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Kontroverse Diskussion um eine Committer-Steuer bei Eclipse

Hartmut Schlosser

Gibt es keine festen Regeln zur Nutzung eines Allgemeinguts, so kann dies die Zerstörung dieses Guts zur Folge haben. Ein Beispiel? Nehmen wir den Waldraubbau: Der traditionell in vielen Ländern als Allgemeingut betrachtete Baumbestand wird immer stärker und ohne effektive Sanktionierung abgebaut – mit den bekannten Folgen des Waldschwundes, der Erderosion und mitunter der völligen Verkahlung ganzer Landstriche.

Dieses Phänomen ist in den Wirtschaftswissenschaften als „Tragik der Allmende“ bekannt (engl. „Tragedy of Commons“). Was hat diese Metapher nun aber auf einem Portal zur Software-Entwicklung zu suchen?

Seit geraumer Zeit schon diskutiert man in der Eclipse Community, wie sich die negativen Effekte einer Tragedy of Commons von der Open-Source-Plattform Eclipse abwenden lassen. Es gibt dort nämlich das Problem, dass die Entwickler-Ressourcen, die für die Pflege und die Weiterentwicklung der Eclipse-Plattform zur Verfügung stehen, immer knapper werden. Gleichzeitig ist aber die Zahl derjenigen, die von der Plattform profitieren, in den letzten Jahren immer weiter gestiegen – angefangen bei den Nutzern der IDE über die RCP-Entwickler bis hin zu den Anbietern von Tools auf Basis von Eclipse.

Damit also die Plattform nicht auch „korrodiert“ und bald das Schicksal der beinahe völlig gerodeten Bangladesch, Sri Lanka und Haiti teilt, muss in die Pflege der Eclipse-Plattform investiert werden. In welcher Form das indes passieren kann, ist Gegenstand kontroverser Debatten.

Die Eclipse Foundation selbst sah ihre Aufgabe nie darin, aktiv Plattform-Entwickler zu engagieren. Plattform-Pflege soll nach dem Modell der Eclipse Foundation von den Mitgliedsunternehmen geleistet werden, die dafür Vollzeit-Entwickler abstellen und im Gegenzug ein Mitspracherecht über die zukünftige Marschrichtung der Foundation erhalten.     

Dieses Modell ist ins Stocken geraten, meinen einige Kritiker und suchen nach Wegen, mehr Investitionen in die Plattform zu generieren. In einem Blogeintrag meldet sich Chris Recoskie zu Wort, Leiter des CDT-Projektes (C/C++ Developement Tools), und erörtert die Frage, inwiefern eine Art „Steuer für Eclipse-Committer“ das Problem lösen könnte.

Die Eclipse Foundation hat nun natürlich keine Befugnis, wie ein Staat einfach eine Steuer zu erheben. Die Möglichkeit aber, Beiträge zu Eclipse-Projekten zu leisten (also den „Committer-Status“ mit all seinen Berechtigungen zu erlangen), könnte an die Errichtung einer Abgabe gebunden werden. Dabei nimmt Recoskies Gedankenexperiment ausdrücklich individuelle Committer aus – anvisiert werden Committer, die mit einem Mitgliedsunternehmen verbunden sind.

Aktuell gibt es in der Eclipse Community laut Recoskie 465 solche Committter. Um nun vier dezidierte Plattform-Entwickler für Eclipse zu engagieren, müssten diese Leute einen Betrag von jährlich 560.000 US-Dollar entrichten, rechnet Recoskie, was pro Kopf 1200 US-Dollar pro Jahr bedeuten würde.

Wären Mitgliedsunternehmen bereit, diese Summe aufzubringen, fragt Recoskie?

Eine rege Diskussion wie im Jahr 2009, als das Problem schon einmal hochkochte, ist bisher noch nicht zustande gekommen. Damals waren radikale Ansätze wie ein „Pranger für notorische Freeloader“ ins Spiel gebracht worden. Immerhin gibt jetzt Andrew Eisenberg, Entwickler beim Mylyn-Unternehmen Tasktop, einige Punkte zu bedenken. Er findet zwar auch, dass mehr Plattform-Entwickler nötig wären, zweifelt aber daran, dass der vorgeschlagene Weg einer „Committer-Steuer“ fruchten könnte.

Die Mitgliedsunternehmen der Eclipse Foundation sind ohnehin zur Zahlung von Beiträgen verpflichtet.  Die Beiträge für strategische Mitglieder liegen beispielsweise zwischen 25.000 und 250.000 US-Dollar. Man könnte theoretisch diese Beitragssätze noch erhöhen, um die Kosten für Plattform-Entwickler zu decken, meint Eisenberg. Allerdings träte dann die Situation ein, dass die Eclipse Foundation plötzlich in Konkurrenz zu einigen der eigenen Mitgliedsunternehmen stände – denjenigen nämlich, die Support-Dienstleistungen für Eclipse anbieten.

Besser als neue Entwickler einzustellen findet Eisenberg deshalb, Eclipse-Foundation-Mitglieder für bestimmte Infrastruktur-Arbeiten zu beauftragen – auch auf die Gefahr hin, dass sich Unternehmen, die nicht berücksichtigt wurden, benachteiligt fühlen. Tatsächlich wurde dieser Ansatz schon einige Male verfolgt, beispielsweise bei der Entwicklung des Eclipse Marketplace Clients, der von Tasktop realisiert wurde.

Die Eclipse Foundation hatte laut Community-Bericht 2013 im Jahr 2012 Einkünfte von 4.1 Millionen US-Dollar (wie schon 2010 und 2011). Im März 2013 konnten 190 Mitgliedsunternehmen verzeichnet werden – so viel wie nie zuvor.  Allerdings lag die Zahl der (zahlungskräftigen) strategischen Mitglieder nur bei 11 (2008 waren es noch 18). Statt Mitgliedsbeiträge zu erhöhen (was potentiell Austritte oder „Mitgliedschafts-Downgrades“ provozieren würde), könnte es also die bessere Strategie sein, weitere Mitglieder zu gewinnen. Initiativen wie die Industry Working Groups (Automotive, LocationTech, Machine-to-Machine (M2M), Polarsys) oder der Long Term Support weisen in diese Richtung und haben in den letzten Jahren sicherlich gefruchtet.

Ob diese Initiativen allerdings die von Recoskie ausgerechnete Summe von 560.000 US-Dollar erwirtschaften werden, steht auf einem anderen Blatt. Und natürlich ist die Frage offen, ob die Eclipse Foundation das bisherige Modell verlassen sollte, um selbst Plattform-Entwickler zu engagieren. Feststellen lässt sich allerdings, dass die Konkurrenz IntelliJ (die JetBrains IDE scheint immer populärer zu werden und wurde z.B. von Google für das neue Android Studio ausgewählt) und NetBeans (mit der Oracle-Power dahinter) nicht schläft. Zudem hat Eclipse Marketing Chef Ian Skerrett mehrfach auf die zurückgegangene Zufriedenheit der Eclipse-User im letzten Eclipse Community Survey verwiesen.  

Sind also Ausgaben für Plattform-Entwickler nötig, um Eclipse konkurrenzfähig zu halten? Eine Frage, die uns sicherlich in den nächsten Monaten weiter beschäftigen wird.

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser ist Redakteur und Online-Koordinator bei Software & Support Media. Seine Spezialgebiete liegen bei Java-Enterprise-Technologien, JavaFX, Eclipse und DevOps. Vor seiner Tätigkeit bei S & S Media studierte er Musik, Informatik, französische Philologie und Ethnologie.
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