Kein Blatt vor den Mund

Die moderne Web-Entwicklung – ein Albtraum?

Michael Thomas

© Shutterstock.com/Marcos Mesa Sam Wordley

Wollte man den Rant des Medium-Autors Drew Hamlett in einem Satz zusammenfassen, so könnte dieser „2015: Das Jahr, in dem die Web-Entwicklung den Bach runterging“ lauten. Denn ob Node.js, React oder Single-page-Webanwendungen – an der modernen Web-Entwicklung lässt er kein gutes Haar.

Insbesondere die JavaScript- und Node-Communities werden von Hamlett in Sippenhaft genommen, wobei er den Ursprung allen Übels auf Node zurückführt:

You see the Node.js philosophy is to take the worst fucking language ever designed and put it on the server. Combine that with all the magpies that were using Ruby at the time, and you have the perfect fucking storm. Lets take everything that was great in Ruby and re write it in Javascript, I think was the official motto.

Die Node-Community habe das am meisten von Over-Engineering betroffene Ökosystem aller Zeiten geschaffen, darunter angeblich nutzlose Bibliotheken und überambitionierte Projekte, die nie zu irgend einem brauchbaren Ergebnis führen. Ein weiteres Problem sieht Hamlett im Hinblick auf Bibliotheken:

Javascript has zero standard library, so as soon as you npm init a new Node app you better install at least 15 terabytes of modules to get 1/16th the standard lib of something like Ruby or Go.

Probleme beim Update der Module ergeben sich für ihn dabei selbstredend von ganz alleine. An all diejenigen, die diese Einschätzung nicht teilen, hat er noch einen „gutgemeinten“ Rat in petto:

STOP rewriting your micro services for 5 minutes and listen to me. Your shit WILL fucking break on a patch level change. Other dependencies will not play nice.

Babel, Phabricator, PostCSS

Das Vorgängerprojekt von Babel, 6to5, war Hamlett zufolge zwar ein wunderbares Tool, um ECMAScript-6-Code zu kompilieren. Mit der Funktionserweiterung und Umbenennung in Babel stellt es seiner Ansicht nach jedoch nur noch ein verschwurbeltes Sammelsurium dar, das versucht, alle User gleichzeitig glücklich zu machen, out-of-the-box aus allerdings angeblich nichts mehr zustande bringt. Auch die Werkzeugsammlung Phabricator und der modulare CSS-Prozessor PostCSS sind in seinen Augen mehr oder weniger nutzlose Tools.

I just want to install something and use it, not decide all the little plugins I want to use.

React ist böse …

Doch damit nicht genug: Den Großteil seiner Munition spart Hamlett sich für React, Facebooks JavaScript-Framework für die Entwicklung von UI-Komponenten, auf. Dessen Existenz führt er letztendlich auf Facebooks Unfähigkeit, eine Benachrichtigungsanzeige zu implementieren, zurück:

That’s right. All you guys using React like it’s the only way to solve every problem ever are using it because Facebook couldn’t build a fucking notification icon.

Seiner Einschätzung nach handelt es sich auch bei React um einen klassischen Fall von Over-Engineering, der leider viel zu weite Verbreitung gefunden habe. Gerade vor dem Hintergrund, dass viele Front-End-Lösungen nur eine geringe Halbwertszeit aufweisen, betrachtet er es als problematisch, dass mittlerweile zahlreiche Unternehmen und Projekte (Netflix, Yahoo, Airbnb, Vimeo, Imgur) ihre Interfaces mithilfe von React neu geschrieben haben – ohne den Endnutzern damit einen nennenswerten Mehrwert zu bieten.

Im Falle eines Vortrags über die Evolution des Airbnb-Front-Ends geht Hamlett sogar so weit, den ganzen Vorgang als Satire über die Webentwicklung an sich zu bezeichnen. Seine Empfehlung an moderne Front-End-Entwickler lautet folgerichtig denn auch:

Please guys/girls, just take a step back every now and then. How does rewriting your interface in the latest framework get you to the next customer? Or the next 50 customers. Does it actually make your customers happier?

… SPAs auch

Last but not least erteilt Hamlett auch den Single-Page-Webanwendungen eine deutliche Absage: Auf diese sollte man niemals zurückgreifen, da man sich mit ihnen an kurzlebige Frameworks ketten würde, ohne dass der Endnutzer daraus irgend einen Nutzen ziehen könne. Seiner Meinung und Erfahrung nach weisen in der Regel nur 1-2 Seiten einer App ein komplexes UI auf, während dies auf 95 % der restlichen nicht zutrifft. Da die grundlegenden, für CRUD-Operationen notwendigen Teile einer App in einer Single-page-Webanwendungen von Grund auf neu geschrieben werden müssen und das Back-End-Framework dabei keine Hilfe darstellt, bezahlt man in Hamletts Augen einen viel zu hohen Preis, wenn man dennoch auf SPAs (und „angesagte“ Technologien) setzt. Statt dessen empfiehlt er, für die Umsetzung des Löwenanteils einer App Rails, Django, Play oder Phoenix zu nutzen, und nur in einigen ausgewählten Bereichen auf zu diesem Zeitpunkt als besonders chic geltende Technologien zurückzugreifen.

Aufmacherbild: young woman in bed with alarm clock von Shutterstock / Urheberrecht: Marcos Mesa Sam Wordley

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Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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