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Kollegen als Produktivitätskiller? Die Vorteile von Fernarbeit und verteilten Teams

Natali Vlatko

© Shutterstock.com/Stokkete

Remote-Teams werden in Entwicklerabteilungen immer populärer. Könnten sie auch das Geheimnis höherer Produktivität in sich bergen? Der Blogger Ralf Westphal ist der Ansicht, dass Entwickler in verteilten Teams besser arbeiten als jene, die sich gegenseitig auf dem Schoß sitzen.

Sind Büros kontraproduktiv für Entwickler? Dem selbsternannten Ein-Mann-Think-Tank Ralf Westphal zufolge lautet die kurze Antwort: Ja! In einem Artikel stellt Westphal die These auf, dass die gemeinsame Unterbringung an einem Standort sich nachteilig auf Entwicklungsteams auswirkt. Stattdessen sollten „verteilte Teams […] der Default sein“.

Verteilte Teams sind derweil nichts neues, die Belegschaft von Unternehmen wie MySQL oder GitHub setzt sich aus über den gesamten Globus verteilten Mitarbeitern zusammen. Doch die Aussage, dass ein gemeinsamer Arbeitsplatz nicht länger die Norm sein sollte, dürfte dem ein oder anderen die Haare zu Berge stehen lassen.

Westphal glaubt, dass die Maximen, die Scrum und Agile über die Zusammenarbeit in Teams fördern, dergestalt aktualisiert werden müssen, dass sie den Digital Natives gerecht werden. Die Schöpfer von Scrum und Agile konnten weder den globalen Siegeszug der sozialen Medien vorausahnen, noch gab es Smartphones. Auch bis zur Realisierung einer verteilten Versionskontrolle und erschwinglicher Cloud-Infrastruktur war es noch ein weiter Weg.

Diese Umstände im Hinterkopf, konstatiert Westphal drei fundamentale Probleme, die der traditionelle Arbeitsplatz mit sich bringt:

  • Er öffnet Unterbrechungen Tür und Tor: Andere Teammitglieder, die sich im selben Raum aufhalten, sowie aus dem Nichts auftauchende Manager tragen dazu bei, ein für Entwickler störungsreiches Umfeld zu schaffen. Auch selbst geschaffene Unterbrechungen, wie etwa eingehende Nachrichten in den sozialen Medien oder interne Mitteilungen, spielen hierbei eine Rolle.
  • Er leistet unentdeckten Abhängigkeiten Vorschub: Arbeiten mehrere Entwickler im selben Raum zusammen, so verhindert dies die frühzeitige Entdeckung von Abhängigkeiten von Technologien – einer der Kollegen wird im Zweifelsfall ja schon Bescheid wissen. Diese Haltung steht auch dem produktiveren Arbeiten in Phasen entgegen.
  • Er fördert monolithischen Code: Westphal zufolge befördert die enge Kommunikationsstruktur im Teamraum eine ähnlich eng verflochtene Softwarestruktur – aka Monolithe. Zur Unterstützung dieser Ansicht zieht Westphal das Gesetz von Conway heran.

Durch das Befreien der Teammitglieder von den „Bindungen an Raum und Zeit“, so Westphal, eröffnet sich Teams das Potential, deutlich leichtgewichtiger zu werden. Des Weiteren profitieren die Unternehmen, da sie weniger Infrastruktur bereitstellen müssen. Allerdings verlangt die verteilte Fernarbeit von den Entwicklern auch, dass sie sich besser organisieren als bisher, es werden also „ein paar andere oder gar mehr Soft Skills benötigt”.

Matt Boyd von Sqwiggle, Hersteller von Online-Collaboration-Software, stellt in einem Artikel sechs Unternehmen vor, die sich bewusst für einen „Bürolosen” Weg entschieden haben und damit offenbar sehr gut fahren:

It’s important to realise that companies are using this methodology and applying it into their daily workflow and finding major success in hiring good people and collaborating in real, tangible ways regardless of physical location.

Boyd zufolge liegen die Vorteile eines verteilten Entwicklungsteams, wie im Falle von WordPress, u. a. darin, dass rund um die Uhr Aktivität zu verzeichnen ist. Das Team von Buffer berichtet dank der Möglichkeit zur Fernarbeit von einem deutlichen Anstieg der Arbeitsplatzzufriedenheit. Für Boyd ist damit klar:

[…] there are major advantages to distributing your team and relying upon technology to remove the gap in communication between team members. Companies everywhere are looking toward the future and implementing team distribution techniques in their hiring and company culture.

Westphal jedenfalls ist in seiner Haltung unnachgiebig:

Bottom line: Ich glaube, die Zeit der co-location als Default ist vorbei. Angesichts der Kommunikationsmöglichkeiten, die wir haben, hat sie den Punkt erreicht, wo sie kontraproduktiv wird. Ja, wir haben das Zusammenhocken lieb gewonnen. Irgendwie ist es auch kuschelig mit den Kollegen. Aber was wollen wir? Kuscheln oder wandelbare Software?

Diese Kommunikationsmöglichkeiten umfassen Tools wie Slack, HipChat, Skype und Google Hangouts – alles Programme, die von der Mehrzahl der Unternehmen genutzt werden. Obwohl für Westphal feststeht, dass „die Väter der Agilität […] es gut gemeint [haben]“, so waren sie in ihren Bestrebungen doch durch die damalige Kommuniktionstechnologie beschränkt. Doch jetzt, wo ungehinderte Kommunikation und eine hohe Bandbreite die Norm sind, ist diese Barriere weggefallen und alles kann optimiert werden.

Teleport hat eine crowdgesourcte Liste von Startups und Firmen zusammengestellt, die verteilte Teams beschäftigen bzw. an die Zukunft der Fernarbeit glauben. Es ist, wie Boyd schreibt:

it can be done because real teams are doing it

Bleibt die Frage: Ist es besser?

Aufmacherbild: Office worker with post-its all over his face von Shutterstock.com / Urheberrecht: Stokkete

Geschrieben von
Natali Vlatko
Natali Vlatko
An Australian who now calls Berlin home, via a two year love affair with Singapore. Natali was an Editorial Assistant for JAXenter.com (S&S Media Group).
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