Interview mit Birgit Krenn, Leiterin des Bereichs Manufacturing Science and Technology bei der VTU-Gruppe

Women in Tech: „Man sollte Frauen nicht ständig erzählen, was sie falsch machen“

Madeleine Domogalla

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Birgit Krenn, Leiterin des Bereichs Manufacturing Science and Technology bei der VTU-Gruppe.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Birgit Krenn

Birgit Krenn

Birgit ist Diplom-Ingenieurin und seit 2007 für die VTU-Gruppe tätig. Bei dem führenden Prozessanlagen-Planer leitet sie den Bereich Manufacturing Science and Technology. Mit ihrem Team von 20 Mitarbeitern, das über die Standorte in Deutschland, Österreich und der Schweiz verteilt ist, bearbeitet sie internationale Projekte im biopharmazeutischen Bereich. Vorrangig beschäftigt sie sich mit der Prozessentwicklung, dem Aufbau der kommerziellen Produktion sowie mit Studien für die erfolgreiche behördliche Zulassung.

Den Bereich hat Birgit von der ersten Stunde an aufgebaut und erwirtschaftet mittlerweile siebenstellige Jahresumsätze. Birgit studierte Biotechnologie an der Technischen Universität Graz. Bevor sie sich der VTU-Gruppe anschloss, war sie für den Gesundheitskonzern Fresenius tätig.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ich war in der Schule gleichmäßig begabt und interessiert. Chemie war mein schlechtestes Fach und damit hatte ich das Gefühl, dass da am meisten aufzuholen wäre.

Der Weg zur jetzigen Position verlief relativ linear.

Gleichzeitig versprach ein Studium an der renommierten Technischen Universität Graz einen verlässlichen sozio-ökonomischen Aufstieg. So entschied ich mich für Technische Chemie und in weiterer Folge Biotechnologie.

Der Weg zur jetzigen Position verlief relativ linear. Gegen Ende des Studiums und kurz danach hatte ich ein paar kürzere wissenschaftliche Stellen in Start-ups, die mittlerweile alle von der Bildfläche verschwunden sind. Nach einer Stippvisite in einem Pharmakonzern bin ich zu VTU gewechselt, wo ich relativ bald im jetzigen Themenbereich gearbeitet habe. Der hat mich zum einen thematisch interessiert und hat mir zum anderen die Möglichkeit gegeben, mich zu entwickeln und mir etwas aufzubauen.

Vorbilder und Unterstützer

Bei meinem Arbeitgeber gab es lange keine Frauen in Führungspositionen, ergo war auch keine Frau da, die mich da unterstützen hätte können. Allerdings hatte ich Unterstützung von einem Kollegen – und zwar von einem als außerordentlich konservativ und antiprogressiv verschrienen Tiroler. Er hat mich kollegial unterstützt und mir damit den Weg bereitet.

Als Führungskraft versuche ich, der nachfolgenden Generation die entsprechende Unterstützung zukommen zu lassen, d. h. einerseits die Frauen zu ermutigen bzw. ihnen Rückhalt zu bieten und andererseits auf die Kollegen und die Organisation einzuwirken.

Megan Rapinoe hat mich in letzter Zeit beeindruckt. Sie kann sich gut in Szene setzen, ist politisch und sozial integer und kann super Fußball spielen. Christine Nöstlinger war eine tolle Autorin und Frau und hat mich neben meiner Mama faktisch aufgezogen. Simone de Beauvoir hat mir in frühen Jahren beigebracht, dass ökonomische Freiheit grundlegend ist für die eigene persönliche Freiheit. Meine Mutter finde ich toll, sie hatte ein richtig hartes Leben und ist der gütigste, mutigste und lustigste Mensch, den ich kenne.

Ein Tag in Birgits Leben

Ich bin Head of Manufacturing Science and Technology und leite ein Team, das Projekte und Consulting für biopharmazeutische, also größtenteils gentechnisch hergestellte, Medikamente macht. Wir stellen zwar einen Bereich in einem Konzern dar, arbeiten aber eigentlich wie ein Start-up. Konkret heißt das, dass ich ziemlich viel selbst mache: Ich definiere die Business Cases, entwickle mit meinen KollegInnen gemeinsam das Projekt/Produkt dazu, kümmere mich um Marketing und Vertrieb, akquiriere und betreue unsere Kunden. Des Weiteren kümmere ich mich organisatorisch und fachlich um mein Team und leite, bearbeite und coache einen Teil der Projekte. Da das Team über den DACH-Raum verstreut arbeitet und wir internationale Projekte bearbeiten, bin ich viel unterwegs, auch wenn sich mittlerweile viel remote machen lässt.

Innerhalb meines Unternehmens habe ich einen Geschäftsbereich aufgebaut, d. h. einen neuen Business Case ausgearbeitet und das zugehörige Produkt bzw. Dienstleistungsangebot entwickelt. Es versteht sich von selbst, dass dieses Portfolio natürlich weiterentwickelt werden muss: Derzeit arbeite ich z. B. mit unseren Kollegen aus dem Data Science Bereich an datenanalytischen Fragestellungen und entsprechenden Lösungen für die biopharmazeutische Industrie.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Wie die meisten anderen Branchen wird auch die Tech-Branche von Männern geleitet und bestimmt und diese gestalten eine Kultur, die sich selbst reproduziert.

Männer erkennen mehr Potential in Männern.

Konkret heißt das: Männer erkennen mehr Potential in Männern, weil sie sich selbst oder anderen existierenden Führungspersönlichkeiten ähnlich sind. Frauen tun dasselbe – nur sitzen sie noch viel weniger in entscheidenden Positionen und daher kommen auch Frauen schwerer weiter. Natürlich ist diese Darstellung eine grobe Vereinfachung. Es gibt ja mittlerweile sehr viel Know-how zu dem Thema, das auch in Management-Seminaren gelehrt wird und es gibt auch viele Männer und Frauen, die sehr reflektiert sind in ihrer Wahrnehmung und ihren Entscheidungen. Aber auch viele Menschen, die das leider nicht sind und deren Hybris dazu führt, dass sie alle ihre – klugen und weniger klugen – Entscheidungen als Beiträge zum Firmenerfolg werten.

Frauen in MINT-Fächern

Also erstens würden Frauen ökonomisch profitieren, da in der Tech-Branche gut bezahlt wird. Die Gesellschaft würde ökonomisch profitieren, weil Frauen volkswirtschaftlich mehr beitragen könnten.

Frauen würden ökonomisch profitieren, da in der Tech-Branche gut bezahlt wird.

Die Firmen würden ökonomisch profitieren, weil sie aufhören würden, weibliche Talente zu übersehen. Produkte würden aus männlichen und aus weiblichen Gesichtspunkten designed und wären damit besser. Es gäbe mehr Gender-Gerechtigkeit und Freiheit in der Lebensgestaltung für alle.

In meiner unmittelbaren Umgebung sehe ich eine Evolution zur Gender-Gerechtigkeit bzw. zu Diversity-Equality im Allgemeinen. Die Kollegen in meinem Alter (ich bin 40) haben nicht denselben Gender Bias wie die Generation davor. Wir hatten jüngst im Führungsgremium (über 20 Männer, 2 Frauen) eine Talentediskussion und da wurden viele Frauen von meinen männlichen Kollegen als potentielle Kandidatinnen für zukünftige Führungspositionen identifiziert. Global und politisch macht mir aber der rechtskonservative Backlash schon Sorgen…

Hindernisse

Dass mir jemand bewusst Steine in den Weg gelegt hätte, wäre sicher übertrieben, aber ich habe schon Sätze gehört wie „Du wirst niemals ein großes Projekt leiten“. Das war weder böse noch persönlich gemeint, sondern einfach der Fantasielosigkeit meines Gegenübers geschuldet, der sich Frauen einfach nicht in verantwortungsvollen Positionen vorstellen konnte. Ich hätte meine Energie – für mich als auch für meinen Arbeitgeber – sicher sinnvoller einsetzen können, als dafür, mich trotz solcher Vorurteile zu beweisen.

Es gibt richtig böse Klischees: Frauen können keine Technik, Frauen gehen in Elternzeit und interessieren sich nur noch für die Familie, Frauen können nur einfache Projekte. Das sagen Leute (auch Frauen) ganz laut und kommen sich dabei erstaunlicherweise kein bisschen dämlich vor. Aber wesentlicher, weil auch nicht so augenscheinlich, sind subtilere Mechanismen: eine Frau wird eher um einen Gefallen gebeten, kriegt eher ein weniger prestigeträchtiges Projekt, wird eher nicht befördert, weil man irgendwie das Gefühl hat, das ist ok. Das ist im Einzelfall nicht schlimm, aber addiert sich dann zu einer weniger glänzenden Karriere.

Absolut jeder Mensch hat einen Bias in seiner/ihrer Wahrnehmung und infolge auch in den resultierenden Entscheidungen. Ein Entscheidungsgremium ist genauso eine soziale Filterblase, wie sie so oft für die „sozialen“ Medien diskutiert wird – ähnliche Menschen (eben Männer desselben Alters und derselben Bildungskohorte) bestätigen einander die eigenen Ansichten.

Tipps & Tricks

Ich finde vor allem, dass man Frauen nicht ständig erzählen soll, was sie falsch machen.

Es reicht nicht, einzelne Frauen zu feiern, die sich trotzdem durchbeißen.

Die Tech-Branche sowie andere Branchen sollten so aussehen, dass alle, die einen guten Job machen wollen und können, diesen ohne sinnlose Hürden auch machen können. Es reicht nicht, einzelne Frauen zu feiern, die sich trotzdem durchbeißen. Es muss einfach normal sein für Frauen, Tech und dabei auch Karriere zu machen. Es sollten mehr Frauen in Führungspositionen sein, damit auch die Perspektive von Frauen in Entscheidungen ausreichend repräsentiert ist. Es sollte mehr Frauen auf allen Ebenen geben, weil sich dann auch Frauen wohler fühlen. Und es sollte kein Mann mehr behaupten, es wären keine Frauen da, die man befördern kann.

Geschrieben von
Madeleine Domogalla
Madeleine Domogalla
Madeleine Domogalla ist seit 2018 Redakteurin bei S&S-Media. Vorher studierte sie Germanistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
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