Mobile Welten

Mobile Plattformen: Wer gewinnt das Rennen?

Kay Glahn

Der Developer Economics Report von Vision Mobile gibt eine recht gute Übersicht über die Meinung von Entwicklern bezüglich der Relevanz der verschiedenen mobilen Plattformen. Obwohl noch lange nicht klar ist, wer das Rennen um die mobile Plattform der Zukunft gewinnen wird, gibt der Report trotzdem recht gute Anhaltspunkte.

Bereits vor einigen Jahren sind viele davon ausgegangen, dass eine schnelle Konsolidierung der mobilen Plattformen stattfinden würde und dass von den damaligen Mitstreitern nur wenige überleben würden. In den letzten Jahren hat sich allerdings ein gegenteiliger Trend abgezeichnet: Es kamen eine ganze Reihe mobiler Plattformen hinzu, mit denen zuvor weder Entwickler noch Gerätehersteller und Netzwerkbetreiber gerechnet hatten. Doch bei dieser Vielzahl von Plattformen war klar, dass sich nicht alle auf dem Markt etablieren können.

Im Laufe des letzten Jahres hat sich das Rennen um die mobile Plattform der Zukunft massiv beschleunigt. Seit den Anfängen des Smartphones ging die Entwicklung und auch die Konsolidierung der Plattformen nie so schnell voran wie heute. Während die Android- und iOS-Plattformen weiter immense Zuwachszahlen verzeichnen können, hat nun erstmals der ehemalige Platzhirsch im Smartphonesegment, Symbian, ein Verfallsdatum erhalten. Der einst unangefochtene Favorit, der inzwischen auf über 500 Millionen Geräten ausgeliefert wurde, musste sich dieses Jahr, was die Neuverkäufe betrifft, erstmals von Android geschlagen geben. Beschleunigt wird dieser Trend ganz klar durch Nokias Kooperation mit Microsoft und der Aussage, dass man in Zukunft bei Nokia alles auf die Windows-Phone-Plattform setzen und die Symbian-Plattform auslaufen lassen will.

Abb. 1: Prozent der Entwickler, die die Plattform unterstützen (Quelle: Vision Mobile, Developer Economics 2011)Abb. 1: Prozent der Entwickler, die die Plattform unterstützen (Quelle: Vision Mobile, Developer Economics 2011) (Vergrößern)

Der Vision Mobile Developer Economics 2011 Report, der von BlueVia, dem Entwicklerprogramm von Telefónica, in Auftrag gegeben wurde, basiert auf der Befragung von über 900 Entwicklern aus über 75 Ländern (Abb. 1). Er belegt anschaulich die zahlreichen Trendwenden im Rennen der mobilen Plattformen im vergangenen Jahr. Es wird vor allem deutlich, dass Android und iOS, mit 67 und 59 Prozent Unterstützung bei den Entwicklern, ihre Führung weiter ausbauen konnten. Einen imposanten Zuwachs verzeichnet auch die Unterstützung des mobilen Webs im so genannten Developer-Mindshare-Index. Mit der Unterstützung durch 55 Prozent der Entwickler konnte sich das mobile Web inzwischen auf den dritten Platz gleich hinter Android und iOS vorarbeiten. Laut Vision Mobile ist das allerdings nicht auf die leichte Erlernbarkeit von mobilen Webtechnologien zurückzuführen, sondern vor allem auf den Einfluss von Entwicklern, die bisher nicht in der mobilen Welt aktiv waren und über das mobile Web den Einstieg finden. Entgegen der weitverbreiteten Meinung, dass mobile Webtechnologien einfach zu erlernen seien, liegt die Technologie in dem Report lediglich an sechster Stelle was die Lernkurve angeht. Das liege aber nicht an der Komplexität von HTML und JavaScript, sondern vor allem an der Tatsache, dass sich Webentwickler nun neben der Herausforderung der Cross-Browser-Kompatibilität auch noch mit einem komplexen Set von Sprachen und Technologieframeworks, sowohl auf der Client- als auch auf der Serverseite, beschäftigen müssten. Trotz allem scheint sich das mobile Web zurzeit zum Mittel der Wahl für die mobile Cross-Plattform-Entwicklung durchzusetzen, vor allem vor dem Hintergrund, dass die Unterstützung von Java ME und Flash in der Entwicklergemeinde schwindet.

Abb. 2: Prozent der Entwickler, die planen, in die Plattform zu investieren (Quelle: Vision Mobile, Developer Economics 2011)Abb. 2: Prozent der Entwickler, die planen, in die Plattform zu investieren (Quelle: Vision Mobile, Developer Economics 2011) (Vergrößern)

Der Vision Mobile Report hebt auch hervor, dass Windows noch nicht das dritte Pferd im Rennen um die Vorherrschaft auf den Smartphones ist. Das ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Nutzung von Windows Mobile in den letzten Jahren rapide abgenommen hat und Windows Phone im Gegenzug von Entwicklern noch nicht wirklich als kommerziell relevante Plattform erachtet wird. Aus dem Report geht allerdings auch hervor, dass Windows Phone die Nummer 2 hinter Android bei dem so genannten Intent-Share-Index belegt. Das sind die Plattformen, in die Entwickler in Zukunft am meisten investieren wollen (Abb. 2). Das ergibt sich zum einen aus dem starken Einfluss von PC- und Xbox-Entwicklern, die mithilfe der Windows-Phone-Plattform nun einen relativ einfachen Einstieg in die mobile Welt finden. Zum anderen wird der Trend aber auch durch Microsofts ausgefeiltes Set an Entwicklungstools angestoßen, die Entwicklern kostenlos zur Verfügung stehen. Aber auch die Aussicht auf eine breite Nutzerbasis aufgrund des Deals zwischen Nokia und Microsoft ist natürlich nicht zu vernachlässigen.

Neben den Plattformen, in die Entwickler in Zukunft investieren wollen, untersucht der Report auch die Plattformen, die Entwickler in Zukunft aufgeben und in ihren Projekten nicht mehr weiter unterstützen wollen. Hierbei kommt man zu dem Ergebnis, dass 39 Prozent der Entwickler, die Symbian einsetzen, und 35 Prozent der Entwickler, die Java ME einsetzen, die Plattformen in Zukunft komplett aufgeben wollen. Neben dem längst durch webOS ersetzten Palm OS stehen allerdings auch BREW, webOS selbst, Flash bzw. Flash Lite, WAC und Qt auf der Abschussliste zahlreicher Entwickler.

Abb. 3: Prozent der Entwickler, die planen, die jeweilige Plattform aufzugeben (Quelle: Vision Mobile, Developer Economics 2011)Abb. 3: Prozent der Entwickler, die planen, die jeweilige Plattform aufzugeben (Quelle: Vision Mobile, Developer Economics 2011) (Vergrößern)

Laut Vision Mobile (Abb. 3) leidet Java ME zurzeit an einem negativen Hype. Trotz der über drei Milliarden ausgelieferten Geräten und einer weiterhin wichtigen Position im Feature-Phone-Bereich, der weltweit betrachtet das Smartphonesegment, was die Anzahl an verkauften Geräten betrifft, bei weitem übersteigt, lassen sich kaum noch Entwickler für diese Plattform begeistern. Der Trend ist klar rückläufig und nach der Übernahme von Sun durch Oracle trägt die unklare Strategie bezüglich der JavaME-Plattform dazu bei, dass sich weitere Entwickler von dieser Technologie abwenden.

Fazit

Der aktuelle Report von Vision Mobile macht deutlich, dass sich Android und iOS klar als neue Platzhirsche etablieren und Android dabei im letzten Jahr iOS sogar übertrumpfen konnte. Während sich das mobile Web nun auch eine feste Position sichern konnte, steht Windows Phone vermutlich noch ein rasanter Zuwachs in diesem Jahr bevor. Ganz anders sieht es bei Symbian und Java ME aus. Während vieler Entwickler Symbian bereits ganz abgeschrieben haben, hat Java ME zurzeit an einem negativen Hype zu leiden, da das große Segment der Feature-Phones im Moment nicht wirklich im Fokus der Entwickler liegt. Das Rennen geht also weiter und der Sieger ist noch nicht eindeutig bestimmt. Fakt ist allerdings, dass die Entwickler selber einen immensen Einfluss auf den Erfolg der mobilen Plattformen haben. Denn ohne Entwickler gibt es keine Apps, und ohne Apps kann sich keine der Plattformen auf dem Markt etablieren.

Kay Glahn ist unabhängiger Technologieberater mit den Schwerpunkten mobile Applications und Services. Er berät internationale Kunden bei der Umsetzung von Projekten im Mobile-Bereich.
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