Interview mit Martina Kraus, Freelancer

Women in Tech: „Diversität bezieht sich nicht nur auf das Geschlecht, sondern auch auf die Kultur und Sprache“

Madeleine Domogalla

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Martina Kraus, Freelancer.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Martina Kraus

Martina Kraus

Schon seit frühen Jahren beschäftigt sich Martina Kraus mit der Webentwicklung. Das Umsetzen großer Softwarelösungen in Node.js und Angular hat sie schon immer begeistert. Neben ihrer Tätigkeit als private Dozentin im Bereich Webentwicklung an der Hochschule Mannheim arbeitet sie hauptberuflich als Softwareentwicklerin, vornehmlich mit Angular und C++.

In Ihrer Rolle als Google Developer Expert (GDE) liebt sie darüber hinaus auf nationalen und internationalen Konferenzen das Wissen rund um Angular zu verbreiten, organisiert regelmässig ngGirls Events (freie Angular Workshops für Frauen) und das lokale Angular Heidelberg Meetup.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Seit ich denken kann sitze ich bereits vor einem Computer. Ich hatte das große Glück mit zwei wundervollen älteren Brüdern aufzuwachsen (sechs und zehn Jahre älter). So saß ich mit drei Jahren schon vor einer Kommandozeileneingabe und habe in die Tasten gehauen 🙂

Computer haben mich schon immer fasziniert und ich habe schnell Eigeninteresse an der Programmierung gefunden. Ich glaube mit 13 dann habe ich meine eigene Webseite entwickelt – überall hat etwas geblinkt und mit total greller Schrift auf bunten Hintergrund, so würde man das heute wohl nicht mehr machen 😀 Nun und so kam es dann natürlich auch, dass ich meinen Bachelor und Master in der Informatik gemacht habe.

Vorbilder und Unterstützer

Ganz klar zu erwähnen ist hier natürlich meine Familie. Gerade meine Mutter hat hart gearbeitet, damit ihre drei Kinder allesamt studieren gehen konnten. Dafür bin ich ihr auch heute noch sehr dankbar. Natürlich auch meine Brüder, sie haben mich immer an ihre Computer gelassen oder zusehen lassen, wenn sie Mal wieder irgendwas gebastelt haben.

Ich wollte nie einer Person “nacheifern”, sondern immer eher meinen eigenen Weg gehen.

Ein Vorbild direkt hatte ich nie. Ich wollte nie einer Person “nacheifern”, sondern immer eher meinen eigenen Weg gehen. Viele Menschen die mir in den letzten Jahren begegnet sind, haben mich inspiriert. Man sagt ja auch, dass man, sobald man einen Menschen trifft, dieser einen beeinflusst. Deshalb mag ich es auch sehr durch die Welt zu reisen und so viele unterschiedliche Menschen wie möglich kennen zu lernen, da ich glaube, dass man seine eigene Denkweise dadurch sehr schnell weiterentwickelt.

Ein Tag in Martinas Leben

Der Weg zu meinem jetzigen Job verlief recht geradlinig. Ich wusste noch, bevor ich in die Schule kam, was ich ungefähr werden wollte (damals nannte ich es nur “Techniker” 😀 ). Ich hatte allerdings auch eine kurze Phase, in der ich überlegt hatte, Mathematik zu studieren. Merkte aber schnell, dass es mehr das reine Interesse an mathematischen Themen ist, als die Interesse an den Berufen, die man damit später ausführen kann. So blieb letztendlich nur noch die Frage für mich, ob ich reine Informatik oder technische Informatik studieren soll. Aufgrund des höheren Mathematikanteils habe ich mich allerdings für Letzteres entschieden.

Mittlerweile bin ich Selbstständig. Das heißt, ich entwickle oder consulte in verschiedenen Entwicklerteams für verschiedenste Projekte, meist im Frontend mit Angular. Durch meine Rolle als Google Developer Expert in Angular und Web Technologien und Ambassador für die Women Techmakers, reise ich auch oft auf die verschiedensten Konferenzen und halte regelmäßig Vorträge in beiden Bereichen. Zusätzlich liebe ich es, mein Wissen über die Programmierung mit anderen zu teilen und unterstütze das auch aktiv als Mentor und Organizer in Vereinen wie Hackerstolz, AngularGirls oder Coding Coach.

Privat in meiner Freizeit beschäftige ich mich weitestgehend mit Spieleentwicklung oder Künstlicher Intelligenz. Zurzeit arbeite ich mit Freunden an einem kleinem RPG, um endlich mal tiefer in die Unity-Entwicklung einzusteigen.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Für mich persönlich eine sehr schwierige Frage, da ich das große Glück hatte, nie auf schwerwiegende Hürden zu stoßen – oder sie nie als solche wahrgenommen habe. Meine zwei wichtigsten Lebensmottos sind: „Fail early, fail often“ und „Wenn du etwas wirklich willst, erreichst du es auch“. Natürlich ist Letzteres etwas überspitzt formuliert, aber ich denke das Wichtigste ist definitiv das Selbstbewusstsein zu stärken, indem man beispielsweise Frauen in einem sogenannten Safe Space die Möglichkeit bietet, durch viele kleine Erfolgserlebnisse Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Ich denke zudem, dass es nicht nur an dem geringen Angebot für Frauen liegt, sondern auch, dass (leider) geschichtlich bedingt, vorerst nur Männer technische Berufe ausgeführt haben. Meiner Meinung nach ist es also auch immer schwierig, Firmen vorzuwerfen, dass die Frauenquote so gering ist. Ich habe mittlerweile die Erfahrung gemacht, dass viele Teams gerne auch Frauen als Kollegen haben würden, im Umkehrschluss trauen sich allerdings noch viel zu wenig sehr gute Entwicklerinnen sich für einen technologischen Beruf zu bewerben. Aber dafür sind wir ja jetzt da, um das zu ändern.

Frauen in MINT-Fächern

Diversität an Geschlecht, Kultur oder Sprache hat immer den Vorteil, dass verschiedenste Gedanken, Weisen und Ideen aufeinander treffen. Davon kann nicht nur der Arbeitgeber sondern auch jeder einzelner Mitarbeiter stark profitieren.

Diversität bezieht sich für mich nicht nur auf das Geschlecht, sondern auch auf die Kultur und Sprache.

Jeder hat andere Stärken und Schwächen, weiß etwas, was der andere nicht weiß. Stetige Kommunikation und Reflexion mit so vielen diversen Gruppe wie möglich, sollte hierbei immer das Ziel sein. Diversität bezieht sich für mich nicht nur auf das Geschlecht, sondern auch auf die Kultur und Sprache. Ich denke es liegt noch viel Arbeit vor uns, sehe aber schon sehr positive Entwicklungen. Gerade auch auf Konferenzen auf denen ich unterwegs bin, wird sehr viel Wert darauf gelegt, eine hohe Diversität innerhalb der Speaker zu erreichen. Ich denke allerdings, dass es keinen bestimmten Zeitpunkt gibt, an dem man sagen kann: “und jetzt gibt es keine Debatte mehr”. Meines Erachtens es ist erst wirklich keine Debatte mehr, wenn man nicht mehr aktiv darauf hinweisen muss, sich divers aufzustellen und es aber dennoch ist, wenn man beispielsweise keine Frauenquote mehr innerhalb Führungspositionen benötigt und dennoch eine hohen Anteil an Frauen in diesen Positionen vorfindet.

Hindernisse und Stereotypen

Ohje, da muss ich etwas ausholen 😀 Das gesamte Thema ist tatsächlich komplexer als es auf den ersten Blick scheint. Es gibt Männer die frei von jeglichen Stereotypen gegenüber Frauen sind, und welche die natürlich immer noch das typische “Hausfrau und Mutter”-Bild verfolgen. Das gibt es allerdings auch unter Frauen. In meiner Kindheit und Jugend gab es viele Frauen in meinem Umkreis, die mir immer nahe legten, dass man als Mädchen doch eigentlich gar nicht so gut in Mathematik und Technik sein kann, wie ich es war. Ich erinnere mich auch noch sehr gut daran, wie meine Grundschullehrerin ständig meiner Mutter sagte, ich solle doch auch mal Kleidchen tragen und nicht immer nur in Hosen in der Schule auftauchen 😀 Das kategorisiere ich allerdings eher unter einem Generationsproblem bzw. eine geschichtlich bedingte Ansichtsweise, die ich sogar auch nachvollziehen kann.

Zu guter Letzt gibt es natürlich auch Frauen (ich meine hierbei aufrichtig niemand bestimmtes), die nach meiner persönlichen Meinung zu stark versuchen eine Emanzipation durchzudrücken. Vielleicht ist ein Feedback eines Kollegen auch schlichtweg ein normales Feedback und nicht ein “ich kritisiere dich nur weil du eine Frau bist”. Der Grad hierbei ist natürlich sehr schmal und auch wenn mir persönlich — glücklicherweise — noch keine Hindernisse begegnet sind, habe ich mittlerweile verstanden, wie wichtig es ist, Personen immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass das Gesagte oder das Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht nicht in Ordnung ist.

Im Endeffekt sollten hier alle beteiligten Seiten aktiv an sich arbeiten. Reise ich beispielsweise in ein anderes Land, sollte ich mich auch zuvor über die Kultur informieren, da für uns normal erscheinende Aussagen oder Verhaltensweisen vielleicht sogar sehr negativ in der Kultur angesehen werden. Und so verhält es sich auch zwischen Männern und Frauen in der Arbeitswelt. Die wichtigste Frage, die man sich jederzeit zuerst stellen sollte, ist hierbei: “Verletze ich die Gefühle meines Gegenübers eventuell, wenn ich nun diese Formulierung verwende”, die wichtigste Eigenschaft dazu ist dementsprechend, sich in das Gegenüber hineinversetzen zu können.

Ich glaube ich hatte sehr viel Glück in meinem Leben. Man hat mir wie gesagt keine Steine in den Weg gelegt. Klar bin ich auch mal sogar durch eine Klausur während meines Studiums gefallen, oder wurde bei einem Job Interview nicht angenommen, aber das ist doch auch irgendwie “normal”, oder?

Tipps & Tricks

Es ist zu einfach, nur zu sagen “Frauen, seid selbstbewusster!” Wie ich bereits gesagt habe, müssen alle beteiligten Seiten hierbei an sich arbeiten. In einem großartigen Artikel habe ich letztens gelesen, dass Motivation meist nicht aus dem nichts kommt, sondern immer erst als Folge einer Aktion.

Ich möchte allen Frauen und Mädchen Mut machen.

Ich würde also empfehlen, einfach mal zu einem Tech-Event für Frauen als erste Anlaufstation zu gehen. Es gibt mittlerweile so viele Angebote: AngularGirls, CodingCoach, OpenTechSchool, Googles Women Techmakers und, und, und. Mein E-Mail-Postfach und meine Twitter DMs sind auch immer offen für Fragen. Ich selbst biete auch ein 1:1 Mentoring für Frauen an, die aktiv in das Entwickeln einsteigen oder sich weiterbilden wollen.

Der Verein HackerStolz, in dem ich auch tätig bin, hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, die Berufe in der Tech-Szene allen Menschen mit einfachen Workshops näher zu bringen. Auch um das typische Bild des “nerdigen Hackers im Keller” etwas abzulösen, was schlichtweg nicht stimmt. Ich liebe die Programmierung. Es gibt vielerlei kleine Aufgaben und Herausforderungen in der Entwicklung. Diese hat man auch in jeglichen anderen Berufen. Entwickler benutzen schlichtweg ihren Computer und eine Programmiersprache, um diese Herausforderung zu lösen.

Ich möchte allen Frauen und Mädchen Mut machen, den Beruf auszuüben den Ihnen am meisten Spaß macht. Wenn es ein Beruf als Entwicklerin ist, dann solltet ihr den Wunsch auch nachgehen. Wenn ihr Fragen habt: schreibt mich an. Eines der schönsten Dinge für mich ist tatsächlich, wenn ich andere Menschen darin unterstützen kann, das zu tun, was sie wollen.

Geschrieben von
Madeleine Domogalla
Madeleine Domogalla
Madeleine Domogalla ist seit 2018 Redakteurin bei S&S-Media. Vorher studierte sie Germanistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
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