Kolumne

Knigge für Softwarearchitekten: Wider die IT der zwei Geschwindigkeiten

Peter Hruschka, Gernot Starke

© Shutterstock / Meilun

Seit 2014 hören wir in IT-Diskussionen immer wieder das Stichwort „Bimodale IT“, oder auch „IT der zwei Geschwindigkeiten“. Ein wenig Englisch möchten wir Ihnen diesmal zumuten, damit Sie die volle Schönheit der Erklärung bimodaler IT direkt von den Erfindern, der Gartner Group, lesen können: „Bimodal is the practice of managing two separate, coherent modes of IT delivery, one focused on stability and the other on agility. Mode 1 is traditional and sequential, emphasizing safety and accuracy. Mode 2 is exploratory and nonlinear, emphasizing agility and speed“.

Bestehende Systeme, die eine hohe wirtschaftliche Bedeutung für das Unternehmen besitzen (neudeutsch: Legacy-Systeme) sollen Gartner zufolge weiterhin mit etablierten Entwicklungs- und Releaseprozessen nach Modus 1 entwickelt und gepflegt werden, traditionell also in wasserfallartiger Organisation mit zwei bis vier Releases pro Jahr. Entwicklung und Betrieb innovativer Systeme in neuen Geschäftsfeldern hingegen, die schnell auf geänderte Anforderungen reagieren müssen, erfolgt im hochgradig agilen Modus 2. Hierbei geht es um neue Märkte und Geschäftsfelder, um neue Kundensegmente und frühzeitiges Feedback von Anwendern und Kunden. Time-to-Market spielt dabei eine prägende Rolle.

Als Metapher für bimodale IT finden wir zwei Typen von Schiffen (Abb. 1): Einerseits die großen, stabilen aber auch extrem schwerfälligen Riesen von Modus 1, die historisch gewachsenen Legacy-Anwendungen. Auf der anderen Seite steht Modus 2 für moderne, innovative Systeme, neue Märkte oder digitale Transformation. In der Analogie sind dies wendige Schnellboote, die Agilität symbolisieren und in der Denkweise der Bimodalisten weniger Stabilität und Robustheit zeigen.

Abb. 1: Schiffe dienen als Metapher für die bimodale IT: langsame aber solide Altsysteme, wendige neue Lösungen, die aber fragiler sind

Abb. 1: Schiffe dienen als Metapher für die bimodale IT: langsame aber solide Altsysteme, wendige neue Lösungen, die aber fragiler sind

Was bedeutet das für die Systems of Record?

Bestandssysteme, oder auch Systems of Record (SoR), werden nach Modus 1 bearbeitet. Sie besitzen hohe Bedeutung für eine Organisation und sollten stets stabil laufen, weil schon geringe Instabilitäten oder Fehlverhalten negative Konsequenzen für die Gesamtorganisation nach sich ziehen könnten. Modus-1-Systeme verwalten wichtige und kritische Daten, die hohen Wert für die Organisation besitzen, wie etwa Kunden-, Vertrags-, Auftrags-, Buchungs- oder Kontodaten. Viele Organisationen betreiben solche Systeme bereits seit langer Zeit. Daher unterliegen sie oft etablierten Entwicklungs-, Roll-out- und Betriebsprozessen, häufig ohne Agilität und feedbackintensives Vorgehen. Gartner empfiehlt in diesem Zusammenhang ausdrücklich Wasserfallprozesse als geeignete Vorgehensweise. Wir fragen uns hier schon, ob die Gartner-Analysten eigentlich die letzten zehn Jahre komplett verschlafen haben. Wer hierbei an Mainframe, Cobol und proprietäre Infrastrukturen denkt, hat sicher in vielen Fällen recht.

Was bedeutet das für die Systems of Engagement?

Modus-2-Systeme sind Systeme, die Anwendungen in der Regel über grafische Schnittstellen per Browser oder über mobile Endgeräte bereitstellen. Sie heißen auch Systems of Engagement (SoE) und sollen innovative Geschäftsfelder und neue Märkte unterstützen, oft mithilfe neuer Technologien. SoE sind daher erheblichen technischen und damit auch wirtschaftlichen Unwägbarkeiten ausgesetzt. Dieser Unsicherheit sollen Organisationen in bimodaler IT mittels agilen Prozessen und kurzen Feedback- und Releasezyklen begegnen.

Wir alle wissen, dass wir mittels solcher agiler, iterativer Prozesse ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit und die Möglichkeit kurzfristiger Reaktion auf veränderte Kunden- und Nutzerbedürfnisse gewinnen. Wenn wir uns neben kurzen Iterationen in der Entwicklung gleichermaßen auf weitgehend automatisierte Test-, Release- und Deployment-Prozesse stützen können.

Was die bimodale IT uns verschweigt

Die Gartner-Analysten als Erschaffer des Begriffs „bimodale IT“ bleiben in ihren Ausführungen leider bezüglich des konkreten Vorgehens in Unternehmen viele Antworten schuldig: Sollen Organisationen ihre bestehenden IT-Teams einfach in zwei Gruppen aufteilen oder besser für die Modus-2-Systeme neue Personen einstellen? Vielleicht lieber direkt ein Tochterunternehmen für innovative Systeme gründen? Oder besser ein passendes Start-up-Unternehmen einkaufen?

Wir persönlich halten die Einführung einer zweigleisigen IT mit einer Trennung von Modus-1- und Modus-2-Systemen für eine Bankrotterklärung des bisherigen Managements: Das Streben nach bimodaler IT zeigt, dass Organisationen grundsätzlich an die innovative Kraft iterativ-agiler Prozesse glauben, diese aber für ihre Kernsysteme aus organisatorischer Unfähigkeit selbst nicht einführen können. Aber damit nicht genug: Wenn Organisationen bimodale IT einführen, handeln sie sich damit einen ganzen Zoo weiterer Risiken ein:

  1. Bimodale IT zementiert eine Zweiklassengesellschaft und die Bildung von Wissens- und Kompetenzsilos. Das frustriert die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und führt langfristig zu Abwanderung von kritischem Know-how.
  2. Bimodale IT geht von der fundamental falschen Annahme aus, dass Langsamkeit (Modus 1) höhere Qualität, Stabilität und Verlässlichkeit liefert. Dass also agile Entwicklung (Modus 2) Produkte geringerer Qualität liefert. Wir glauben fundamental an das Gegenteil: Agilität führt richtig gemacht zu besseren, robusteren und stabileren Produkten mit hoher innerer Qualität.
  3. Bimodale IT sieht die Systeme aus Modus 2 in hohem Maße unabhängig von den etablierten Systemen aus Modus 1. Das Gegenteil ist der Fall: Jede auch noch so kleine moderne Frontend-Anwendung benötigt Daten aus bestehenden Systemen. Die Schnellboote sind immer an die Supertanker gekoppelt – bezüglich Entwicklung, Roll-out und Betrieb. Wenn Sie also zweigleisig fahren, provozieren Sie dramatische Reibungsverluste.

Wider die Zweiklassengesellschaft

Die Einführung verschiedener Entwicklungs- und Deployment-Prozesse führt aus unserer Sicht zu einer Zweiklassengesellschaft sowohl bei Entwicklung als auch im Betrieb der Systeme. Damit riskieren Unternehmen eine „Wir gegen die“-Mentalität. Statt für die Organisation an einem Strang in dieselbe Richtung zu ziehen, werden Teams beider Modi jeweils ihre eigenen Interessen verfolgen und in Fehler- und Krisenfällen jeweils mit dem Zeigefinger auf die anderen deuten.

Grundsätzlich halten wir den agilen Modus 2 für die wesentlich attraktivere Variante für alle Beteiligten: produktiver, moderner und mit mehr Eigenverantwortung, dazu noch an innovativeren Systemen arbeiten. Welche motivierten Menschen möchten denn in den Modus-1-Teams verbleiben? Wir befürchten massive Demotivation oder Brain Drain in Modus-1-Teams.

Agilität steigert Qualität

Nach unserer Erfahrung und der vieler Teams und Organisationen steigert agiles, iteratives Vorgehen mit soliden Feedbackzyklen die Qualität von Systemen gegenüber wasserfallartigen Prozessen beträchtlich, siehe hier und hier. Insofern halten wir die Annahme der bimodalen IT, dass nur in Modus 1 Stabilität und Robustheit gewährleistet werden kann, für blanken Humbug. Richtig durchgeführte Agilität bedeutet ja keineswegs Anarchie oder das Fehlen jeglicher Regeln. Wir halten es daher für falsch, den etablierten, nicht iterativen Modus-1-Prozessen eine höhere Produktqualität anzudichten. Lieber Gartner-Analysten, haben Sie jemals in einem produktiven, agilen Team mitgearbeitet? Wir ja! Darum glauben wir fundamental an die positive Wirkung von lean, agile und iterativ.

Es droht eine Zwickmühle

Falls Ihre Organisation bezüglich agilen Methoden, DevOps und Continuous Delivery noch in den Kinderschuhen steckt oder im schlimmsten Fall noch gar nicht damit angefangen hat, werden Sie durch Marktdruck möglicherweise dazu gezwungen, übergangsweise in unterschiedlichen Modi zu arbeiten. Da insbesondere in Betrieb und Roll-out die Einführung innovativer Prozesse (Modus 2) erfahrungsgemäß länger dauert als in der reinen Entwicklung.

Es könnte also sein, dass dynamische Märkte, steigende Kundenanforderungen und die Notwendigkeit zur Digitalisierung bestehender Geschäftsprozesse Sie dann schließlich doch zwingen, Teile Ihrer Prozesse oder Systeme mithilfe agiler Methoden zu verbessern und deren Fortschritt zu beschleunigen und andere Teile Ihrer Systemlandschaft im Status quo zu belassen.

Aber wir sind der Meinung, dass bimodale IT im Worst Case ein Zwischenschritt, eine Art Übergangslösung, in Richtung agiler, iterativer Prozesse sein sollte. Und in keinem Fall ein strategisches Ziel Ihres Managements!

Fazit

Arbeiten Sie aktiv mit, Ihre Entwicklungs- und Deployment-Prozesse agil und schnell zu gestalten. DevOps und Continuous Delivery sind heute keine Risiken mehr, sondern bewährte Mittel, um Liefergeschwindigkeit und Qualität zu steigern. Erklären Sie Ihrem Management die Nachteile der bimodalen IT. Wir drücken Ihnen die Daumen für hoffentlich agile Architekturarbeit ohne bipolare – sorry, bimodale – Verwerfungen.

Geschrieben von
Peter Hruschka
Peter Hruschka
Informatikstudium an der TU Wien, Promotion über Echtzeit-Programmiersprachen. 18 Jahre im Rahmen eines großen deutschen Softwarehauses verantwortlich für Software-Engineering. Initiator, Programmierer und weltweiter Prediger und Vermarkter eines der ersten Modellierungstools. Seit 1994 selbstständig als Trainer und Berater mit den Schwerpunkten Software-/Systemarchitekturen und Requirements Engineering, bevorzugt im technischen Umfeld.
Gernot Starke
Gernot Starke
    Informatikstudium an der RWTH Aachen, Dissertation über Software-Engineering an der J. Kepler Universität Linz. Langjährige Tätigkeit bei mehreren Software- und Beratungsunternehmen als Softwareentwickler, -architekt und technischer Projektleiter. 1996 Mitgründer und technischer Direktor des „Object Reality Center“, einer Kooperation mit Sun Microsystems. Dort Entwickler und technischer Leiter des ersten offizielle Java-Projekts von Sun in Deutschland. Seit 2011 Fellow der innoQ GmbH.  
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