Kolumne

Knigge für Softwarearchitekten: Software is eating the World

Peter Hruschka, Gernot Starke

© Shutterstock / Africa Studio

Willkommen zu einer neuen Staffel unseres „Knigge für Softwarearchitekten“. In den bisherigen Staffeln, die zwischen 2012 und 2014 im Java Magazin erschienen sind und inzwischen auch als Buch vorliegen, hatten wir Ihnen vielerlei gute und schlechte Verhaltensmuster von Softwarearchitekten vorgestellt. Nun geht’s ganz im Trend von Industrie 4.0 innovativ weiter: Wir beleuchten allerlei neue Themen, mit denen sich unserer Ansicht nach Softwarearchitekten und -entwickler jenseits von React, Angular, Spring Boot und JShell noch beschäftigen sollten.

„Software is eating the World.“ Mit dieser Aussage hat Marc Andreessen, einer der einflussreichsten Männer im Silicon Valley, die Tatsache zusammengefasst, dass die Rate, mit der immer mehr Arten von Software unser gesamtes Leben auf immer mehr Arten bestimmen, immer schneller ansteigt. Schneller als einerseits die meisten Menschen es wahrhaben wollen, andererseits die meisten Organisationen sich daran anpassen können. Industrie 4.0, Bimodale IT, die Diskussionen zu Privatsphäre und Verschlüsselung, das Internet of Things und die für manche schon fast langweilige Digitalisierung bringen einen ganzen Reigen neuer Themen aufs Tapet – mit dem Sie (und wir) als Softwareentwickler und -architekten uns auseinandersetzen sollten. Beginnen wir mit einigen Themen, die ganze Unternehmen betreffen und teils bis in die Politik reichen:

  • Industrie 4.0: Auch unter dem Stichwort „Vierte industrielle Revolution“ bekannt: die vernetzte, mit Kunden und Lieferanten integrierte, cyber-physische Fabrik. Diese Ansätze kommen gerade aus dem Forschungsstadium heraus in der Realität an. Wir als Entwickler und Architekten sollten diese Revolution mitgestalten [1].
  • Bimodale IT: Anders gesagt: IT der zwei Geschwindigkeiten. Etablierte IT-Abteilungen können nicht schnell genug liefern – darum sollen kleine Schnellboote den riesigen Tankern der Alt-IT an die Seite gestellt werden. Für uns eine Art Offenbarungseid der IT-Manager. Oder eine elegante Möglichkeit, Microservices in Organisationen einzuführen, denen ansonsten dafür die organisatorische Agilität fehlt. Ein zweischneidiges Schwert, bei dem wir den beteiligten nicht technischen Stakeholdern Optionen aufzeigen sollten.
  • Privatsphäre und Verschlüsselung: Jedem Softwerker sollte das immense Risiko von Hintertüren in IT-Systemen klar sein, darum sollte auch jeder sensibel in eigenen Systemen auf solche Fatalitäten achten. Wir haben eine klare Meinung zu „Apple versus FBI“ – nämlich klar gegen die scheinheiligen FBI’ler.
  • IoT: Wenn der Rasenmäher die aktuelle Außentemperatur an Ihren Lichtschalter sendet, der wiederum die aktuelle Raumtemperatur kennt, kann die Heizungssteuerung noch präziser und energiesparender arbeiten. Besser gesagt: könnte – Konjunktiv. Zu viele Fragen bleiben hier noch offen, beispielsweise Robustheit oder Datenschutz.
  • Verantwortung von Entwicklungsteams: Der VW-Abgasskandal verursacht neben den direkten Kosten für Volkswagen noch ungeahnte volkswirtschaftliche Kollateralschäden: Von Rufschädigung deutscher Produkte bis zu Auftragsrückgang der Zulieferindustrie. Hätten die Softwerker wohl besser mal früher geleaked oder kräftiger widersprochen. Das renommierte Handelsblatt spricht in diesem Zusammenhang von einer Teilentwertung der Marke „Made in Germany“.

Wir werden uns in der Staffel auch einigen technischen Trends widmen:

  • Digitale Transformation: funktionale Programmierung, polyglotte Entwicklung, mobiles Internet als der Normallfall, Browser als der Desktop der Zukunft, völlig vernetzte Automobile (das „auto“-Auto) – diese Aufzählung könnte noch weitergehen.
  • Microservices und Self-contained Systems: Modularisierung bis zur Inbetriebnahme und Produktion gedacht und gebracht. Sozusagen das Best-of von Domain-driven Design, DevOps, Continuous Delivery und Time-to-Market. Eine Vielzahl organisatorischer, technischer und übergreifender Themen harren unserer aktiven Mitgestaltung – sonst endet das (wie SOA) wieder in Pseudolösungen seitens der Produkthersteller –, denen es zu häufig an Sinn- und Verstand mangelt.
  • API-Design: Immer mehr Schnittstellen werden öffentlich. Daher wird der Entwurf von Schnittstellen immer mehr ein Thema mit Außenwirkung für Unternehmen und Organisationen. Der Wissensstand bezüglich Schnittstellenentwürfe ist vielerorts beim Stichwort „modular“ stehengeblieben. Themen wir SLA, QoS, Versionierung oder Kompatibilität sollten jedoch für öffentliche APIs dazugehören.

Nicht vergessen werden wir in der vierten Staffel auch neue methodische Themen und Sorgenkinder unserer Profession: Wir positionieren uns in der Diskussion um Architekturen im agilen Umfeld. Ja, wir glauben, dass auch Scrum-Teams Architektur und Architekten brauchen. Wir greifen Design Thinking auf, bei dem Architekten zusammen mit den Businessexperten gefordert sind, wertbringende Ideen zu entwickeln. Zu den Sorgenkindern unserer Branche zählen nach wie vor vernünftige Anforderungen und gute Aufwandsschätzungen. Mit beiden Themen sollten sich Architekten daher auseinandersetzen – beziehungsweise anfreunden.

Sie merken, große Themen harren unserer Mitwirkung. Wir dürfen in diesen großen Fragestellungen nicht einfach als Code Monkeys daherkommen, sondern müssen unsere Verantwortung wahrnehmen. Sie als Entwickler und Architekten wissen doch, was IT zu leisten im Stande ist. Sie müssen auch wissen, wo diese Leistung zu Gefährdung oder Schaden führen kann und sauber zwischen Wertschöpfung und Gefahrenpotenzial differenzieren.

Transformation und Disruption

Sie, Entwickler und Softwarearchitekten, müssen in den disruptiven Zeiten großer Veränderung und stetig wachsender Veränderungsgeschwindigkeit (!) aktiv mitgestalten. Sie müssen Feedback an die übrigen Stakeholder in Ihren Organisationen geben. Sie müssen Optionen für das Business aufzeigen und Risikomanagement mitgestalten.

Seit Jahren schwelende oder offene Konflikte zwischen Fachbereichen und der IT müssen ein Ende haben, sonst werden neue Player Ihre Organisation überholen. Phrasen wie „haben wir schon immer so gemacht“ signalisieren eine Behäbigkeit, die wir uns in vielen Branchen nicht mehr leisten können. So manche Komfortzone wird der Transformation (oder Disruption) zum Opfer fallen. Taxifahrer und -zentralen können lange gegen Uber protestieren, am Ende werden die Kunden entscheiden.

Fazit

Immer mehr Aspekte des täglichen Lebens basieren auf Software, die Menschen wie Sie entwerfen, konzipieren, programmieren, testen und in Betrieb nehmen. Sie haben die besten Voraussetzungen, die Zukunft vieler Branchen mit zu gestalten.

Die meisten von uns haben gelernt, Systeme neu zu konstruieren und zu bauen. Aber transformieren, Entwicklung beschleunigen, an neuen Geschäftsprozessen mitwirken oder gar solche Prozesse aktiv zu gestalten, das erfordert für viele von uns kräftiges Umdenken. Im Laufe der nächsten Folgen möchten wir Sie in dieser Hinsicht rütteln und mit einigen Anregungen versorgen. Wir freuen uns auf die Diskussion mit Ihnen!

Aufmacherbild: Table setting von Shutterstock / Urheberrecht: Africa Studio

Geschrieben von
Peter Hruschka
Peter Hruschka
Informatikstudium an der TU Wien, Promotion über Echtzeit-Programmiersprachen. 18 Jahre im Rahmen eines großen deutschen Softwarehauses verantwortlich für Software-Engineering. Initiator, Programmierer und weltweiter Prediger und Vermarkter eines der ersten Modellierungstools. Seit 1994 selbstständig als Trainer und Berater mit den Schwerpunkten Software-/Systemarchitekturen und Requirements Engineering, bevorzugt im technischen Umfeld.
Gernot Starke
Gernot Starke
    Informatikstudium an der RWTH Aachen, Dissertation über Software-Engineering an der J. Kepler Universität Linz. Langjährige Tätigkeit bei mehreren Software- und Beratungsunternehmen als Softwareentwickler, -architekt und technischer Projektleiter. 1996 Mitgründer und technischer Direktor des „Object Reality Center“, einer Kooperation mit Sun Microsystems. Dort Entwickler und technischer Leiter des ersten offizielle Java-Projekts von Sun in Deutschland. Seit 2011 Fellow der innoQ GmbH.  
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