Lean vs. Agile – Worin besteht der Unterschied?

Selim Baykara

Bevorzugen Sie als Entwickler agile Methoden oder arbeiten Sie lieber lean? Oder gibt es überhaupt keinen Unterschied zwischen den beiden Ansätzen und die Ausdrücke werden nur deshalb so oft verwendet, weil niemand wirklich versteht, was damit eigentlich gemeint ist?

In einem Blog-Beitrag nimmt sich der Programmierer Pietari Kettunen des Themas an, indem er die Frage aufwirft: Worin unterscheiden sich die „leane“ und die agile Art der Softwareentwicklung? Kettunen vergleicht dazu das allseits bekannte „Manifesto for Agile Development“, das 2001 als Bekenntnis zu flexiblen, anpassungsfähigen und modernen Entwicklungsmethoden von 17 Programmierern unterzeichnet wurde und sich in der Folge als äußerst einflussreich erwies, mit der „Lean-Methode“. Diese wurde ursprünglich vom japanischen Autohersteller Toyota zur Optimierung seiner Fertigungsprozesse eingeführt, später wendete die Autorin Mary Poppendieck die Prinzipien in einem bekannten Buch auf den Bereich der Software-Entwicklung an.

Kettunen stellt einige deutliche Überschneidungen fest. Eines der Hauptprinzipien des Lean-Ansatzes lautet z.B. „Eliminate Waste!“, sprich: „Beschränk’ Dich auf’s Wesentliche!“ Dieses Motto findet sich auch in der agilen Welt, nämlich in Form der Team-Retrospektive, wo in der Rückschau genau geklärt wird, was funktioniert und was nicht, und das Projekt entsprechend auf die wesentlichen Komponenten reduziert wird.

Auch die Betonung der Qualität eines Produkts ist in beiden Ansätzen ähnlich. In Lean-Sprache ausgedrückt liest sich das so: „Build Quality in!“; das Manifest sagt zu dem Thema: „We value working software over comprehensive documentation.“ Gemeint ist letzten Endes das Gleiche: Die Qualität des Endproduktes steht im Mittelpunkt.

Beiden Ansätzen gemein ist darüber hinaus die Tatsache, dass Menschen, Kommunikation und Interaktion im Vordergrund stehen. Das entsprechende Lean-Prinzip formuliert hierzu kurz und bündig: „Create Knowledge“ und „Respect People“ also „Schaffe Wissen und respektiere Deine Kollegen“, während es im Manifest dazu heißt: „We value individuals and interactions over processes and tools.“ Prozesse und Programme sind also nur Mittel zum Zweck, wichtig ist die Kommunikation im Team, denn daraus entsteht das Potential, mit dem sich plötzlich auftauchende Herausforderungen und veränderte Anforderungen bewältigen lassen.

Kettunen gibt zu Bedenken, dass „lean“ und „agile“ nicht hundertprozentig identisch seien. Im Umkehrschluss hieße das aber nicht, dass die beiden Ansätze nichts mit einander zu tun hätten, vielmehr seien sie den gleichen Werten und Prinzipien verbunden und gewissermaßen zwei Seiten einer Medaille. Diese Überlegung ist vermutlich richtig, vor allem wenn man bedenkt, woher die Ansätze stammen. Die „Lean-Methode“ wurde eingeführt, um die Fertigungs- und Vertriebsabläufe in der Autoherstellung flexibler zu gestalten, während das „Agile Manifesto“ dem Wunsch entstammt, die Arbeitsumgebung bei der Software-Entwicklung personenzentriert, d.h. dynamisch, flexibel und anpassungsfähig zu gestalten. Die Ansätze kommen also aus verschiedenen „Arbeitswelten“, bewirken wollen sie letztlich aber das Gleiche: ein Umdenken hinsichtlich der Rolle des Einzelnen im Arbeitsalltag und den Abbau von bürokratischen Hürden, die dem Erfolg des Produkts im Wege stehen.

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Selim Baykara
Selim Baykara
Selim Baykara studiert Anglistik, Amerikanistik und Soziologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
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