Interview mit Rayna Stamboliyska

Women in Tech: „Bleibt euch selbst treu und strebt danach, ständig dazu zu lernen“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Rayna Stamboliyska, VP Governance & Public Affairs bei YesWeHack.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Rayna Stamboliyska

Vor YesWeHack war Rayna Stamboliyska Chief Information Security Officer und Datenschutzbeauftragte bei der Oodrive-Gruppe, einem Lösungsanbieter für virtuelle Datenräume. Als Expertin und Beraterin für Risiko- und Krisenmanagement arbeitete sie zudem für internationale Organisationen wie die Weltbank, die OECD und die UNESCO. Sie studierte Politikwissenschaft in Paris und hat einen Master in International Relations.

Rayna Stamboliyska schreibt die Kolumne “50 Nuancen des Internets” auf ZDNet.fr und spricht regelmäßig auf Konferenzen und Workshops in Europa. Sie ist Autorin von “La face cachée d’Internet” („Die dunkle Seite des Internets“), das 2018 den Cyber-Buchpreis “General Public” gewann.

Als Vizepräsidentin Governance & Public Affairs wird sie die strategische Zusammenarbeit zwischen ethischen Hackern und politischen Organisationen ausbauen. In ihrer neuen Position wird sich Rayna Stamboliyska insbesondere dafür einsetzen, bei politischen Akteuren das Bewusstsein für digitale Sicherheitsrisiken zu schärfen und sie beraten, wie man diesen proaktiv begegnen kann. Die Cybersicherheitsexpertin arbeitete viele Jahre im Risiko- und Krisenmanagement, unter anderem für internationale Organisationen wie die Weltbank, die OECD und die UNESCO.

Wie verlief dein bisheriger Weg in die Technologiebranche? 

Ich bin mit einer natürlichen Herangehensweise in die Technologiebranche eingestiegen, auch wenn sie nicht orthodox war. Tatsächlich bereitete ich mich gerade auf meine Abschüsse in Genetik und Evolution vor, als die Bioinformatik ihren Weg in den Lehrplan fand. Mit wurde klar, wie wichtig es ist, Technologie nutzen zu können, um wissenschaftliche und gesellschaftliche Fragen anzugehen, während man sich stets des Nutzens bewusst ist. Das hat mich in die Open-Source-Software-Community gebracht, als ich noch ein Master-Student war.

Meine Doktorarbeit verdeutlichte mir die Wichtigkeit, Forschungsdaten, Publikationen und Code für jedermann offen und zugänglich zu machen.Nach meiner Post-Doc-Stelle konnte ich mein Wissen bei internationalen Organisationen wie der Weltbank und der UNESCO einsetzen: Ich fokussierte mich darauf, wie man das Wissen aus offenen Daten und Codes dazu nutzen kann, öffentliche Dienste und das Leben der Menschen zu verbessern – und wurde quasi zur Vollzeit-Technologie-Fürsprecherin.

Worauf bist du in deiner Karriere am meisten stolz?

Es gibt viele Dinge, auf die ich stolz bin: meinen Abschluss mit zwei Masters und einem PhD, das Schreiben von zwei Büchern und vielen Artikeln. Mein größter Stolz ist jedoch, dass ich in der Lage war, den Austausch mit Menschen zu pflegen, die mir geholfen haben, zu wachsen. Diese Menschen ließen mich einfach „lernen zu lernen“ und trauten mir zu, dass ich echte Veränderungen bewirken kann.

Wurdest du schon einmal von jemandem am Lernen und an deinem beruflichen Fortkommen gehindert?

So eindeutig kann man das nicht sagen. Obwohl es unverblümt konfliktträchtige Situationen gab, sind diese harmlos im Vergleich zu der sehr destruktiven „Gate-Keeper-Mentalität“ mancher Menschen. Es gibt eine sehr weit verbreitete Haltung in den MINT-Fachgebieten: Einige Leute entscheiden darüber, nach welchen Kriterien neue Mitglieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden können. Das fatale dabei ist, sie haben oft im bereits im Vorfeld im Kopf, welche Art von Person diese Kriterien erfüllen können wird.  Das Navigieren zwischen verärgerten meritokratisch motivierten und stillen, von der Dookratie geprägten Menschen ist sehr anstrengend. Es ist keine Überraschung ist, dass vielen Frauen das sehr anstrengend finden. (Anmerkung: Dazu empfehle ich diesen ausführlichen Artikel über das gesamte Konzept der Meritokratie)

Der Begriff Dookratie wurde von Hackern und Hacker-Gemeinschaften geprägt. Er steht dafür, dass Verantwortung – man kann auch von Macht sprechen – eher bei denen liegt, die etwas tun und bewirken, als bei denjenigen, die zwar einen hohen Uni-Abschluss oder Sozialstatus haben, aber wenig tatsächliche Leistung bringen.

Ich sehe eine klare Dynamik, Neuankömmlinge herauszufiltern. Das ist nicht neu. Was neu – und potenziell schädlich für alle Minderheiten in den MINT-Fachgebieten ist: Frauen werden als Menschen angesehen, die einbezogen werden müssen, nur weil sie einer bestimmten Minderheit angehören. Aus diesem Grund bin ich immer vorsichtig, wenn es darum geht, als „Frau im MINT-Bereich“ herausgehoben zu werden: meine Fähigkeiten sind wichtig, nicht mein Geschlecht, also würde ich immer danach streben, für meinen Beitrag anerkannt zu werden. Geschlechtsneutral zu sein, ist allerdings schwer zu erreichen. Ein wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist, dass sich auch Frauen dieser „Gate-Keeper-Mentalität“ bedienen können – und dies auch tun. Dieser Aspekt wird jedoch selten angesprochen.


Wer war dein wichtigster Mentor – und warum?

Jemand, der mir bei einer der größten Herausforderungen für Frauen in der Technologiebranche beistand, war ein Mann: Der Direktor einer großen, globalen Pariser Technologieberatung knackte für mich das Thema Gehaltsverhandlungen. Als ich nach drei Jahren voller Businessreisen nach etwas Ruhe und einem Karrierewechsel suchte, hemmte mich das Thema Gehalt. Dieser Direktor half mir dabei, das Thema Gehaltsverhandlungen selbstbewusst anzugehen. Als Frau fühlt man sich schnell als Hochstaplerin, wenn man um ein gewisses Gehalt kämpft – diese Hürde konnte ich hinter mir lassen.

Als Frau fühlt man sich schnell als Hochstaplerin, wenn man um ein gewisses Gehalt kämpft – diese Hürde konnte ich hinter mir lassen.

Kannst du uns mehr über deine derzeitige Tätigkeit erzählen? Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Ich bin Vice President für Governance und öffentliche Angelegenheiten bei YesWeHack und berichte direkt dem CEO. Die Position ist sehr strategisch ausgerichtet und wurde speziell für mich geschaffen. Sie ist eine Anerkennung von zwei Ideen: Die erste ist, dass YesWeHack große Ambitionen hat. Das Unternehmen schafft genügend Raum für jemanden, der sich in ausschließlich mit Forschung und Public Affairs beschäftigt. Dies ist ein großer Schritt für ein am Europäischen Markt relativ neues Unternehmen. Dies wird auch dadurch möglich, dass YesWeHack an seinen europäischen Werten festhält: Integrität, Zusammenarbeit und Ethik.

Die zweite Idee ist, dass meine Fähigkeiten voll anerkannt werden. Wir sind in Bezug auf Werte, Ambitionen und Mittel auf Augenhöhe. Ich bin energisch, was vielleicht nicht immer einfach zu handhaben ist 🙂 Die Schaffung meiner Position steht für ein immenses Vertrauen von Seiten meiner Kollegen und Kolleginnen. Bei YesWeHack ist ein geschlechtsneutraler Blickwinkel ein Credo: Jeder wird für das, was er tut, respektiert und anerkannt. Ich würde sagen, wir sind hier auf der Höhe der Zeit. Deshalb leben wir bei YesWeHack wohl eine fast strikte Gleichberechtigung. Was einen typischen Tag angeht… So etwas gibt es nicht 😊

Was fasziniert dich am Thema IT-Sicherheit?

Informationssicherheit geht über jede menschliche Aktivität hinaus, da sie eine eigene digitale Existenz hat. Was mich daher am meisten fasziniert, ist die Frage, wie sich Sicherheit und Privatsphäre auf unser Leben und unsere Gesellschaft auswirken – gerade weil es zwei sich überschneidende, aber nicht vollständig substituierbare Bereiche sind.

Warum gibt es deiner Meinung nach immer noch relativ wenige Frauen in technischen Berufen?

Dafür gibt es viele Gründe – sogar mehr, als wir im ersten Moment denken. Es gibt beispielsweise Frauen, die nicht befördert werden, weil ihre weibliche Vorgesetzte das aus Stolz nicht zulässt. Oder sie stellen legitimer Weise ihr Privatleben über die Karriere, fühlen sich in Bezug auf ihre Fachkenntnisse unsicher, usw. Wenn wir uns die globalen Verhältnisse ansehen, gibt es noch eine Menge anderer Hindernisse: Unstetigkeit aufgrund des Drucks von Seiten der Familie, Probleme bei Lohnverhandlungen, ein belästigungsanfälliger Arbeitsplatz und vieles mehr. Darüber hinaus gibt es immer noch einige Vorurteile: Von der angeblich sehr schwer zu erlangenden Fachkompetenz bis hin zur „Old Boys Club“-Kultur, die angeblich keine Frauen in ihren Kreis lässt. Wir müssen die breite Öffentlichkeit – das schließt natürlich Frauen und Männer ein – besser darüber informieren, warum Technologie für jeden Einzelnen von Bedeutung ist. Dann werden sich auch mehr Menschen dazu entscheiden, durch die Arbeit direkten Einfluss auf diese Entwicklung zu nehmen.

Was können Politik und Gesellschaft tun, um dies zu ändern?

DIE Lösung habe leider auch ich nicht. Allerdings sehe ich deutlich, was nicht funktioniert: Wir haben im Laufe der Jahre verschiedene Initiativen kommen und gehen sehen, und keine davon hat einen wirklichen Umschwung gebracht. Mein Vorschlag lautet daher, dass wir generell damit aufhören müssen, Menschen in Schubladen zu stecken. Wir alle denken mit unserem Kopf, nicht mit unseren Genitalien, warum sollten wir also ein Problem Fachkräftenachwuchs ausschließlich durch das Gender-Prisma formulieren und artikulieren? Wir haben ein Diversitätsproblem im MINT; das Geschlecht ist dabei nur eines von vielen Problemen.

Ich begann mich übrigens erst dann aufgrund meines Geschlechts minderwertig zu fühlen, als ich nach Westeuropa kam. Vorher in Osteuropa zählten tatsächlich ausschließlich meine Fähigkeiten: Wie gut ich etwas verstehe, wie gut ich eine Diskussion oder ein Experiment strukturieren kann. Ich hätte nie erwartet, als ein weniger wertvoller Mensch gesehen zu werden, weil ich mit Eierstöcken geboren wurde.

Wenn wir ein Minderheitenproblem nur aus dem Blickwinkel des Geschlechts angehen, dann heben wir Frauen in einer fragwürdigen Art und Weise hervor, denn wir sagen: „Sehen Sie, wir müssen mehr Frauen einstellen, weil sie Hilfe brauchen. Sie müssen vor ihrem biologischen Zustand gerettet werden“. Das ist nicht wahr.

Frauen brauchen gleiche Bezahlung, eine vergleichbar lange Elternzeit, vergleichbare Karrierechancen.

Frauen sollten schlichtweg wie normale Menschen behandelt, nicht in Quoten einbezogen werden. Das ist eine Art positive Diskriminierung und kann mehr schaden als nutzen: Werde ich wegen meines Fachwissens eingestellt oder weil ich eine Frau bin und das Unternehmen die Präsenz von Frauen erhöhen muss? Es ist ebenso inakzeptabel, Frauen zu sagen, dass sie weniger Wissen oder Fachwissen als Männer benötigen: Wir sollten keine minderwertigen beruflichen Anforderungen fördern, nur um Geschlechtergleichstand in Unternehmen zu haben.

Welchen Rat kannst du Frauen geben, die in Führungspositionen in der Technologiebranche einsteigen wollen?

Macht eure Arbeit mit Transparenz und Bescheidenheit. Und behauptet euch! Ideen sind wichtig, genau wie positive und konstruktive Veränderungen. Bleibt euch selbst treu und strebt danach, ständig dazu zu lernen.

Wenn du drei Wünsche hättest, um die Welt zu einem besseren und gerechteren Ort für Frauen zu machen, welche wären das?

Gleiche Bezahlung, weniger Geschlechtertrennung, mehr Mentoring.

Würde unsere Welt anders aussehen, wenn mehr Frauen in MINT arbeiten würden? Was wären die (sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen) Auswirkungen?

Wir brauchen Vielfalt, denn sie ermöglicht es uns, besser zu lernen. Nur Vielfalt ermöglicht es uns, eine sich ständig weiterentwickelnde und ganzheitliche Sicht auf die Welt und die Menschen zu erhalten. Inklusion, Chancengleichheit und gleiche Bezahlung sind das, was eine blühende, innovative und lebensfähige Arbeitsumgebung ausmacht. Wir brauchen talentierte Menschen, um als Gesellschaft zu wachsen; warum also nicht alle Talente nutzen, die unsere Gesellschaft zu bieten hat.

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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