Interview mit Laura Fink, Head of Data Science

Women in Tech: „Gleiches Gehalt für gleiche Arbeit sollte eine Selbstverständlichkeit sein“

Madeleine Domogalla

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Laura Fink, Head of Data Science bei Micromata.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Laura Fink

Laura Fink

Laura Fink studierte zunächst Vermittlungswissenschaften für Biologie und Physik an der Uni Flensburg, um sich dann an der LMU München ausschließlich der Physik zu widmen. Ihren Berufsweg startete sie anschließend als Softwareentwicklerin für Java im Softwareunternehmen Micromata. Durch die dortige Teilnahme am Forschungsprojekt VAMINAP zur Erkennung von Schadstoffrückständen in geklärtem Wasser, kam sie intensiv mit Machine Learning und Data Science in Kontakt und wechselte daraufhin zu Python und R. Als Head of Data Science treibt sie nun den Aufbau der Data-Science-Kompetenz im Unternehmen voran und veröffentlicht regelmäßig Show- und Use Cases rund um die Themen Datenanalyse, Machine Learning und Computer Vision.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Mein Interesse an Technik und Informatik entstand erst sehr spät, während der Abschlussphase meines Physikstudiums – genauer gesagt im biophysikalischen Labor. Ich fand es unglaublich spannend, wie aus all den – zum Teil von Studenten selbst zusammengebauten Geräten, mathematischen Modellen und eigens geschriebener Software – naturwissenschaftliche Probleme gelöst und Fragestellungen beantwortet werden konnten. Mir ist damals das erste Mal richtig bewusst geworden, wie komplex und kreativ die Arbeit mit Daten und Technik sein kann.

Während meiner Schulzeit habe ich mich hauptsächlich für Mathe, Physik und Biologie interessiert. Obwohl wir in der Informatik-AG auch erste Schritte im Programmieren gemacht haben, fand ich es furchtbar langweilig. Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Medizin studieren, doch als ich keinen Studienplatz bekommen habe, entschied ich mich dafür, Lehrerin für die Fächerkombination Biologie und Physik zu werden.

Während des Bachelorstudiums merkte ich jedoch, dass mein Interesse an den Naturwissenschaften viel tiefgehender ist und ich hatte Sorge, dass mir auf Dauer die Arbeit als Lehrerin keinen Spaß machen könnte. Aus dem Grund wagte ich den Sprung ins kalte Wasser und entschied mich für ein Physikstudium.

Während meines Masterstudiums bin ich dann zunehmend durch Kurse und durch meine Abschlussarbeit in Kontakt mit Machine Learning gekommen – und wusste sofort, dass das in Zukunft auch in Deutschland ein wichtiges Thema sein wird. Nach dem Abschluss war es jedoch schwierig, einen Job als Data Scientist zu finden. Die Bezeichnung gab es soweit ich weiß noch gar nicht. Deshalb bin ich zunächst in der Softwareentwicklung gelandet.

Vorbilder und Unterstützer

In erster Linie haben meine Eltern meine Neugier immer unterstützt und mir nie den Eindruck gegeben, ich könnte etwas nicht, nur weil ich ein Mädchen bzw. jetzt eine Frau bin. Hinzu kommt, dass mein Sprung von der Realschule auf das Gymnasium nicht möglich gewesen wäre, wenn mein Mittelstufenleiter damals nicht „ja“ gesagt hätte. Das war sicher großes Glück! Insbesondere dankbar bin ich meinem Professor im Physikstudium an der LMU München, der mir ermöglicht hat, mit verschiedenen Disziplinen und Instituten zusammenzuarbeiten und mir dabei sehr großen Freiraum ließen.

Meine Eltern haben meine Neugier immer unterstützt.

Außerdem arbeite ich in einem Unternehmen, das sich ausdrücklich um die Förderung des weiblichen Nachwuchses in der IT bemüht. Zwar gehöre ich selbst eigentlich nicht mehr zum „Nachwuchs“, freue mich aber, dass es immer mehr Firmen gibt, die sich mit konkreten Angeboten darum bemühen, speziell beim weiblichen Nachwuchs Berührungsängste mit den sogenannten MINT-Fächern abzubauen. Im Falle meines Arbeitgebers Micromata geschieht das z. B. im Rahmen von „Girls Go Informatics“, einem Gemeinschaftsprojekt mit der Uni Kassel. Eine weitere praxisnahe Förderung ist sicher, dass sich unser Personalteam sehr um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bemüht – z. B. mit flexiblen Arbeitszeiten, Home Office und einem Eltern-Kind-Büro.

Ein Tag in Lauras Leben

Ich arbeite als Head of Data Science beim Kasseler Softwarehaus Micromata, um dort Data Science, Big Data und AI als neue Geschäftsfelder voranzutreiben. Weil diese Bestrebungen noch jung sind, arbeite ich eng mit dem Marketing und dem Akquiseteam zusammen – dort entwickle ich z. B. Show Cases und Anwendungsfälle für bestehende und potenzielle Kunden, um ihnen den Mehrwert von Data Science für ihre individuellen Geschäftsfelder deutlich zu machen, und führe kleine Analysen durch, um ihnen aufzuzeigen, welches Potenzial in ihren eigenen geschäftlichen und technischen Daten schlummert. Das gibt mir natürlich auch Gelegenheit, mit dem ein oder anderen Mythos rund um das Thema aufzuräumen.

In meiner Freizeit bin ich auf der Data-Science-Plattform Kaggle aktiv, wo Data Scientisten aus aller Welt gegeneinander antreten, um kleine Wettbewerbe auszutragen oder Datensätze und Analysen als Open-Source-Content zur Verfügung zu stellen. Dort veröffentliche ich regelmäßig Beiträge und Analysen zu unterschiedlichsten Themen rund um Computer Vision, Sicherheit von Machine-Learning-Algorithmen oder einfach nur explorative Analysen, die dabei helfen sollen, die Daten eines Wettbewerbs besser zu verstehen.

Lesen Sie auch: Women in Tech: „Es sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten, wenn sie es sich wünschen dort zu arbeiten“

Auf diese Weise kann ich meine Fähigkeiten kontinuierlich verbessern und neue Themenfelder erkunden, die keinen Bezug zu aktuellen Projektthemen auf der Arbeit haben. Das macht sehr viel Spaß, zumal hinter Kaggle eine sehr aktive, hilfsbereite Community steht, die ihr Wissen teilt und sich gegenseitig unterstützt.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Es passiert leider immer mal wieder, dass man als Frau in einem „Männerberuf“ in seinen Kompetenzen und Fähigkeiten unterschätzt wird. Das muss nicht mal absichtlich geschehen, sondern liegt meines Erachtens einfach an unbewussten Reflexen, die ihrerseits auf der Rollenverteilung basieren, die man selbst in der Kindheit erlebt hat. Mir ist das leider auch schon unterlaufen: In einem Meeting dachte ich nämlich mal, neben der – natürlich weiblichen! – Assistenz des Chef die einzige weitere Frau im Raum zu sein. Nur, um dann feststellen zu müssen, dass diese weibliche „Assistenz“ tatsächlich selbst die Chefin war. Vorsicht also vor Stereotypen und unbewussten Vorurteilen – und zwar auf beiden Seiten!

Vorsicht vor Stereotypen und unbewussten Vorurteilen – auf beiden Seiten!

Ich denke, eingefahrene Denkmuster können sich im Berufsleben nur dann ändern, wenn mehr Frauen in die Tech-Branche oder in MINT-Fächer einsteigen. Sobald das nicht mehr selten, sondern normal geworden ist, verschwindet auch das alte Rollenbild.
Hinzu kommt, dass sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern muss, zumal häufig die Frau die Betreuung der Kinder übernimmt, weil der Mann besser bezahlt wird. Gleiches Gehalt für gleiche Arbeit sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Außerdem sind flexiblere Arbeitszeitmodelle und mehr Offenheit gegenüber Remote-Arbeiten und Home Office sehr hilfreich, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann.

Frauen in MINT-Fächern

Jeder, der sich für Berufe in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft oder Technik (MINT) interessiert, sollte die Möglichkeit haben, einen solchen zu erlernen und auszuüben – unabhängig von Geschlecht, Alter, sozialer oder kultureller Herkunft. Unternehmen und Entwicklungsteams können sehr von Diversität profitieren, insbesondere dann, wenn das fertige Produkt viele unterschiedliche Personengruppen erreichen und für sie alle gleich gut funktionieren soll.

Die Diskussion um Diversität ist meiner Meinung nach sehr wichtig.

Ich denke da ganz konkret an ein Beispiel aus meinem Alltag als Data Scientistin: die Hautkrebsfrüherkennung mithilfe von Computer Vision. Algorithmen, die auf Bilddaten ohne Vielfalt trainiert werden, scheitern hier an all jenen Fällen, die nicht berücksichtigt worden sind. In einem diverseren ist so ein Risiko geringer, weil es einfach mehr Perspektiven, Erfahrungen und Blickwinkel. Dadurch werden Lösungsstrategien vielseitiger und das Risiko für kognitive Verzerrungen oder blinde Flecken geringer.

Die Diskussion um Diversität ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Nur weil ich in meinem Leben Glück hatte, dass mir kaum offene Widerstände begegnet sind, muss das noch lange nicht für alle gelten. Ich persönlich finde es darüber hinaus wichtig, die Debatte um Diversität nicht nur auf Fragen des Geschlechts zu begrenzen, sondern sie als Dialog zur gesellschaftlichen Teilhabe aller zu verstehen.

Hindernisse

Bisher bin ich nur auf wenige Leute gestoßen, die gezielt versucht haben, mich beim Erreichen meiner Ziele zu blockieren.

Man sollte sich einfach nicht einschüchtern lassen und unbedingt seinen eigenen Talenten vertrauen.

Und selbst dann konnte ich diese Ziele mit etwas Geduld und Kreativität auf anderen Wegen erreichen. Man sollte sich einfach nicht einschüchtern lassen und unbedingt seinen eigenen Talenten vertrauen.

Abgesehen von den unbewussten Reflexen, die ich eben schon beschrieben habe, und den genannten Stellschrauben für mehr Gleichbehandlung und Familienfreundlichkeit im Job, muss ich sagen, dass mir persönlich nur wenig geschlechtsspezifische Diskriminierung widerfahren ist.

Tipps & Tricks

Habt Vertrauen in euch selbst! Wenn ihr entlang des Weges auf Hindernisse oder auf Ablehnung stoßt, dann lasst euch davon nicht entmutigen. Es gibt immer Möglichkeiten, seine Ziele zu erreichen. Auch müsst ihr den Weg nicht als Einzelkämpfer bestreiten, nutzt lieber die Netzwerke Gleichgesinnter, die euch direkt und indirekt unterstützen können. Seid mutig, wichtige Entscheidungen für euch selbst zu treffen und euer Leben souverän in eurem Sinne zu gestalten.

Geschrieben von
Madeleine Domogalla
Madeleine Domogalla
Madeleine Domogalla ist seit 2018 Redakteurin bei S&S-Media. Vorher studierte sie Germanistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
4000
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: