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Interview mit Bernd Rücker

Neue Freiheiten durch Adaptive Case Management?

Redaktion JAXenter

Der Begriff ACM – Adaptive Case Management – geistert seit geraumer Zeit als neues Schlagwort durch die Szene. Worum es dabei geht – und warum viele Unternehmen aufgrund fehlender Prozessautomatisierung immense Einspar-Effekte verpassen, haben wir mit JAX-Speaker Bernd Rücker (camunda services GmbH) besprochen.

Was versteht man unter Adaptive Case Management – kurz ACM? 

Bernd Rücker: Prinzipiell geht es beim Case Management darum, dass Fälle (also Cases) bearbeitet werden. Dies passiert durch den sogenannten „Wissensarbeiter“, damit wird also der Mensch in den Vordergrund gerückt. Dementsprechend gibt es bei der Fallbearbeitung viele Freiheitsgrade für den Menschen. Dies grenzt das Case Management deutlich vom Workflow Management ab, wo eher standardisierte Prozesse vorherrschen, bei denen Aufgaben (und auch Menschen) in einer klaren Reihenfolge eindeutigen Regeln folgen. Das wirklich adaptive Case Management steht aber heute noch kaum im Fokus.

Ich verstehe darunter, dass Case-Management-Systeme neue Situationen adaptieren und sogar selbst lernen können. Wir kennen heute vor allem „dynamisches“ Case Management. Dabei werden Cases nach durchaus vordefinierten Aktivitäten abgearbeitet, trotzdem hat der Mensch aber eben viel Einfluss und bestimmte Freiheitsgrade. Als Marketingbegriff hat sich aber für alle Arten des Case Managements das Akronym „ACM“ durchgesetzt, auch wenn es nicht wirklich korrekt ist.

Bernd Rücker wird in seinen Sessions auf der JAX 2015 anhand seiner Projekterfahrungen über BPM-Architekturen sprechen und sich dem „Schreckgespenst Case Management“ mit konkreten Beispielen annähern. Dabei wird er auch das Adaptive Case Management (ACM) mit Business Process Management bzw. Workflow Engines in Beziehung setzen.JAX 2015

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Auf der JAX verbindest du ACM mit Business Process Management bzw. Workflow Engines. Kannst du anhand eines Beispiels beschreiben, wie das funktionieren kann?

Bernd Rücker: Im realen Leben haben viele Prozesse stark strukturierte Teile, die eine Workflow Engine steuern kann. Aber es gibt auch Phasen, in denen der Mensch das Steuer übernimmt. So zum Beispiel das „Underwriting“ bei Versicherern, also die Entscheidung, ob eine Police ausgegeben wird oder nicht. Der Eingang eines Antrages, Bonitätsprüfungen sowie das Routing zum richtigen Wissensarbeiter passieren dabei automatisiert als Workflow – wobei der Standard BPMN (Business Process Model and Notation) zum Einsatz kommt. Die eigentliche Entscheidung hängt dann aber an vielen Faktoren. Vielleicht möchte der „Underwriter“ noch Rückfragen an den Kunden oder seinen Hausarzt stellen bzw. Spezialisten hinzuziehen. Das ist aber ihm selbst und seiner Erfahrung überlassen. Hier gibt es einen eigenen Standard, die CMMN (Case Management Model and Notation).

Dabei werden mögliche Aktivitäten vordefiniert und Bedingungen formuliert, wann welche dieser Aktivitäten möglich oder auch unmöglich sind. Dies nimmt den Wissensarbeiter an die Hand, ohne ihn zu gängeln. CMMN kann wie BPMN auch auf einer Engine ausgeführt werden, so dass diese die Liste der Aufgaben und möglicher Aktivitäten führt.

Ihr selbst habt mit Camunda BPM ja ein komplettes Workflow-Management-System am Start. Wie lassen sich damit die Anforderungen an ACM umsetzen?

Bernd Rücker: Unsere Engine kann neben BPMN auch CMMN ausführen. Damit kann man unstrukturierte Prozessteile sehr einfach in CMMN beschreiben und mit BPMN verknüpfen (und andersherum). Wenn es passt, können weiterhin Komponenten wie die Aufgabenliste direkt verwendet werden, wobei Aufgaben dann sowohl aus Prozessen als auch aus Cases stammen können. Dank unserer offenen Architektur können aber auch eigene Oberflächen sehr einfach umgesetzt werden. So kann man auch für den Wissensarbeiter ideal passende Oberflächen umsetzen. Im Task Management können völlig flexibel zur Laufzeit Aufgaben erzeugt und auch delegiert werden, so dass der Wissensarbeiter Freiheiten bekommt, die noch über das CMMN-Modell hinausgehen.

Wo liegen derzeit noch die Grenzen?

Bernd Rücker: Momentan gibt es noch keine Standardisierung im Bereich der wirklichen Adaptivität, und es gibt auch noch wenig Erfahrungen damit.  Dafür tummelt sich unter dem Schlagwort ACM aktuell irgendwie alles und nichts. Das birgt die Gefahr, den Begriff zu verbrennen. Echte Adaptivität dagegen macht vielen Unternehmen Angst, weil dann die Sichtbarkeit dessen verloren geht, wie Prozesse wirklich ablaufen. Dies kann zwar prinzipiell durch Methoden des Process Mining abgemildert gemacht werden. Das aber steckt wiederum noch in den Kinderschuhen.

In CMMN versteckt sich viel Komplexität in Bedingungen, welche aber im grafischen Modell nicht zu sehen sind. Hier muss sich noch zeigen, wie hilfreich die grafischen Modelle dadurch sind und wie die fehlenden Informationen gut aufbereitet werden. Zu guter Letzt wird aktuell noch kontrovers diskutiert, wie passende Oberflächen für den Wissensarbeiter aussehen und ob es überhaupt Sinn macht, diese generisch vorzufertigen (wie wir es von Tasklisten kennen).

Ich möchte aber auch erwähnen, dass bei den meisten Unternehmen noch genügend strukturierbare und damit mit BPMN automatisierbaren Prozesse noch gar nicht automatisiert sind. Da liegt ein großer Schatz, denn mit der Automatisierung können hier sofort Skaleneffekte realisiert werden. Hier ist es viel einfacher, Einsparungen zu erreichen, als unstrukturierte Prozesse mit Case Management zu unterstützen!

Was ich übrigens auch regelmäßig erlebe ist, dass Case Management angewendet wird, weil man es nicht schafft, die eigentlich strukturierbaren Prozesse auch wirklich umzusetzen – oft aus organisatorischen oder politischen Gründen. Natürlich kann Case Management ein Schritt auf dem Weg zum automatisierten Prozess sein, aber man sollte sich sehr bewusst machen, was für ein Problem man eigentlich vor der Nase hat.

Welche Weiterentwicklungen sind für Camunda BPM geplant?

Bernd Rücker: Wir werden für CMMN noch einen grafischen Modeler (basierend auf dem webbasierten Toolstack rund um http://bpmn.io) bereitstellen und CMMN noch besser mit BPMN verzahnen – auf der Ausführungsseite sind wir da bereits sehr weit. Wir fügen der camunda BPM-Plattform noch dieses Jahr auch DMN (Decision Model Notation) hinzu, welches sich um Business Rules Management kümmert. Dann werden wir Entscheidungstabellen standardkonform modellieren und automatisieren können.

Dabei wird natürlich Business-IT-Alignment und IT-IT-Alignment (ich meine damit DevOps, also vor allem Transparenz auch im Betrieb) eine große Rolle spielen. Es wird einen integrierten webbasierten Modellierungsstack geben, der Entwickler aber nicht verschreckt oder behindert. So können wir beispielswiese eine Chrome-App bereitstellen, die komplett ohne Browser und Server benutzbar ist. Damit können BPMN-, CMMN- und DMN-Dateien (jeweils XML) auch direkt per Doppelklick aus der IDE bearbeitet werden. Das alles gibt es natürlich auch weiterhin Open Source.

Langfristig beschäftigen wir uns gerade mit Fragen wie horizontaler Skalierbarkeit, Cloud-Betrieb, NoSQL, Eventual-Consistency, Reactive, EDA, usw. Und wir fragen, welche Anforderungen daraus an eine moderne BPM-Plattform entstehen. Damit stellen wir sicher, keine Trends zu verschlafen, auch wenn wir uns natürlich nicht langweilen, die beschriebene Plattform zu bauen und für inzwischen sehr viele Kunden zu supporten.

Bernd Rücker ist Mitgründer von camunda und erfahrener Softwareentwickler, Trainer und Berater. In der Welt des BPM ist er seit über 10 Jahren unterwegs und hat in dieser Zeit sowohl an Process Engines direkt mitgearbeitet aber vor allem auch zahlreiche BPM-Projekte begleitet. „Entwicklerfreundliches BPM“ ist seine absolute Leidenschaft geworden! Wenn er nicht im Kundeneinsatz ist, spricht er auf Konferenzen und publiziert Fachartikel und Bücher.

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