Interview mit Lauren Vaccarello, CMO von Talend

Women in Tech: „Wenn wir zu nett sind, sind wir Schwächlinge. Sind wir zu stark, nennt man uns aggressiv und rüde.“

Chris Stewart

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Interview mit Lauren Vaccarello, CMO von Talend.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Lauren Vaccarello, CMO von Talend

Lauren Vaccarello ist CMO von Talend. Sie kann auf eine lange Erfolgsgeschichte bei der Beschleunigung des Umsatzwachstums einiger der am schnellsten wachsenden SaaS-Unternehmen im Silicon Valley durch modernes digitales Marketing, Branding und Programme zur Nachfrageerzeugung zurückblicken. Zuvor war sie als Vice President of Marketing bei Box tätig und hatte außerdem Führungspositionen bei AdRoll und Salesforce inne.

Seit wann interessierst du dich für Tech?

Ich war schon immer an Technologie interessiert. Ich war so ein Kind, das seine Eltern um einen PC angebettelt hat, bevor Kinder überhaupt Computer hatten. Ich habe es geliebt, daran zu schrauben und wollte wissen, wie Technologien miteinander funktionieren.

Ich habe relativ am Anfang meiner Karriere für einen Online-Händler gearbeitet. Dort habe ich festgestellt, dass einige Kundenkontakte besser liefen als andere. Damals betrieb ich ihr bezahltes Suchprogramm und hatte die verrückte Idee, Salesforce mit Google Adwords zu integrieren. Also habe ich ein paar Nachforschungen angestellt und dieses coole Produkt gefunden, das genau das konnte. Da hatte ich noch keine Vorstellung, dass ich Jahre später bei Salesforce arbeiten würde und mein Chef der Gründer dieses coolen Produkts sein würde, für das ich diese Apps zusammengebracht hatte. Auf meinem Weg fand ich immer wieder kleine Sachen, die ich mit Technologie lösen konnte und das macht mir an meiner Karriere richtig Spaß.

Wie verlief dein Weg bis zu deiner jetzigen Karriere?

Es ist eher eine Kombination aus harter Arbeit, Intelligenz und purem Glück.

Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass ich da bin, wo ich bin, weil ich einige sorgfältig abgewogene Entscheidungen getroffen habe, aber so war es nicht. Es ist eher eine Kombination aus harter Arbeit, Intelligenz und purem Glück.

Ich bin der Bronx aufgewachsen, einem Viertel der Arbeiterklasse. Ich hatte nicht viel Zugang zur Unternehmenswelt und meine lokale High und Middle School hatten Metalldetektoren. Das war damals noch sehr viel seltener. Zum Glück hat New York City diese großartigen, spezialisierten öffentlichen High Schools, in die man mit Tests hineinkommen kann. Ich liebe an diesem System, dass es egal ist, welche Noten man hat oder woher man kommt. Wenn man in NYC lebt und eine bestimmte Punktzahl erreicht, hat man die Möglichkeit, eine der besten High Schools im Land zu besuchen. Ich habe mich in eine dieser High Schools „hineingestestet“. Ich rechne es der Bronx High School of Science wirklich hoch an, dass sie die Richtung, in die mein Leben ging, dramatisch geändert hat und mir eine Welt an Möglichkeiten – beispielsweise der Besuch eines Colleges – eröffnet hat.

Nachdem ich mein Grundstudium abgeschlossen hatte, bin ich gereist und habe einen Job bei einem Online-Dating-Unternehmen angenommen, um bezahltes Suche-Marketing durchzuführen. Um das in Kontext zu setzen: Das Ganze war in den frühen 2000er Jahren, als Onlinemarketing noch kein sozial anerkannter Beruf war. Meine nächste Stelle war bei einem Handelsunternehmen an der Wall Street. Damals, in meinen 20ern, habe ich das Marketing für die achtgrößte Online-Werbeagentur gemacht. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, ob ich für den Job qualifiziert sei, aber ich habe extrem hart gearbeitet und schnell gelernt. Ich wusste nicht einmal, was ich nicht wusste, aber so konnte ich großartige Arbeit abliefern. Jahre später bekam ich dann einen Job bei Salesforce. Ich kannte das Produkt und fand es gut. Der Rest ist Geschichte.

Als Frau in einer Führungsposition musste ich lernen, die Balance zwischen Durchsetzungsfähigkeit und Aufdringlichkeit zu finden. Alles, was man sagt, aber auch nonverbale Hinweise und Handlungen sagen etwas aus. Ich wurde bei meinen früheren Unternehmen vom „Boys Club“ nicht zu After-Work-Ausflügen und Meetings eingeladen, bzw. habe wichtige Mails verpasst. Dazu war ich im Laufe meiner Karriere häufig unterbezahlt. Ich musste Wege finden, das zu durchbrechen, beispielsweise richtige Interaktionen zu führen, die über das „Hier ist dein Bericht, den du wolltest“ hinausgingen und zu echten Beziehungen führten. Aktivitäten außerhalb der Arbeit sind essentiell, um Beziehungen zu Mitarbeitern aufzubauen und zu vermenschlichen. Diese Beziehungen sind essenziell, um die eigene Karriere voranzutreiben.

DYF

Gibt es jemanden, der dich unterstützt hat?

Ich hatte das Privileg während meiner Zeit bei Salesforce mit unglaublichen Führungspersönlichkeiten wie Linda Crawford und Hilarie Koplow-McAdams arbeiten zu dürfen. Sie haben mir gezeigt, wie gute Führungsqualitäten aussehen, wie man einen Raum beherrscht und wie beutend es ist, Präsenz zu zeigen.

Es gibt dieses alte Sprichwort, „Es ist einsam an der Spitze.“ Das ist absolut wahr, aber ich muss sagen, je höhergestellt man ist in seiner Karriere, umso wichtiger ist es, ein Netzwerk an vertrauenswürdigen Kollegen und Mentoren zu haben. Wir nehmen ständig neue Hürden und es ist vollkommen in Ordnung, nicht auf alles eine Antwort zu haben. Ich habe einen unglaublichen Freundeskreis um mich, die CMOs sind. Wir sprechen regelmäßig über Probleme, die auftauchen und helfen uns gegenseitig, uns durch sie durchzukämpfen. Als man sich noch persönlich treffen konnte, haben wir beispielsweise regelmäßige „Lady-CMO-Mittagessen“ veranstaltet. Jetzt sind es eher Happy Hours in Zoom. Man kann nicht alles wissen und Frauen an seiner Seite zu haben, bei denen man weiß, dass sie dich leiten und, dass du ihnen trauen kannst, ist sehr wichtig.

Hat man Dir je Steine in den Weg gelegt?

Es gibt nicht den einen, richtigen Weg, ein Unternehmen oder Team zu führen.

Ich habe einmal nach einer Beförderung gefragt, die ich nicht bekam. Man sagte mir, dass ich mich nicht wie andere Führungspersönlichkeiten darstelle. In anderen Worten: Man sagte mir, ich hätte nicht das gleiche Auftreten wie einige meiner Kollegen. Dazu habe ich gesagt: „Liegt es daran, dass ich in Meetings nicht mit der Faust auf den Tisch schlage und herumschreie? Nein, ich dominiere nicht den Raum, aber habe ich jemals nicht abgeliefert?“ Die Person, mit der ich gesprochen hatte, sagte: „Nein, du lieferst immer ab. Du versagst nie.“ Und ich sagte dieser Person: „Das stimmt. Ich werde nicht wütend und verlange, dass jeder auf mich hört. Ich beobachte den Raum und verstehe, was los ist und erkenne die unterschiedlichen Standpunkte. Dann arbeite ich mit jedem individuell, um zum gleichen Schluss zu kommen. So fühlt sich jeder gut und gewinnt ein wenig. Dann bekomme ich das von uns gewünschte Ergebnis. So führe ich. Und wenn du glaubst, dass der andere Weg der einzige ist, wie eine Führungspersönlichkeit auftreten sollte, dann solltest du dir überlegen, welche Art von Unternehmen, du aufbaust.“ Am Ende habe ich die Beförderung beim nächsten Mal bekommen und als Unternehmen haben wir sehr viel mehr über Diversität in den Führungsstilen nachgedacht. Es gibt nicht den einen, richtigen Weg, ein Unternehmen oder Team zu führen. Für mich kommt es darauf an, authentisch zu sein.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Seit Juli 2019 bin ich die CMO bei Talend, einem Unternehmen für Datenintegration und Datenintegrität. Seit unserer SIP Extension ist mein Alltag ganz anders als ich es gewöhnt bin. Als Executive liegt mein Fokus darauf, das Team auf Linie, bzw. engagiert und begeistert zu halten. Ich arbeite mit meinen Führungskräften daran, eine Vision und eine Strategie für unsere Abteilung zu setzen. Ich treibe mein Team ziemlich hart an, also haben wir wöchentliche Calls zu Pipeline-Vorhersagen und aggressive Deadlines.

Vor diesem Hintergrund muss ich sagen, dass ich die Leute sehr schätze und ich sicherstellen möchte, dass sie unterstützt werden. Wir nehmen uns auch Auszeiten. Wir haben in der Abteilung wöchentliche Yogastunden, zweimal wöchentlich Bürostunden, wöchentliche Zoom Happy Hours und monatlich ein All-Hands-Meeting. Außerdem treffe ich mich mindestens einmal die Woche mit allen, die mir berichten und plane Zeit für Skip-Level-Meetings für das ganze Unternehmen ein. Ich persönlich nehme mir mindestens 30 Minuten am Tag Zeit für ein Workout und einen Spaziergang über 6 Kilometer. Ich brauche Bewegung, sonst werde ich verrückt.

Auf was in deiner Karriere bist Du besonders stolz?

Jeder Aspekt unserer Kommunikation wird geprüft.

Ich bin stolz auf die Fortschritte der Leute, die ich während meiner Karriere eingestellt und betreut habe. Einige sind CMOs und VPs oder andere Kleinunternehmerinnen. Wenn ich sehe, was aus ihnen geworden ist und wie sie ihre Führungsrollen wahrnehmen, – angefangen bei Empathie bis hin zu den Ergebnissen – dann glaube ich, dass ich einen positiven Eindruck auf dieser Welt hinterlassen habe.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Ich glaube, dass das ein Problem der Führung und der Gesellschaft ist. Es gibt ein Chancenungleichgewicht in der Tech-Branche für Männer und Frauen. Wenn dann Frauen an Tech-Stellen kommen, erfahren sie oft Widerstand. Tech-Unternehmen werden zu einem überwältigenden Maß von Männern geführt. Wenn wir an der Spitze Änderungen durchsetzen können, dann können wir in den Unternehmen einen Wandel erzwingen, um mehr Frauen in Führungsrollen zu holen.

Welche Stereotypen sind Dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet?

Wenn wir keine inklusive Umgebung schaffen, verlangsamen wir direkt oder indirekt das Vorankommen der Frauen.

Frauen in der Tech-Branche müssen sehr viel mehr Zeit für Beobachtungen aufbringen als ihre männlichen Gegenstücke. Jeder Aspekt unserer Kommunikation wird geprüft. Wenn wir zu nett sind, sind wir Schwächlinge. Sind wir zu stark, nennt man uns aggressiv und rüde.

Als Frau in einer Führungsposition findet man sich oft allein wieder, beispielsweise wenn man bei Abendessen vergessen wird. Es gibt nur wenige weibliche Kollegen, mit denen man zusammenarbeiten kann.

Es sind eher die kleinen Dinge, die außerhalb der Arbeit passieren – die unbeschreiblichen Momente, die eine Karriere beschleunigen können. Es sind oft Konversationen in einer Bar oder bei Sportveranstaltungen, in denen Führungspersönlichkeiten ihr Team besser kennenlernen und das Potential ihrer Arbeitnehmer sehen können. Leider werden Frauen bei solchen Dingen – oft unbewusst – außen vor gelassen. Während meiner eigenen Karriere wurde ich nicht zu Drinks, einem Dinner oder einem Ausflug eingeladen – nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil die Leute sich kannten und nicht daran dachten, mich mit einzubeziehen. In diesen Situationen kann es zu beiläufigen Gesprächen kommen, die zu neuen Projekten und dadurch zum Voranschreiten der Karriere führen können. Wenn wir keine inklusive Umgebung schaffen, verlangsamen wir direkt oder indirekt das Vorankommen der Frauen.

Wäre unsere Welt eine andere, wenn mehr Frauen in MINT arbeiten würden?

Ich denke die Welt wäre anders. Frauen tendieren dazu, mit mehr Empathie zu führen. Das kann man sogar an World Leader wie Neu Seelands Premierministerin Jacinda Arden sehen. Wenn mehr Frauen im MINT arbeiten würden, müsste ich glauben, dass es einen eher nutzerzentrierten Ansatz für Schöpfung und Entwicklung gäbe. Ich kann mir auch vorstellen, dass verschiedene Arten von Herausforderungen gelöst werden.

Die Debatte um Diversität gewinnt an Fahrt. Wie lange wird es dauern bis wir Ergebnisse sehen?

Schließt Freundschaften und Connections, sobald ihr euren ersten Job in der Tech-Branche habt.

Die Debatte erhält auf jeden Fall an Fahrt. Ich habe aus erster Hand gesehen, wie junge Universitätsabsolventinnen so viel mehr in Bezug auf Diversität und Inklusion verlangen als meine Generation überhaupt erkannt hat, was wir fordern sollten. Es ist wirklich unglaublich.

Es ist an uns als Führungspersönlichkeiten, sie weiter dazu zu ermutigen, diesen Weg zu formen und es sich selbst leichter zu machen als es vielen von uns ergangen ist. Wir müssen auch daran arbeiten, die Chancenlücke auf der Bildungsebene zu überbrücken. Ich glaube nicht, dass es in den nächsten Jahren „gefixt“ sein wird, aber ich habe die Hoffnung, dass, wenn meine 5-jährige Tochter erwachsen ist, sie nicht weiß, dass es diesen Kampf überhaupt gegeben hat.

Welche Tipps würdest du Frauen geben, die eine Karriere in der Tech-Branche anstreben?

Legt los und haltet euch nicht zurück. Das Schöne daran, wenn man etwas Neues macht, ist, dass man nicht weiß, was möglich ist oder nicht. Nehmt an, dass alles möglich ist und stürzt euch hinein. Die Tech-Welt ist bekannterweise klein, also findet Wege, euch zu vernetzen. Schließt Freundschaften und Connections, sobald ihr euren ersten Job in der Tech-Branche habt. Karrieren sind lang und ihr werdet feststellen, dass ihr nach 10 oder 15 Jahren eine Menge Leute kennen werdet. Dann ist es an euch, euren Teil dazu beizutragen, der nächsten Generation zu helfen.

Geschrieben von
Chris Stewart
Chris Stewart
Chris Stewart is an Online Editor for JAXenter.com. He studied French at Somerville College, Oxford before moving to Germany in 2011. He speaks too many languages, writes a blog, and dabbles in card tricks.
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