory Space Cloning of a Master Runtime System Process)
  • US Patent No. RE38,104 (Method and Apparatus for Resolving Data References in Generate Code)
  • US Patent No. 6,910,205 (Interpreting Functions Utilizing a Hybrid of Virtual and Native Machine Instructions)
  • US Patent No. 6,061,520 (Method and System for Performing Static Initialization)

Android auf dem Prüfstand

Java Magazin

Der Artikel „Oracle gegen Google“ von Kay Glahn erschien erstmals im Java Magazin 11.2010. Google hat mittlerweile eine Nachuntersuchung von vier der von Oracle angeführten Patentrechtsverletzungen beantragt.

Kay Glahn ist übrigens auch der Moderator des Mobile Day auf der JAX 2011, auf dem die neuesten Trends bei Android, iPhone und Co. vertieft werden können.

Außerdem beschuldigt Oracle Google auch, Copyright an Code, Spezifikationen, Dokumentationen und sonstigem Material verletzt zu haben. Zudem wird Google vorgeworfen, dass man über die Verletzung der Patente informiert war, da man Mitte des Jahrzehnts frühere Sun-Java-Ingenieure angestellt hat. Hierzu ist anzumerken, dass auch der heutige Google CEO Eric Schmidt früher bei Sun die Java-Entwicklung geleitet hat, bevor er CTO bei Sun wurde.

Oracle fordert in seiner Klageschrift, dass Google Schadensersatz leisten solle und dass alle Geräte, die die Android-Plattform einsetzen, beschlagnahmt und zerstört werden sollen. Oracle bezeichnet Google in seiner Klageschrift als direkten Konkurrenten, der mit Android gegen Oracles eigene Java-Implementierung für Smartphones antrete.

Java-Erfinder James Gosling, der Oracle im April verlassen hatte, schreibt in seinem Blog, dass er und andere ehemalige Sun-Mitarbeiter während der Integrationsgespräche zwischen Sun und Oracle „gegrillt“ worden seien, als das Thema Java in Bezug auf Android zur Sprache kam. Goslings Team habe das Leuchten in den Augen der Oracle-Anwälte beobachten können. Gosling bedauert, dass eines seiner Patente (RE38, 104) Teil der Klage sei und hofft, nicht allzu sehr in die Sache hineingezogen zu werden.

Reaktion war zu erwarten

Wer die hitzigen Diskussionen zwischen Apache und Sun im JCP in den letzten Jahren mitverfolgt hat, dürfte über das rechtliche Vorgehen von Oracle gegen Google nicht sonderlich verwundert sein, denn Androids Anwendungsplattform basiert überwiegend auf dem Harmony-Projekt von Apache. Obwohl die Entscheidung für die proprietäre Dalvik VM oft damit begründet wird, dass es sich im Gegensatz zur Java VM um eine für den Einsatz auf mobilen Geräten optimierte VM handelt, war wohl von Anfang an auch ein wichtiger Grund, dass man rechtlichen Streitigkeiten mit Sun aus dem Weg gehen wollte. Sun hatte zuvor über einen langen Zeitraum mit aller Vehemenz und entgegen den Regeln des JCPs verhindert, dass Apache eine uneingeschränkte Java-SE-TCK-Lizenz für die Harmony-Implementierung bekommt und hat versucht, durch die so genannte Field-of-Use Restriction bewusst den Einsatz Apaches Open-Source-Implementierung der Java SE auf mobilen Endgeräten zu verhindern, ohne aber ein eigenes Produkt in diesem Bereich zu etablieren.

Man wollte hiermit offensichtlich einen möglichen Konkurrenten für die Java ME, die im JCP standardisiert wird und inzwischen auf rund drei Milliarden mobilen Geräten installiert ist, ausschalten. Denn die Java ME war die eigentliche Cash Cow in Suns Java-Portfolio. Während sich die Einnahmen aus der Java SE eher in Grenzen hielten, hat Sun mit den Lizenzgebühren für die Java ME auf Mobiltelefonen einen nicht zu vernachlässigenden Teil seiner Einnahmen in der Java-Sparte erzielt. Ein Open Source Java SE auf mobilen Endgeräten hätte Suns komplettes Geschäftsmodell gefährdet.

Google hat sich mit dem Trick, den Java-Bytecode in Dalvik-Code zu konvertieren und auf einer eigenen VM auszuführen, geschickt aus der Affäre gezogen. Man darf zwar die Android-Anwendungsplattform nicht Java nennen, aber die Entwicklung erfolgt eben in der Java-Sprache. Google hat mit Android inzwischen eine erfolgreiche mobile Plattform etabliert, die laut Canalys Research inzwischen einen weltweiten Marktanteil von 17 Prozent im Smartphone-Segment verzeichnet. Obwohl Sun eigentlich von Anfang an der Auffassung war, dass bei Android Suns geistiges Eigentum unberechtigt verwendet wird, ist man nicht dagegen vorgegangen. Hierfür mag es verschiedene Gründe geben. Ob nun Sun seinerzeit mit internen Problemen beschäftigt war und man sich deshalb nicht mit dem übermächtig erscheinenden Google anlegen wollte oder ob man gezielt erst einmal abwarten wollte, wie sich die Android-Plattform im Markt etabliert, ist nicht wirklich klar. Ein rechtliches Vorgehen gegen die Open-Source-Plattform hätte vermutlich auch Suns Ruf als Verfechter des Open-Source-Ansatzes geschadet.

Auch Apple geht gegen Android vor

Die rechtlichen Vorbereitungen wurden allerdings bereits vorher getroffen. Interessanterweise wurden diese von Noreen Krall geleitet, Suns früherer Anwältin für geistiges Eigentum. Sie ist seit diesem Jahr Senior Director for Intellectual Property and Litigation bei Apple. Und so überrascht es auch nicht, dass Apple bereits im März den Smartphone-Hersteller HTC verklagt hat, weil dessen Android-basierte Geräte angeblich Patente von Apples iPhone verletzen. Google wurde in diesem Zusammenhang noch nicht verklagt, hat aber zugesagt, dass man diesbezüglich hinter Android und den Industriepartnern der Open Handset Alliance stehe.

Für die Entwicklergemeinde und für den Fortschritt der mobilen Industrie insgesamt war es wohl ein Glück, dass Sun Android bisher nicht gestoppt hat. Dass Oracle nach der Übernahme von Sun Anfang des Jahres nun seine Rechte durchsetzen will, war zu erwarten. Denn man hat mit der Übernahme quasi auch ein noch ausstehendes Gerichtsverfahren mit erworben. Wenn das allerdings bedeuten würde, dass Android nicht weiter existiert, wäre das vor allem für die Entwicklergemeinde, die viel in diese Plattform investiert hat, ein herber Verlust. Es ist jedoch zu vermuten, dass es letztendlich zu irgendeinem Deal zwischen Oracle und Google kommen wird. Es gibt auch Vermutungen, dass Oracle die Klage eingereicht hat, um bei bereits bestehenden Lizenzverhandlungen ein zusätzliches Druckmittel zu haben, um höhere Lizenzgebühren aushandeln zu können.

Ein mögliches Szenario hierbei wäre, dass Google Java lizensiert und man dann als Entwickler nicht nur in Java entwickelt, sondern auch ganz offiziell Java-Applikationen auf Android ausführt, aber weiterhin die Android APIs verwendet. Dies könnte dazu beitragen, dass die Java SE und das abgespaltene Android-Java wieder in einer gemeinsamen Linie weiterentwickelt werden. Ein anderes Szenario wären jahrelange Rechtsstreitigkeiten wie damals zwischen Sun und Microsoft wegen der Verletzung der Java-Lizenz durch proprietäre Erweiterungen für die Windows-Plattform. Microsoft hat den Streit letztendlich beendet, indem man mit C# und der Common Language Runtime (CLR) eine eigene Sprache und VM geschaffen hat. Die eigene VM hat Google bereits vorweggenommen, doch an Java hat man bisher zur Freude vieler Entwickler festgehalten. Doch vermutlich könnte Google auch problemlos eine neue Sprache für die Dalvik VM einführen, wenn man sich aus der Abhängigkeit von Oracle befreien wollte.

Der Gartner-Analyst Mark Driver gibt folgende Empfehlung für Android-Entwickler heraus: „Abhängig von den möglichen Ausgängen dieses Verfahrens, glaubt Gartner, dass die langfristige Zukunft von Java auf Android beschränkt sein könnte. Alternativen sind in Betracht zu ziehen und zukünftige Investitionen entsprechend zu planen.“

Für Entwickler und auch Gerätehersteller erzeugt die Situation durchaus eine gewisse Unsicherheit, denn beide haben in den letzten Jahren viel in die Android-Plattform und in die Entwicklung von Anwendungen investiert. Jetzt sind der Ausgang des Rechtsstreits und die Folgen für Android und Java schwer abzusehen. Wollen wir hoffen, dass die Sache für Android gut ausgeht und die offene mobile Plattform – egal ob mit getarntem oder offiziellem Java – ihren Erfolg fortführen kann.

Kay Glahn ist unabhängiger IT-Berater mit den Schwerpunkten mobile Applications und Services. Er berät internationale Kunden bei der Umsetzung von Projekten im Mobile-Bereich.
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Kay Glahn
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